"AMS ist Reparaturanstalt für Schulsystem"

Interview |

Johannes Kopf erklärt, warum Österreich so viel Geld für seine Arbeitslosen ausgibt, Grazer nicht pendeln wollen und er von Arbeitszeitverkürzung nichts hält

Die Arbeitslosigkeit steigt auch in Österreich wieder deutlich. Warum das AMS schulische Aufgaben erledigt, wo er mangelnde Flexibilität sieht und welche er für die Herausforderungen der Zukunft hält, erklärt AMS-Chef Johannes Kopf im Interview.

derStandard.at: Die Arbeitslosigkeit steigt auch in Österreich. Welche Branchen wird es in den kommenden Monaten besonders treffen?

Kopf: In gewisser Weise sind alle Branchen von der Flaute in der Wirtschaft betroffen. Wir sehen eindeutig zu wenig Wachstum. Ganz besonders hat das mit der exportorientierten Industrie zu tun. Bei der Herstellung von Waren verzeichnen wir bei den Personen, die über die Arbeitskräfteüberlassung angestellt sind, einen Anstieg von elf Prozent. Gleichzeitig sieht man schon eine Steigerung im Bau mit sechs Prozent. Handel und Tourismus schauen besser aus. Das erklärt auch, warum die Frauenarbeitslosigkeit um drei Prozent steigt und die der Männer um 6,7 Prozent.

derStandard.at: 2009 wirkten allerhand Konjunkturprogramme. Derzeit schauen die prognostizierten Wachstumszahlen nicht rosig aus. Wird es noch grimmiger?

Kopf: Nein. Die Lage ist überhaupt nicht vergleichbar mit 2009. Damals hatten wir einen BIP-Rückgang von fast vier Prozent. Jetzt erwarten wir im nächsten Jahr ein Wachstum von rund einem Prozent. Man sieht das auch an den Zahlen. Jetzt steigt die Arbeitslosigkeit um fünf Prozent. Damals haben wir Monate mit über 30 Prozent gehabt. Trotz Kurzarbeit, trotz der Konjunkturprogramme, trotz Gegensteuerung.

derStandard.at: Paradoxerweise steigt in Österreich immer noch die Beschäftigung. Wie erklärt sich das?

Kopf: Ja, es entstehen sogar zusätzliche Jobs. Wir haben aktuell 45.000 mehr Beschäftigte als vor einem Jahr. Aber wir haben auch ein steigendes Arbeitskräftepotenzial. Wir haben Zuwanderung aus den neuen EU-Ländern und aus Deutschland. Aber wir haben mehr Frauen und deutlich mehr Ältere am Arbeitsmarkt. Das hat demografische Gründe verbunden mit Pensionsreformgründen. Durch die Verteuerung des Nachkaufens der Pensionszeiten sind die Anträge auf vorzeitige Pension wegen der Hacklerregelung ganz massiv zurückgegangen.

derStandard.at: Was bedeutet dieser Trend, der sich noch fortsetzen wird, für das Gefüge am Arbeitsmarkt? Wird es für Junge noch schwieriger, den Einstieg zu finden?

Kopf: Bei den Jungen gibt es schon eine leichte demografische Entlastung. Obwohl die Arbeitslosigkeit steigt, sinkt die Zahl der Lehrstellensuchenden um 1,7 Prozent. Das liegt daran, dass die Anzahl der 15-Jährigen langsam zurückgeht. Die Betriebe wissen auch, sie brauchen Leute für morgen. Der "Kampf" um die Lehrlinge hat in gewisser Weise begonnen. Es gibt Aktionen wie: Wenn du die Lehre bei uns abgeschlossen hast, schenken wir dir den Führerschein oder ein Moped.

derStandard.at: So ein G'riss gibt es aber noch lange nicht um alle ...

Kopf: Es geht um die "Guten". Wir haben in unseren Ausbildungen immer noch 11.000 Jugendliche, aber auch wir haben heuer erstmals, seit es dieses Auffangnetz gibt, weniger Plätze. Das war noch nie da. Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben, machen über uns ihre Ausbildungen in Lehrwerkstätten, die wir bezahlen. Lehrstellengarantie heißt eben: Jeder, der keine Lehrstelle findet, kann eine Ausbildung bei uns machen. Auch die, die keine Lehrstelle finden, weil ihr Zeugnis katastrophal ist, weil sie nicht ordentlich lesen und schreiben können. Wir leisten auch massiv Unterstützung in diesen schulischen Themen. Wir schaffen es, dass die Hälfte dieser Jugendlichen nach einem Jahr in einen Betrieb wechselt und dort das zweite Lehrjahr machen kann.

derStandard.at: Wäre es nicht klüger, das Geld, das man in die Arbeitsmarktpolitik steckt, in die Bildung zu investieren?

