Streit um Mosambiks portugiesische Gastarbeiter

2. Oktober 2012, 05:30
  • Einfahrt zu einer Kohlemine in Tete, Mosambik: Um den Rohstoffboom zu 
bewältigen, sind qualifizierte Arbeitskräfte aus Europa gefragt - aber 
nicht unbeschränkt.
    foto: standard/tobias müller

    Einfahrt zu einer Kohlemine in Tete, Mosambik: Um den Rohstoffboom zu bewältigen, sind qualifizierte Arbeitskräfte aus Europa gefragt - aber nicht unbeschränkt.

Weil die Wirtschaft in Portugal schrumpft, aber in Mosambik boomt, wandern zunehmend Portugiesen in die Ex-Kolonie aus

Nicht immer sind sie dort willkommen.

 

"Viele Portugiesen kommen hierher, weil sie zu Hause keine Arbeit finden. Das ist in einem armen Land wie Mosambik ein großes Problem. Hinzu kommt, dass manche von ihnen sich wie die alten Kolonialherren aufspielen", echauffiert sich Nelly Jacob Nuambe. Die 25-jährige Modedesignerin ist nicht die einzige Mosambikanerin, die sich über die Umkehrung der Geschichte aufregt: Während ihre Landsleute früher bei den ehemaligen Kolonialherren Arbeit suchten, strömen jetzt tausende Portugiesen in den Südosten Afrikas.

Nicht immer sind sie willkommen. "Illegale Portugiesen ausgewiesen" berichten mosambikanische Zeitungen. In Portugal beträgt die Arbeitslosigkeit 15,4 Prozent, trotz eines 78-Milliarden-Euro-Rettungspakets schrumpfte die Wirtschaft laut Eurostat im zweiten Quartal 2012 um 1,2 Prozent. In Mosambik hingegen, dem bislang viertärmsten Land der Welt, wuchs sie, zuletzt um durchschnittlich sechs Prozent jährlich.

An diesem Boom wollen auch die ehemaligen Kolonialherren teilhaben. Täglich kommen neue Wirtschaftsflüchtlinge in der 8500 Kilometer entfernten Ex-Kolonie an. Laut Schätzungen leben derzeit über 120.000 Portugiesen in Mosambik. Ihre Vorfahren hatten das Land jahrhundertelang ausgequetscht, ehe sie es 1975 Hals über Kopf verließen. Kurz darauf brach in der Ex-Kolonie ein Bürgerkrieg aus, bis zu 900.000 Menschen starben. Die Wirtschaft brach zusammen,

In der Folge interessierte sich kaum jemand für das riesige Land mit rund 22 Millionen Einwohnern. Bis vor wenigen Jahren Kohle und Gas gefunden wurden und einen Rohstoff- und Bau-Run auslösten. Doch nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten Krieg gibt es in dem Küstenstaat, in dem 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten, kaum qualifiziertes Personal, um die Ressourcen zu Geld zu machen. Vor allem portugiesische Ingenieure wittern ihre Chance.

"Die Leute brauchen uns, um ihr Land voranzubringen, und wir brauchen gutbezahlte Jobs, die es bei uns zu Hause kaum noch gibt", sagt etwa der portugiesische Baugeologe Vasco Gomes, den eine portugiesische Baufirma nach Mosambik geschickt hat. Eigen- und Fremdwahrnehmung unterscheiden sich hier teilweise frappierend: Alle Mosambikaner über 45 Jahren können sich noch gut daran erinnern, dass gute Stadtteile für die weißen Kolonialherren reserviert waren und Schwarze nur Zutritt hatten, wenn sie dort arbeiteten. Doch aus dem kollektiven Gedächtnis vieler ausgewanderter Portugiesen scheinen diese beschämenden Reminiszenzen verschwunden zu sein.

Damit auch Mosambikaner am Rohstoff-Boom teilhaben, bemühen sich staatliche Stellen in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und Entwicklungsbanken um Ausbildung in dem Land. Denn rund 45 Prozent der Bewohner Mosambiks sind Analphabeten.

Furcht um die "guten Jobs"

Einer, der von den Programmen profitiert, ist der 21-jährige Mosambikaner Santos Manhinque. Er besucht in der Hauptstadt Maputo ein von der GIZ unterstütztes Berufsbildungszentrum und lässt sich zum Elektriker ausbilden. Später, hofft er, werde er einen der begehrten Jobs in der Rohstoffindustrie ergattern. "Solange wir noch nicht die notwendige Ausbildung haben, brauchen wir gute Vorschriften, die regeln, dass uns Portugiesen und andere Ausländer nicht die ganzen guten Jobs wegschnappen", sagt er.

