Fürchtet euch nicht: Uns ist nicht egal, was ein Supraleiter ist

Peter Illetschko
30. September 2012, 18:56

Wissenschafter berichten von ihren Erfahrungen mit Journalisten

Bei Interviewanfragen kann man schon seine blauen Wunder erleben: Eine Journalistin wollte kürzlich einen deutschen Physiker sprechen und sich mit ihm über seine Arbeit unterhalten. Dessen Assistentin prüfte den Informationsstand der Anruferin zweimal. Damit der Herr Professor nicht bei Null anfangen müsse. Die Journalistin war vorbereitet und hatte keine inhaltlichen Probleme. Verwundert war sie dennoch. 

War es Überheblichkeit, Sorge aufgrund von schlechten Erfahrungen mit anderen Kollegen oder vielleicht mangelnde Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit? Die Frage lässt sich so eindeutig nicht beantworten. Aus der Sicht des Wissenschafters ist es natürlich mühsam, im Interview noch eine Grundlagenvorlesung für sein Fach zu halten. Es wird aber wohl kein seriöser Journalist zu einem Quantenphysiker wie Rainer Blatt gehen, ohne zu wissen, was eine Ionenfalle ist. Niemand wird die Archäologin Sabine Ladstätter interviewen und nicht wissen, welche Bedeutung das Hanghaus 2 in Ephesos hat. Insofern könnte man als Wissenschafter eigentlich beruhigt sein und Vertrauen haben.

Es gibt Ausnahmen. Journalisten von Medien zum Beispiel, in denen Wissenschaft nur die Fußnote von Katastrophen ist, die in einer kleinen Spalte nur erklären dürfen, wie ein Tsunami entsteht. Ihnen ist natürlich egal, was ein Supraleiter oder eine Apoptose ist. Journalisten, die sich aus Zeitmangel und vielleicht auch aus Überheblichkeit mangelhaft vorbereiten, gibt es natürlich auch. Im Normalfall gilt aber: Der Wissenschafter braucht sich nicht fürchten, muss nicht übertrieben dankbar, aber auch nicht übertrieben abweisend sein, wenn er eine Interviewanfrage erhält. Da kommt nur jemand, der an der Forschungsarbeit interessiert ist und seinen Job macht.

Diskussion

Am vergangenen Freitag haben Wissenschafter und Fernsehjournalisten in Naturhistorischen Museum über das Verhältnis zwischen Forschern und den Berichterstattern diskutiert." Braucht es Wissenschaftskommunikation?" hieß die Veranstaltung und man wollte eigentlich "No na" darauf antworten. Konsequenterweise war auch niemand am Podium, der daran zweifelte, dass Reden und Schreiben über Forschung Sinn macht.

Der Quantenphysiker und Wittgenstein-Preisträger Markus Arndt und der Rektor der Uni Wien, Heinz Engl, sprachen von einer Verpflichtung. Man erhalte schließlich Steuergelder für die Forschung und müsse dann schon auch zeigen, was damit geschehen sei. "Es reicht nicht, die Politik zu überzeugen, man muss die gesamte Bevölkerung überzeugen, dass Wissenschaft wichtig ist", sagte Engl. Und Arndt betonte stolz zu sein, wenn er die Erkenntnisse seiner Gruppe zeigen kann. Eitelkeit spiele natürlich auch eine Rolle.

Mit Sabine Ladstätter und dem Quantenphysiker Anton Zeilinger waren zwei Wissenschafter am Podium vertreten, die zu den talentiertesten Kommunikatoren ihres Fachs zählen. Zeilinger berichtete auch von einer seiner besten Erfahrungen mit Journalisten - sie waren vom auflagenstärksten Kleinformat des Landes. Sie nahmen sich Zeit, schwärmte er, und machten keine inhaltlichen Fehler. Was er freilich nicht erwähnte: Zeilinger schaffte es in den Boulevard, weil er auch dank seines Auftretens der wohl prominenteste Wissenschafter Österreichs ist, weil man mit Physikern wie ihm auch jene Leser erreichen kann, die angesichts dieses Fachs reflexartig sagen: Ui, da war ich immer schlecht!

