Raiffeisens riskante Expansion in Polen

1. Oktober 2012, 17:55
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Die Raiffeisen Bank International baut ihr Geschäft in Polen massiv aus. Mit der Polbank wagt die RBI einen riskanten Zukauf

Wien/Warschau - Der Risikoappetit der österreichischen Banken kehrt langsam zurück. Nach langer, krisenbedingter Pause haben die in Osteuropa tätigen heimischen Großbanken 2012 wieder erste Zukäufe gewagt. Die Gelegenheit ist günstig, denn viele westeuropäische Banken müssen ihre Kapitalpolster stärken und stehen daher unter Verkaufszwang.

So erwarb die Erste Group im Sommer von der französischen BNP Paribas die Private-Banking-Sparte in Ungarn mit rund 400 Kunden und einem verwalteten Vermögen von 60 Milliarden Forint (216 Millionen Euro). Größter Deal des Jahres dürfte der Kauf der polnischen Polbank durch die Raiffeisen Bank International (RBI) für 806 Millionen Euro werden. Die RBI verfügt in Polen bereits über ein Tochterinstitut und will ihre beiden Geldhäuser in den kommenden Monaten fusionieren. Die neue Bank soll über 930.000 Kunden verfügen, womit Polen hinter Russland zum zweitgrößten Auslandsmarkt für Raiffeisen wird.

Kundenflucht

Grund genug für RBI-Chef Herbert Stepic österreichische Medien zur Präsentation der neuen Bank nach Warschau zu laden. Dabei wurde deutlich, dass der polnische Zukauf Raiffeisen vor große Herausforderungen stellt.

Die 2006 gegründete Polbank gehörte vor dem Kauf durch RBI zur griechischen Eurobank. Da die Polbank nur als eine Filiale der Eurobank fungierte, fiel das Institut in Polen unter die griechische Einlagensicherung. Die Folge war ein massiver Abzug von Kundengeldern seit Ausbruch der Turbulenzen in Griechenland.

Zudem war die Polbank im riskanten Geschäft mit Fremdwährungskrediten besonders aktiv. In Polen laufen 35 Prozent der Kredite in Fremdwährungen. Das ist zwar im Vergleich mit Ungarn, Rumänien und der Ukraine wenig, bei der Polbank wurden allerdings 85 Prozent der Hypothekenkredite in Schweizer Franken vergeben. In Ungarn würde Bankern angesichts solcher Zahlen ein Schauer über den Rücken laufen: Dort sind fast ein Viertel aller Kredite notleidend, die meisten davon laufen in Fremdwährungen.

Stepic: Polen nicht mit anderen Problemfällen vergleichbar

In Warschau pochte Stepic darauf, dass Polen mit den anderen Problemfällen in Osteuropa nicht vergleichbar sei. Tatsächlich hat die Notenbank in Warschau schon 2006 eine Empfehlung ausgegeben, die dafür gesorgt hat, dass in Polen vor allem finanzkräftige Kunden an Devisendarlehen gelangten. Daher sind die Kreditausfälle in Polen in der Landeswährung derzeit sogar höher als in Fremdwährungen.

In Warschau verwies Stepic zudem auf die robuste Wirtschaftsentwicklung: Polen ist das einzige EU-Land, dessen Wirtschaft seit 2008 kontinuierlich gewachsen ist. Für 2012 prognostiziert die Osteuropabank EBRD dem Land ein Wachstum von 2,9 Prozent, für 2013 2,4 Prozent. Von dieser Stärke will Raiffeisen profitieren.

Personalabbau steht bevor

Allerdings ist der polnische Wachstumsmotor ins Stottern geraten. Das Land kämpft mit den Nachwehen der Fußballeuropameisterschaft. Die Baubranche gilt als überdehnt und nach dem Ende des Projektreigens rund um die Euro schreiben zahlreiche Unternehmen rote Zahlen. So ist erst kürzlich PBG, das drittgrößte Bauunternehmen des Landes, in die Insolvenz geschlittert. Die polnischen Bauunternehmer stehen bei den Landesbanken mit 14 Milliarden Euro in der Kreide.

Um die neue polnische Tochter in die Gewinnzone zu führen, möchte RBI kräftig Kosten einsparen. Wie viele der 443 Filialen in Polen geschlossen werden sollen und wie viele der 6200 Mitarbeiter gehen müssen, wollte Stepic in Warschau noch nicht verkünden. (András Szigetvari, DER STANDARD, 2.10.2012)

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    Im Zentrum Warschaus wird weitergebaut, doch im Rest des Landes ist die überdehnte Bauindustrie in die Krise geschlittert. Viele Banken fürchten um die Rückzahlung ihre Kredite.

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