Mosambikanische Politiker haben diese Ängste vor den Arbeitsmigranten verstanden: "Laut unseren strengen Gesetzen kann ein Ausländer nur eingestellt werden, wenn kein gleichqualifizierter Mosambikaner zur Verfügung steht. Zudem darf höchstens ein Zehntel der Belegschaft aus dem Ausland stammen", sagt die für die Berufsausbildung zuständige stellvertretende Bildungsministerin Leda Hugo. "Allerdings", räumt sie ein, "kein Entwicklungsland der Welt, in dem plötzlich viele Rohstoffe entdeckt werden, kann den Boom mit nationalen Kräften allein bestreiten." (Philipp Hedemann aus Maputo /DER STANDARD, 2.10.2012)

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faktisch war mozambik seit 1877 portugisische kolonie, davor war der einfluss auf den kuestenstreifen beschraenkt.
portugal hat tatsaechlich ein auf ausbeutung ausgerichtetes system der zwangsarbeit eingerichtet und die ganze kolonie "privatisiert", zur entwicklung des landes wurde ganz genau nichts getan, kurz und lesenswert, auch als kommentar zum neoliberalismus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Comp... %A7ambique
es ist auffaellig, das kleine kolonialstaaten wie portugal und belgien ("the heart of darkness") ihre kolonien besonders schlecht verwalteten.

Arbeiter = Kolonialherr?

Arbeiter sind keine Kolonialherren.

Kolonialismus-Attitüde à la Daktari oder Karl May findet man in Philipp Hedemanns Profil auf weltreporter.net.

"Er diskutierte mit einem Philosophen, der weder lesen noch schreiben kann, aber eine Philosophie erfand, auf die Karl Marx stolz gewesen wäre."

Dass Marx einen afrikanischen Analphabeten geschätzt hätte, lässt sich mit Sicherheit ausschließen. Und schon gar nichts hätte er von bürgerlichen Dritt-Welt-Romantikern und Verunglimpfern des europäischen Proletariats gehalten.

Keine kontinentale Kommunikation

Die Euro-Krise offenbart, dass es eine kontinentale Kommunikation nicht gibt. In einem funktionierenden Währungsgebiet müssten in der jetzigen Krise Arbeitskräfte aus schwachen Regionen in starke abwandern. In den USA geschieht dies ständig. Für einen Portugiesen ist es jedoch nicht so einfach, in den finnischen Arbeitsmarkt integriert zu werden - er geht deshalb lieber nach Brasilien oder gar Mosambik -, ein Grieche tut sich in Deutschland oder Österreich schwer, Iren suchen nicht etwa in anderen EU-Staaten Arbeit, sondern wandern gleich nach Kanada, Australien oder Neuseeland aus usw. Die Arbeitnehmermobilität ist im Gegensatz zum Güterverkehr in der EU aufgrund der Sprachenvielfalt sehr viel eingeschränkter als zwischen US-Bundesstaaten.

Woran mag das wohl liegen? Vielleicht an der Sprache?

Sehr geehrter Herr Hedemann, von wo haben Sie diese interessanten Informationen ?...

auf der Webseite "A Communidade Portuguesa em Mocambique" werden etwa 11 Tsd Personen in den Provinzen Maputo, Inhambane, Zambezia u Gaza gezaehlt. Davon sind 6 Tsd in Mocambique geborene, mit Pass Portugal, 3 845 in Portugal u 547 in Indien geborene. Auch unter Beruecksichtigung der erhoehten Auswanderung in den letzten Jahren von 25 000 weiteren Personen, grosstenteils mit lokalen Wurzeln, kommt man nicht auf 120 Tsd!
Des weiteren verzeichnen verlaessliche Quellen ein Wirtschaftswachstum von 8,0% was bei einem Pro Kopf BIP von 440 USD nicht ungewoehnlich atraktiv ist, sowie an einem Mangel von Fachkraeften u einem hohen "Investitionsbedarf". Portugiesen gehen lieber nach Angola dort ist d BIP Pro Kopf 10x hoeher, der Verdienst besser!

Oder nach Brasilien.

eigentlich interessant was die geschichte welche storys schreibt: das einst geschundene und ausgebeutete kolonialland ist heute eine der letzten hoffnungen für die arbeitslosen portugiesen....
man sieht was vielen millionen europäern die EU bzw. der Euro gebracht hat.....

Sowas hat in portugal Tradition, vor Napoleon sind viele (inkl König) nach Brasilien geflohen.