Kopf: Ja, wir sind die Reparaturanstalt. Natürlich wäre es in der Gesundheit richtig, mehr in Prävention zu investieren, damit ich dann nicht die Kranken behandeln muss. Aber: Jetzt habe ich die Kranken schon im Gesundheitssystem, und deswegen habe ich auch hohe Ausgaben. Bei uns ist es auch so: Ich habe Niedrigqualifizierte, Migranten, die nicht Deutsch können, Ältere mit Gesundheitseinschränkungen. Hier brauche ich Antworten, und dafür brauche ich aktive Arbeitsmarktpolitik. Aber dass man trotzdem vorher mehr im Bildungssystem tun muss und wir hier in gewisser Weise letztlich nur Reparaturanstalt sein können, da gebe ich Ihnen recht. Österreichs Arbeitskräfte fit für die Zukunft zu machen, diese Aufgabe ist größer, als dass sie das AMS alleine bewältigen kann.

derStandard.at: Was sehen Sie als die Kernaufgabe des AMS?

Kopf: Die Arbeitslosigkeit steigt, und unsere Aufgabe beim AMS ist, dass sich das möglichst nicht bei einzelnen Gruppen wie bei Älteren, Niedrigqualifizierten, Menschen mit Behinderung, Jungen ohne Berufserfahrung verfestigt.

derStandard.at: Das machen Sie wie konkret?

Kopf: Nehmen wir an, in Ihrem Betrieb sucht man eine Assistentin. Dann werden wir drei Leute schicken, die dafür geeignet sind, und eine vierte Person, die den Qualifikationsanforderungen etwas weniger entspricht. Die vielleicht schon neun Monate arbeitslos ist, vielleicht eine etwas weniger gute EDV-Ausbildung oder vielleicht etwas weniger Berufserfahrung hat, oder jemand Älteren, der schon über 50 ist. Dann würden wir sagen: Wenn du die Person nimmst, die schon neun Monate arbeitslos ist, dann bekommst du einen Lohnzuschuss.

Wir konzentrieren uns im Wesentlichen ganz stark auf zwei Ziele: Das eine ist Jugend und das andere ist Verhinderung von Langzeitarbeitslosigkeit. Lange arbeitslose Menschen wieder in Beschäftigung zu bringen ist ungleich schwieriger. Da gibt es multiple Probleme, möglicherweise Schulden, Antriebslosigkeit, Depression, Armutsgefährdung, was auch immer. Mir ist es lieber, vier Personen sind drei Monate arbeitslos, als eine Person ein Jahr.

derStandard.at: Österreich hat die Zumutbarkeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten kräftig verschärft. Sind Österreichs Arbeitnehmer jetzt flexibel genug?

Kopf: Es gäbe wohl noch mehr Notwendigkeit zur Flexibilität. Aber das ist nicht unbedingt eine Frage der Zumutbarkeitsbestimmungen. Die werden in ihrer Bedeutung etwas überschätzt. Natürlich gibt es gesetzliche Regelungen, wenn wir jemanden sperren oder jemandem androhen: "Du musst, sonst bekommst du kein Geld mehr aus der Arbeitslosenversicherung."

Trotzdem: Einen Job bekommt man dann, wenn man motiviert ist und das auch will. Und es zeigt sich klar, dass höhere Flexibilität zu besseren Jobchancen führt. Es ist zum Beispiel üblich, dass Menschen nach Wien kommen, um zu arbeiten oder zu studieren; aber es ist kaum üblich, aufs Land zu pendeln. Da gibt es ganz bizarre Beispiele: Leute pendeln ganz selbstverständlich von Wolfsberg nach Graz, aber es ist fast unmöglich, sie von Graz nach Wolfsberg zu bringen, obwohl ich dort Stellen habe. Und das liegt nicht am Lohngefälle, sondern daran, dass die Leute in der Stadt nicht bereit sind, weit zu pendeln.

derStandard.at: Welche Branchen und Berufe kann man nach heutigem Ermessen jungen Leuten ans Herz legen?

Kopf: Generell gilt: je höher die Ausbildung, desto niedriger das Risiko, arbeitslos zu sein. Bei Pflichtschulabsolventen liegt die Quote bei 18 Prozent, bei jenen, die eine Lehre abgeschlossen haben, bei sechs Prozent, bei jenen, die ein Studium absolviert haben, bei zweieinhalb Prozent. Was die Branchen betrifft: Wir haben Berufe, wo es einen klaren Mangel gibt.

derStandard.at: Sie sprechen vom berüchtigten Facharbeitermangel?

