Die Hölle ist Menschen sicher, die nicht beten, sagt der Papst

Wolfgang Bergmann
1. Oktober 2012, 10:31

"Wer betet, wird sicher gerettet; wer nicht betet, geht sicher verloren." Diesen Satz gab Papst Benedikt den Gläubigen bei seiner ersten Generalaudienz nach der Sommerpause mit. Eine unachtsame Äußerung infolge notorischer Überarbeitung kann man nach der Erholungsphase wohl ausschließen. Im Gegenteil.

Diese holzschnittartige These wirft so ziemlich alles über den Haufen, was als gesichertes Gut katholischer Theologie gilt. Nicht jedes Gebet ist gut! Es gibt auch missbräuchliche Kampfgebete. Gebete, mit denen man sich über andere erheben möchte. Im Übrigen gilt: "Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen." (Vgl. Röm 8,26)

Und die Nichtbeter? Für einen Agnostiker ist ein Gebet im christlichen Sinn gar nicht möglich, weil er kein Gegenüber erkennt. Ist er deshalb vom ewigen Heil ausgeschlossen? Mit dem letzten Konzil kann man hier ein klares Nein formulieren!

Es ist wohl auf die journalistische Unaufmerksamkeit des zu Ende gegangenen Sommers zurückzuführen, dass dieses Zitat nicht zu mehr Aufregung geführt hat. In diesem Falle hätte aber der römische Pontifex vermutlich jenes Rückzugsmanöver angetreten, das er schon gut eingeübt hat.

Das Zitat ist nämlich nicht seine eigene Schöpfung, sondern eine Aussage des hl. Alfons Maria von Liguori. Wie schon bei seiner unglücklichen Islam-Verunglimpfung im Rahmen seiner Regensburger Rede könnte er sich professoral darauf zurückziehen, dass er ja nur zitiert habe.

Wir sind damit bei einem Aspekt der Lehrtätigkeit des amtierenden Papstes angelangt, den einer seiner großen Kritiker als "Unterstellungstechnik" identifizierte. Hermann Häring, der wie kein anderer Benedikts Theologie analysiert hat, arbeitete mehrfach heraus, wie Ratzinger häufig nur durch Zitate, Fragestellungen oder bloßes In-den-Raum-Stellen Schlussfolgerungen suggeriert, die er selbst so nicht ausgesprochen hat.

In diesem Fall ist es ebenso: Der Papst sagt an keiner Stelle, dass Nichtbeter der Hölle anheimfallen, er lässt aber dieses Zitat unwidersprochen wirken. Noch dazu mit der Autorität eines Heiligen unterlegt. In diesem Fall ist die Ratzinger'sche Unterstellungstechnik vielleicht besser als Propagandatechnik zu bezeichnen. Einmal mehr ist mit Bedauern zur Kenntnis zu nehmen, wie ein Mann der Bildung mit gefährlichen Vereinfachungen versucht, einer fundamentalistischen katholischen Massenseele Nahrung zu geben.

Die Berufung auf das Zitat eines Heiligen ist zudem theologisch nicht tragfähig. Denn die Heiligsprechung einer Person bedeutet ja nicht, dass alles und jedes, was diese Person tat oder sagte, automatisch auch richtig, wichtig oder nachahmenswert wäre. Oder sind jene Aufrufe zum Kreuzzug richtig gewesen, die vom hl. Bernhard von Clairvaux stammten? Oder stimmt vielleicht die These des hl. Thomas von Aquin, wonach sich die Frau zum Mann wie das Unvollkommene zum Vollkommenen verhält?

Schade: Das Thema Gebet, das spirituelle Einschwingen in die Fülle des Lebens, hätte es verdient, umsichtig und sensibel behandelt zu werden. Komisch, dass dabei gerade ein Papst eine Themenverfehlung begeht.

PS: Der Mediensprecher der Bischofskonferenz, Paul Wuthe, hat auf den letzten Blog reagiert. Auf der Plattform kirchenfinanzierung.katholisch.at wird nun nicht mehr behauptet, dass die spärlich präsentierten Zahlen tatsächlich die "Finanzgebarung der Katholischen Kirche" darstellen.

Meine Formulierung, dass es sich dabei um "eine so vorsätzliche Irreführung" handelt, "dass man es auch als Lüge bezeichnen kann", hat dadurch ihre Grundlage verloren. Ein "Tarnen & Täuschen" bleibt es trotzdem.