Jaja, die lokalen Politiker haben natürlich nichts mit dem Niedergang der diversen Länder zu tun. Ohne EU würden in Portugal und Griechenland alle supertolle Jobs haben, keine Arbeitslosigkeit und alles wäre gratis.

Und in Österreich hätten wir höchstintelligente Nobelpreisträger als Politiker und keine Feymans, Spindis, von HC und Co ganz zu schweigen. Milch und Honig würde......

Ganz ehrlich, wird das nicht fad immer für alles der EU die Schuld zu geben? Ja immer jede Schuld für alles auf irgendwen weit weg zu schieben damit man ja nicht die Verantwortung bei sich suchen muss?

Die Politiker sin eh nur Marionetten. Auch die auf EU ebene. Portugal ist Pleite weil diverse Konzerne davon profitiert haben.

Raten sie mal wer damals schon sein Glück in den Kolonien gesucht hat, und warum !

Schlecht geschrieben der Artikel. Spricht Hr Hedemann wenigstens port.?
In Wirklichkeit nähern sich die afr. Länder und Portugal wieder an. Man weiss, was in der Geschichte falsch gelaufen ist, und wie man es besser machen kann. Es gibt sicherlich noch manche "Kolonialherren" aber die Grundstimmung ist freundschaftlich gesinnt, wie mit Brasilien.
Bsp. ist der Sport. Portugal hatte bei der WM in Südafrika große afr.(Angola / Mocambique...) Unterstützung.

Nach der Nelkenrevolution sind sicher weit mehr Mocamiquaner nach Portugal gekommen als jetzt Portugiesen nach Moçambique.

Wozu also die Aufregung?

"Wittern ihre Chance"

Geht's noch tendentiöser? Warum ist es plötzlich anrüchig, wenn Leute dorthin ziehen, wo ihre eigene Arbeitskraft benötigt wird? Dem Artikel nach handelt sich ja offenbar nicht um irgendeine anrüchige Arbeit à la Ausbeutung von Blutdiamanten/Waffenhandel/etc..

Wenn Mosambique dann diese Leute nicht einwandern lassen will, ist das natürlich das selbverständliche Recht eines souveränen Staates. Aber deswegen sind die Absichten der portugiesischen Ingenieure noch lange nicht per Automatik fragwürdig.

Die Portugiesen brauchen Mozambique, um sich selber voranzubringen, nicht das Land.

Das war zu Kolonialzeiten nicht anders. Weshalb ist es schlecht, dass 80% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind? Das ist wenigstens eine sinnvolle Tätigkeit. Soll Mozambique auch an der weltweit grassierenden Gier teilnehmen? Die Bodenschätze und Arbeitskräfte auszuplündern und die Ressourcen zu vernichten ist eher blöde, aber leider das Einzige, was wir im Westen wirklich gut können.

Solche Rassisten, die Mosambikaner: Haben fremdenfeindliche Gesetze!

alle staate abschaffen, das mein ich ernst.

Was ist die tiefere aussage ihres Postings?

er ist fpöler und will auf pseudo-"sarkastische" weise auf strenge ausländergesetze hinweisen. :)

"Solange wir noch nicht die notwendige Ausbildung haben, brauchen wir gute Vorschriften, die regeln, dass uns Portugiesen und andere Ausländer nicht die ganzen guten Jobs wegschnappen"

Hm, irgendwie klingt das nach einer total falschen Einstellung. Andererseits koennte er vielleicht doch rechthaben ...

"Solange wir noch nicht die notwendige Ausbildung haben, brauchen wir gute Vorschriften, die regeln, dass uns ... Ausländer nicht die ganzen guten Jobs wegschnappen"

Wenn ein arbeitsloser indigener Mitteleuropäer das sagt, ist er ein Nazi. Schließlich hat die herrschende Schicht in Mitteleuropa ein Interesse an billigsten Arbeitskräften, die auch für 2 € pro Stunde und ohne soziale Absicherung die Drecksarbeit machen.
Wenn sonst jemand das sagt ist er ein aufgeklärter moderner Mensch der natürlich dabei unterstützt werden muss die bösen Ausländer abzuschieben.

Das soll dem mitteleuropäischen Proletariat vor Augen halten, daß es wirklich das wertloseste ist was es gibt, und daß es keinerlei Ansprüche zu stellen hat, zumindest in den Augen derer, die wirtschaftliche und publizistische Macht haben.
Daß die veröffentlichte Meinung nicht die der Öffentlichkeit ist, ist übrigens schon lange bekannt...

spricht man das eine Land "Motschambikwe" oder "Mosambitschke" aus? Das andere Land ('Gallien) ist mir soweit klar.

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