Kopf: Ganz genau. Gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen vor allem im Metallbereich. Es fehlen Dachdecker, Fleischer, Dreher, Schweißer, Fräser, Mechatroniker, und es fehlen vor allem bei höheren Qualifizierungen seit Jahren Techniker. Es gibt leider immer noch zu wenig Frauen, die sich für diese Berufe interessieren. Bei unserem Programm "Frauen in die Technik" hatten wir eine Dame, die war Verkäuferin unter anderem auch im Elektrofachhandel. Sie hat, weil in einer ländlichen Region beschäftigt, den Kunden geholfen, den Fernsehapparat einzustellen.

Diese Dame macht jetzt eine Lehre als CNC-Technikerin. Sie wird ganz sicher einen Job finden. Das FiT-Programm ist ein teures Programm, weil damit auch übergeordnete Ziele wie Bekämpfung der Einkommensschere verknüpft sind. In diesen Branchen verdient man einfach auch mehr als im Handel und im Tourismus.

derStandard.at: Zurück zur Krise: In Deutschland hat Opel bereits mit Kurzarbeit reagiert. Was erwarten Sie da?

Kopf: Am Höhepunkt der Krise waren 66.000 Arbeitnehmer in Österreich in Kurzarbeit. Wir haben jetzt unter 2.000. Ich glaube aber schon, dass es einen Anstieg geben wird. Für den einen oder anderen Betrieb - gerade bei den Zuliefer-Betrieben in der Automobilindustrie - mag das das richtige Instrument sein. Aber: Kurzarbeit ist für eine sehr tiefe Krise, die sehr kurz ist, relevant. Eine längere Wachstumsschwäche, wie wir sie jetzt haben, können wir damit nicht jahrelang überbrücken. Das ist auch für die Betriebe zu teuer.

derStandard.at: Stichwort zu teuer. Zwischen Mai 2011 und Mai 2012 haben 27.000 Osteuropäer eine Arbeit in Österreich aufgenommen. Was bedeutet das für die Löhne und Gehälter der heimischen Arbeitnehmer?

Kopf: Typische Einstiegsbranche für die Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern ist der Tourismus. Zunehmend verändern sich die Branchen auch. Es kommen jedenfalls Leute, die man braucht, solche, die mobil sind. Es gibt allerdings schon einen gewissen Druck in Grenzräumen wie Wien, NÖ und Burgenland, weil Tages- oder Wochenpendler die Möglichkeiten der niedrigeren Lebenskosten mit dem westlichen Gehalt verbinden.

Wenn eine Verdrängung passiert, dann eher zwischen jungen, gut ausgebildeten neuen EU-Bürgern und schlechter ausgebildeten, möglicherweise älteren Drittstaatsangehörigen, zum Beispiel aus der Türkei. Was die Löhne betrifft: Die müssen natürlich kollektivvertraglich bezahlt werden. In dem Sinn gibt es sicher keinen Lohndruck, der unter den Kollektivvertrag geht. Ob es da oder dort eine Auswirkung gibt auf Überzahlungen, vermag ich nicht zu sagen. Nach den ersten Studien dürfte es kein wirkliches Indiz dafür geben.

derStandard.at: Ihr Vorstandskollege Herbert Buchinger sprach sich jüngst für eine Arbeitszeitverkürzung in der Industrie aus. Können Sie der Idee etwas abgewinnen?

Kopf: Ich glaube nicht, dass das der richtige Schritt ist. Man denke an Frankreich und die 35-Stunden-Woche. Das dürfte sich eindeutig nicht bewährt haben.

derStandard.at: Ist der Strukturwandel in der Industrie abgeschlossen?

Kopf: Nein. Aber die Prognosen, dass die Industrie schrumpft, waren in gewisser Weise falsch. In den Jahren 2006 bis 2008 wurde hier wieder deutlich mehr produziert. Wir haben jetzt mehr Beschäftigte als vor der Krise 2009. Aber wir sehen einen starken Wandel von niedrig qualifizierter Arbeit zu hoch qualifizierter Arbeit. Hilfsarbeiterjobs verschwinden immer noch im großen Stil. Ich konnte früher einen Lagerarbeiter vermitteln, wenn er körperlich stark war. Heute muss er Lagerlogistik-Software bedienen, wahrscheinlich mit einem Stapler fahren und möglicherweise auch mit den jeweiligen Abteilungen kommunizieren können. Bei allen Jobs steigen die Qualifikationsanforderungen.

Wenn es uns gelingt, den Standort dadurch zu sichern, dass wir die besser ausgebildeten Leute haben, wird es weiterhin mehr Jobs in Österreich und auch mehr in der Industrie geben. Dafür brauchen wir auch massive Veränderungen im Bildungssystem. Die Hälfte meiner 229.000 Arbeitslosen hat nur Pflichtschul-Abschluss. Wenn es uns nicht gelingt, da eine Antwort zu finden, indem diese Gruppe kleiner wird, weil wir sie so nicht mehr im Schulsystem produzieren, sehe ich schon, dass die Musik woanders spielt. (Regina Bruckner, derStandard.at, 2.10.2012)

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