Besonders bedauerlich: Der Wiener Erzbischof hat zwar zwischenzeitlich zur größten Diözesanreform seit Joseph II. aufgerufen, sein feudales Mensalgut wird aber nicht in die Strukturreform einbezogen. Die wirtschaftlichen Gewinne sind ja substanziell. Sie machen vermutlich mehr als eine Million Euro jährlich aus (ich nannte ja zuletzt nur einen kleinen Ausschnitt, nämlich die öffentlich dokumentierte Dividende aus dem Bankgeschäft). Diese Gelder sind dem Unterhalt des Bischofs gewidmet. Nicht dass ich vermute, dass er diese Gelder für sich verprasst (von dieser Einschätzung ausdrücklich ausgenommen: die fürstliche Residenz). Unverständlich ist, warum er sie vor der diözesanen Familie, der er Zwangsbeiträge auferlegt, versteckt.

PPS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

PPPS: Den nächsten Blog-Eintrag gibt es am 15. Oktober. (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 1.10.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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Ein bisserl verspätet, aber doch:

Hier unterliegt Wolfgang Bergmann einem kleinen Irrtum: Ein Agnostiker ist nach katholischer Vorstellung vom Heil ausgeschlossen, wenn sein Agnostizismus eine bewusste Entscheidung ist. Das Heil können nämlich nur Nicht-Katholiken erlangen, die noch nie was von Evangelium und katholischer Kirche gehört haben. Also praktisch niemand...
Ganz so tolerant ist man dann ja doch nicht, wie hier getan wird.

Warum wir beten sollen? - "Gott" ist das abstrakte innere Idealbild des Guten, Wahren, Gerechten, das Idealbild der altruistischen Liebe."

Ein Gebet erinnert uns an dieses innere Idealbild des Guten, der Weisheit, der Liebe und wie wir selbst zum Wohle von uns selbst, der Menschheit und allen Lebens handeln SOLLTEN. Wenn wir nicht beten, d.h. uns nach innen wenden und darüber reflektieren, innere Zwiesprache halten, erinnern wir uns nicht an das Gute, sondern tun das Böse. Und was ist das Böse? Etwas, was nicht nur uns, sondern auch viele andere schadet, der Menschheit schadet, der ganzen Erde schadet. Etwas, was uns allen langfristig viel Leid bringt, uns langfristig TÖTET (daher: Totsünde).

Wenn wir Gott (= das Gute, der Himmel, das Universum...) in unserem Herzen tragen, und tun, und an dieses abstrakte Prinzip glauben, wird die ganze Welt um uns ebenfalls heil und licht.

wie lässt es sich erklären, dass das thema sklaverei ausgespart wird - auch im neuen testament?

Keine Red von Aussparen

Es gibt sogar explizite Anleitungen im Alten Testament, wer versklavt werden darf, wie lange und warum und an wen welche Sklaven verkauft werden dürfen - und die Zehn Gebote sehen ausdrücklich vor (je nach Übersetzung/Auslegung Gebot neun oder zehn), dass man des Nachbars Sklaven nicht stehlen darf. Seine Frau, die dort auf der gleichen Rangstufe steht, gemeinsam mit dem Vieh, übrigens auch nicht. Das Neue Testament nimmt die Sklaverei einfach als gegeben hin und kritisiert sie überhaupt nicht.

Vom Papst zu erwarten, das Beten NICHT für gut zu finden, ist idiotisch. Dasselbe könnte auch ein Imam, ein Rabbi oder ein Hindu-Priester sagen. Die Kritik in diesem Artikel daher - überflüssig.

Außerdem wird der Papst vermutlich vom "Vaterunser" ausgehen als Musterbeispiel dafür, wie ein wirksames Gebet aussehen sollte. Vom Krieg oder anderen Schlechtes wünschen ist darin nichts zu finden. Ein wirksames Gebet setzt zudem einen Einklang mit Gott voraus, und "Gott" ist das abstrakte innere Idealbild des Guten, Wahren, Gerechten, das Idealbild der altruistischen Liebe. Man kann und darf gar nicht für etwas Böses (z.B. Angriffskrieg) beten - wäre sinnlos.

Wir tragen alle ein solches Idealbild in uns, auch wenn wir es anders nennen mögen.

Und was heißt das jetzt?

Wann ist deiner Vorstellung nach denn ein Gebet wirksam? Wie wirkt es deiner Vorstellung nach? Und wenn es, wie immer, nicht wirkt, warum?
Immer wieder beten Leute für den Weltfrieden und sicher ganz innerlich - hereinbrechen tut er eher nicht. Woran liegt das deiner Meinung nach? Sind die alle selber schuld oder was?
Vielleicht kann einem Atheisten wie mir mal wer eine Erklärung geben, die auch ich verstehe. Sonst bitte nicht wundern, wenn ich solche wischi-waschi-Aussagen nicht ernst nehme.

