China: Glück ist eine Hinterhofwerkstatt

Ansichtssache2. Oktober 2012, 16:43
64 Postings

China. Feuchttraum des Wachstumsfetischisten. Zumindest, wenn es um die Kennzahlen der Weltwirtschaftslokomotive geht. 2011 legte das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 9,2 Prozent auf 5,8 Billionen Euro zu. 155 Milliarden Euro betrug das Handelsbilanzsaldo der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Im Schatten des Aufschwungs ist auch der Pkw-Markt seit Jahren auf einem strammen Wachstumskurs, obwohl sich dieses Jahr der Boom merklich abgeschwächt hat. 8,47 Millionen verkaufte Pkws in den ersten acht Monaten bedeuteten dennoch ein sehenswertes Plus von neun Prozent.

Ein spektakulärer Zahlenzirkus, von dem jedoch nur die großen Finanzplätze des Landes profitieren. Das staatliche Statistikamt hat für Chinas Stadtbewohner ein durchschnittliches Einkommen von gerade einmal 242 Euro im Monat errechnet. Am flachen Land müssen die Menschen mit einem Bruchteil dieses Betrags auskommen.

Was Wunder, dass mangels Geld in den Elendsquartieren der Metropolen eine bunte Do-it-yourself-Kultur sprießt. Mit dürftigen Mitteln (und unter Ausschaltung mitteleuropäischer Sicherheitsreflexe) wird getüftelt, gedengelt und geflext. Das Ergebnis ist eine Art Mobilitätsversprechen an der Grenze zur Karikatur - und darüber hinaus. Die Ingeniosität des kleinen Mannes, in China zu erleben am Wasser, zu Lande und (theoretisch) in der Luft: ein Streifzug durch die Hinterhöfe der Wirtschaftssupermacht.

foto: reuters/sheng li

In der der nordchinesischen Millionenmetropole Shenyang, Provinz Liaoning, stellte sich der Schmied Tian Shengying (im Bild rechts) einen eigenen Helikopter vor die Tür. Den Impuls lieferte eine Ausschreibung eines Forschungszentrums für Aviatik. Das Fluggerät ist großteils eine Eigenanfertigung, sogar das sensible Rotorblätter-System hat der Chinese selbst entwickelt und gebaut.

1
foto: reuters/sheng li

Der Hubschrauber entstand ausschließlich in Tians Kopf - Pläne oder Skizzen gibt es nicht. Nach nur einem Monat waren die Arbeiten abgeschlossen.

2
foto: reuters/sheng li

Hoch hinaus will auch dieser Mann, Li Jingchun. Höher als das Obergeschoß seines Hauses wird die Dienstgipfelhöhe seines Flugzeugs jedoch nicht liegen. Der Bauer aus der Provinz Liaoning wollte sich einfach einen Traum erfüllen - und hat auf das Dach seines Hauses kurzerhand ein Flugzeug gesetzt.

3
foto: reuters/sheng li

Etwas mehr als 4.900 Euro und zwei Jahre Arbeit investierten Herr Li und seine Familie in die Realisierung des Projekts, das nun im Dorf Xiahe zu bewundern ist.

4
foto: reuters/sheng li

Auf Leichtbau musste angesichts des knappen Budgets verzichtet werden. Man setzte auf Stahlplatten.

5
foto: reuters/sheng li

Die Innenausstattung ist spartanisch bis zweckmäßig.

6
foto: reuters/sheng li

Keine Kosten und Mühen werden hingegen bei der aufwendigen Lackiertechnik gescheut.

7

Etwas diffiziler geht es Zhang Wuyi an. Der Tüftler hat sich dem U-Boot-Bau verschrieben. Hier präpariert er gerade eines seiner Geräte in einer Versuchsstation für einen Tauchgang.

8
foto: reuters/darley shen

Der 37-jährige Bauer aus Wuhan hat bereits sechs Klein-U-Boote gebaut, vor einem Jahr verkaufte er das erste an einen Geschäftsmann in Dalian. 12.000 Euro legte der Mann für das Gerät ab. Ein Schnäppchen.

9
foto: reuters/darley shen

Herr Zhang hat gut lachen: Die Boote des Selfmade-Bootsbauers kommen vor allem bei Müllräumungen in Flüssen zum Einsatz und können bis zu zehn Stunden unter Wasser operieren.

10
foto: reuters/darley shen

Bei Freunden schnorrte er das Startkapital für seine Mini-Werft zusammen, nachdem Zhang vor vier Jahren seinen Job in einer Maschinenfabrik verloren hatte.

11
foto: reuters/darley shen

Nun stehen die Zeichen auf Expansion.

12
foto: reuters/krause

In Shenyang ist ein anderer Herr Zhang zugange, genauer Zhang Jinduo. Der 53-Jährige ist im Motorsport-Business tätig. Seine selbst gebauten Fabrikate setzen auf einen im Heck verbauten Motorradmotor und reichlich Sitzkomfort im Fond - was den Mann sichtlich mit Stolz erfüllt. 

13
foto: reuters/reinhard krause

Auch Frau Zhang zeigt sich von der Kreation ihres Gatten angetan. Schließlich hat nicht jeder einen schicken Roadster fürs Shopping.

14
foto: reuters/reinhard krause

Zhangs Sohn, ein Mechaniker, hat dem Familienoberhaupt unter die Arme gegriffen. Hier testet dessen Freund ein weiteres Modell aus dem Angebot. Die Höchstgeschwindigkeit liegt - je nach Tagesverfassung - zwischen 60 und 80 km/h.

15
foto: reuters/reinhard krause

Shenyang ist stolz auf den Sohn der Stadt.

16
foto: reuters/reinhard krause

Die gnadenlose Eleganz von Herrn Wangs Lamborghini Reventón wird zwar nicht erreicht, der Fahrspaß scheint sich jedoch prompt einzustellen.

17
foto: reuters/china daily

Alternative Antriebe sind mittlerweile auch in den chinesischen Bastlerstuben angekommen: Anfang September präsentierte sich dieser Tischler auf einer Messe in Ürümqi mit seiner Schöpfung: Zu sehen ist die Vereinigung einer Holzkarosserie mit einem Elektroantrieb. Entwicklungs- und Materialkosten: knapp 6.000 Euro. Reichweite: bis zu 130 Kilometer.

18
foto: reuters/sheng li

Etwas abgehobener agiert der Automechaniker Ding Shilu mit seinem Do-it-yourself-Flugzeug. Unter den mit Plastik bewehrten Flügeln kommen drei Motorrad-Aggregate zum Einsatz.

19
foto: reuters/sheng li

Herr Ding auf dem Weg zum ersten Testflug im Februar 2011.

20
foto: reuters/sheng li

Und schon hebt er ab. Völlig losgelöst. Zum Okkasionspreis von 300 Euro - und betrieben mit dem besten Treibstoff der Welt: Phantasie. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 2.10.2012)

21
Share if you care.