Prädikat: Mitarbeiterfreundlich

3. Oktober 2012, 17:06
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Arbeitgeber kann man im Internet bewerten wie Hotels, Restaurants und Bücher. Spezielle Internetportale machen es möglich

"Alles hat angefangen mit einem Praktikum bei Billa", sagt eine Frauenstimme. Eine Hand schlägt ein gelbes Fotoalbum auf, Akkordeonmusik ertönt, während die Sprecherin in ihren Erinnerungen schwelgt. Das Ganze könnte ein Trailer eines Films über das Leben einer jungen Heldin sein. Das Album zieren nicht Bilder von ihrer Paris-Reise oder der Begegnung mit ihrer großen Liebe, sondern davon, wie sie buntes Gemüse einschlichtet. Das Praktikum habe "echt Spaß gemacht", sagt die Stimme, "deshalb bin ich dort in die Lehre gegangen". Sie blättert weiter in ihrem Fotoalbum. Das sei ihre "Billabuchkarriere", heißt es in dem Fernsehspot.

Nicht nur rosa Schweinchen und pittoreske Bilder von unberührten Landschaften dienen heute als Motiv für die Werbezwecke der Lebensmittelindustrie. Auch das Image der Firmen als Arbeitgeber wird immer wichtiger. Und das nicht nur bei Supermarktketten: "Employer Branding", wie es in der Sprache der Marketing-Experten heißt, hat heute große Bedeutung.

Denn der Kunde verbindet gute Arbeitsverhältnisse unmittelbar mit der Marke. Nicht nur, wenn es um den Erntehelfer auf Kaffee- und Obstplantagen in Entwicklungsländern geht, sondern gerade bei der Arbeitssituation von Supermarktangestellten - nicht zuletzt wegen der vielen Mitarbeiterskandale der Vergangenheit, die die Branche in ein schlechtes Licht gerückt haben. Doch eine starke Arbeitgebermarke soll nicht nur Kunden beeindrucken, sondern auch potenzielle Arbeitnehmer: Die Firma putzt sich heraus und will als guter Brötchengeber dastehen.

Ausstattung der Arbeitsplätze und Work-Life-Balance

Viel wichtiger als früher sind Arbeitnehmern Fragen nach dem Betriebsklima, der Fairness im Betrieb, nach der Arbeitsgestaltung, der Gesundheit und der Chancengleichheit. Neben ihren offiziellen Interessenvertretern wie Betriebsräten und Gewerkschaften haben sie heute viel mehr Möglichkeiten, diesbezüglich ihre Meinung kundzutun. Denn das Internet macht es ihnen leicht, Firmen zu bewerten und sich mit anderen Angestellten auszutauschen. So wie man heute Hotels, Bücher und Restaurants online bewerten kann, so geht es auch mit Arbeitgebern.

Die Seiten nennen sich etwa kununu.com, arbeitgebercheck.at oder meinchef.de. Sie bieten die Möglichkeit, anhand unterschiedlicher Kategorien Arbeitgeber anonym zu bewerten. Teils kommen dabei standardisierte Multiple-Choice-Formulare zum Einsatz. Teils kann man auch in eigenen Worten Kritik äußern. Themen auf den Bewertungsportalen sind etwa das Verhältnis zwischen Chefs und Mitarbeitern, die Ausstattung des Arbeitsplatzes oder die Work-Life-Balance innerhalb des Jobs. Mittlerweile finden sich neben so mancher Job-Anzeige im Internet stolze Hinweise auf gute Bewertungen in den Portalen.

Kununu.com ist die bekannteste dieser Seiten. Die Seite ging 2007 online, Arbeitgeber im gesamten deutschen Sprachraum können auf ihr bewertet werden. 25 Mitarbeiter administrieren die Einträge und filtern aus, sobald etwa Personennamen fallen oder Einträge beleidigend werden. Bisher wurden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum mehr als 73.000 Firmen bewertet, 12.000 davon sind auch Arbeitgeber in Österreich - am häufigsten Großkonzerne wie ÖBB, Allianz und T-Mobile. 225.000 Einträge finden sich inzwischen hier, rund eine Million Besucher surfen die Plattform jeden Monat an.

Manche Bewertungen zu hymnisch

Bei dieser Aufmerksamkeit verwundert es nicht, dass Firmen mitunter versuchen, Einfluss auf Einträge in den Portalen zu nehmen. Manchmal klingt eine Bewertung allzu hymnisch. Ob allerdings tatsächlich ein Unternehmen dahintersteckt, das sich hier seine Note selbst gibt, kann nicht nachgewiesen werden - schließlich bleiben sämtliche Bewertungen streng anonym.

Neben den Einträgen der Arbeitnehmer zeigen etwa auf kununu.com auch Firmen bewusst Präsenz. In Werbeartikeln preisen sie offensiv ihre Qualitäten bei der Ausbildung und Führung von Mitarbeitern an.

Jene Bewertungen allerdings, die von den Arbeitnehmern selbst kommen, sind meist durchwachsen. Und nicht immer ganz freundlich: Bei Billa - dem Betrieb mit der angeblichen "Billabuchkarriere" - beklagen Arbeitnehmer beispielsweise das "sehr autoritäre Führungsverhalten auf allen Ebenen" und den "enormen Konkurrenzdruck zwischen den Kollegen". Andererseits werden aber auch die "vielen Weiterbildungsmöglichkeiten" und die "guten Aufstiegschancen" gelobt - immerhin. (Nina Brnada, derStandard.at, 3.10.2012)

  • kununu stammt aus der afrikanischen Sprache Suaheli und bedeutet "unbeschriebenes Blatt". Das Portal wurde im Jahr 2007 gegründet.
    foto: kununu

    kununu stammt aus der afrikanischen Sprache Suaheli und bedeutet "unbeschriebenes Blatt". Das Portal wurde im Jahr 2007 gegründet.

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