Worauf warten denn all die Poster hier?

Dass der Papst endlich mal was Menschliches sagt, Güte zeigt und Herzenswärme? Dass er dem Geschäft mit der Angst vor der Hölle abschwört? Und wenn er das täte, würden wir ihm dann alle, erlöst und erleichtert, mit Hingabe vor die Füße sinken und wieder in seine Kirche eintreten? Warum geht uns sein Geschwätz nicht komplett am Arsch vorbei? Sind wir noch nicht so weit?

Mir wär's ja wurscht

Aber wenn sich dann so viele Leute so viele komische Gedanken darüber machen, muss man dem immer mal eine rationale Perspektive entgegenhalten.

Ageh das ist nur ein Übersetzungsfehler aus dem Englischen.

"Who pays, will surely be saved; who doesn't pay, will surely be lost."

Klingt wie ein Zitat von meinem Wirtn.

...wer nicht betet kommt in die hölle und die erde ist eine scheibe...

ps: sollte es gott (was ich dezidiert nicht glaube), der den menschen nach seinem ebenbild erschaffen hat, wirklich geben, dann war er die erste fehlentwicklung im universum.

Das Ceterum Censeo...

ist wie immer zu lange. Ein einziger prägnanter Satz muss her, der sich im deutschen noch dazu nicht so schwungvoll übersetzen lässt wie das original ("Im Übrigen bin ich der Meinung" ... echt, das hat keinen Schwung, kein garnix :P)

Herr Bergmann
Sie sind - vermute ich - Katholik
als solcher sind Sie bemüht Fehlleistungen des obersten Hirten Ihrer Kirche richtigzustellen
Sie arbeiten ihm hinterher und machen gut was er falsch macht
dazu zahlen Sie Kirchensteuer - das müssen Sie

Sie korrigieren jemand und bezahlen ihn dazu
das halten Sie aus ?
Ich finde so kann man nicht auf Dauer leben.

Georg

Ist eh nur Stress im Himmel

Brad Pitt, Tom Cruise und Dieter Bohlen sterben bei einem Unfall und
kommen in den Himmel. Als sie dort ankommen, sagt Petrus zu ihnen: "Wir
haben eine einzige Regel hier im Himmel. Nicht auf die Enten treten!" .......
http://www.witze-charts.de/witz_58.html

Na dann sind werden wir in der Hölle ja in bester Gesellschaft sein -

sämtliche Päpste, Kardinäle und Priester sind nämlich schon dort

frage an radio eriwan: warum werden päpste immer so alt

antwort: weil sie sich vor dem persönlichen gespräch mir dem chef fürchten...

Kommt ein Papst in den Himmel. Dort trifft er einen seiner Vorgänger:

"Heiligkeit, du auch hier, wie schön!"
"Ja, wir sind fast alle hier heroben..."
"Und, wie gefällt es dir?
"Sehr gut, wenn man von der sengenden Hitze und vom Schwefelgeruch absieht."

Die Hölle ist Päpsten sicher die solchen Unfug vertreten.
Sofern er nicht das Glück hat Unrecht zu haben...

wer will denn schon die Ewigkeit auf EINER Wolke sitzen?

Wenn der Papst das wirklich (so) gesagt hat - was ich mal anzweifle - dann ist das nicht katholisch.

Glauben Sie ernsthaft, der Artikel bezöge sich auf Fabeln, frei Erfundenes?
Ein bisserl Recherche & Sie fänden Ihre Zweifel ausgeräumt...
Stop der Realitätsverweigerung! =)

der papst sollte jene kerzlschlucker geisseln

die sich vor frömmigkeit kaum einkriegen, deren handlungen aber alles andere als christlich sind, z.b. das verhalten gegenüber menschen anderer rasse, sprache oder aussehen. wie z.b. von der övp praktiziert.

"Die Hölle ist Menschen sicher, die nicht beten, sagt der Papst"

Ausnahmsweise:

Herr, lass Hirn auf den Vatikan regnen, Amen!

...wenn auch nur ein Bruchteil davon stimmt...

Manchmal frage ich mich wieso noch immer, auch bei mir, so eine Faszination besteht für die Vorgänge in Rom und die diversen Aussagen des Papstes.
http://www.sikharchives.com/?p=8949
Vielleicht einfach still sterben lassen?

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