Das Recht mitzuwachsen

Den wichtigsten Satz des Abends sagte wohl Christine Reisen, Redakteurin beim europäischen Kulturkanal Arte. Die Öffentlichkeit habe das Recht und die Pflicht, mit den Forschungsleistungen mitzuwachsen. Es handle sich um einen zivilisatorischen Prozess. Vereinfacht gesagt: Nur wer weiß, was Genetik ist, wer weiß, woran die Krebsforschung arbeitet, wie das Universum entstanden ist und welche Folgen die Erderwärmung mit sich bringt, hat die Basis, um sich zu engagieren und zu entscheiden. 

Jener deutsche Physiker, der ganz genau wissen wollte, was die Interviewerin weiß, ist vielleicht auch dieser Ansicht. Er setzt sie freilich nur zögerlich in die Tat um. Die Angst, dass Vereinfachung zu Fehlern führen kann, ist zwar berechtigt. Wenn man sie aber nicht überwindet, werden nur Eingeweihte wissen, woran man forscht. Und das wäre wohl nicht im Sinne des Erfinders. (Peter Illetschko, derStandard.at, 30.9.2012)

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ist für Wissenschaftler sicher frustrierend

Viele Wissenschaftsartikel beginnen mit "amerikanische Forscher haben herausgefunden..." und dann kommt irgend eine skurrile Sex-Geschichte, woraufhin reflexartig die siebengscheiten Poster kommen mit "Da hätt ma ka Studie dafür braucht, des hätt i eana a sagn kenna"

im TV, über kometen ect:

vor einigen tagen wörtlich:
"der einige lichtjahre entfernte asteroidengürtel ..."

oder heute früh:
"die erste sonne entstand 1 milliarde jahre nach dem urknall ..."

Was ist an "Lichtjahre entfernt" falsch?

Es geht darum, dass der Asteroidengürtel net so weit weg ist. Nur ca. 17 Lichtminuten.

Klettert auf die Supraleiter..

Ich erinnere nur an die Genmaisstudie von vor kurzem. Die inhaltliche Kritik von tasch hat sich darauf beschränkt, die Art und Weise der Präsentation (zu Recht) zu kritisieren, Kritik von Wissenschaftlern daran wurde zwar wiedergegeben, aber nicht erklärt und was daran unwissenschaftlich ist, überhaupt nicht wiedergegeben.
Das Problem mit dem Journalismus ist das Suchen nach pro & contra - manchmal gibt es aber nicht zwei gleichwertige Meinungen zu einem Phänomen, sondern nur eine wissenschaftliche und eine nicht-wissenschaftliche, die demnach auch nicht in den Wissenschaftsteil gehört.

Es gibt

leider viel zu viele Journalisten, die wenig von der zu berichtenden Sache verstehen. Es hat daher schon jede Menge Artikel gegeben, wo dann im Endeffekt genau das Gegenteil von dem drinnenstand, was der Wissenschafter gesagt hat. Das geschieht deswegen, weil der Journalist die Antworten in sein eigenes Weltbild einbettet und daher uminterpretiert. Es passiert nicht absichtlich, aber es passiert. Es wäre daher ratsam, darauf zu bestehen, den Artikel vor dem Druck noch einmal zu sehen; nicht, um dem Journalisten zu sagen, was und wie er zu schreiben hat, aber um grobe Fehler zu vermeiden. Es gibt genügend gebrannte Kinder in der Wissenschaft.

Das passiert nicht nur Wissenschaftern.

Journalisten hören prinzipiell nicht das, was gesagt wurde, sondern etwas anderes.

wissenschaftsartikel scheinen hier zuweilen wie beim P.M. eingekauft.

P.M. hab ich als Kind ganz gerne gelesen. Damals war es noch nicht so infiziert mit Esoterikzeugs (obwohl so manche Artikel eher seltsam waren). Dann kam glaub ich ein Chefwechsel, und die Esoterifizierung ging im Laufschritt voran. Anfangs dachte ich, daß denen einfach die Ideen ausgehen, und sie daher irgendwas zusammenbrainstormen, um die Seiten zu füllen ... hey, vielleicht entsteht auf diese Weise die meiste Esoterik :D

P.M. wäre ja noch o.k., ein guter Teil stammt sicher auch von der letzten Esoterikmesse ;-) Vor allem, wenn sich wieder mal ein Artikel aus der "Gesundheit" zur "Wissenschaft" verirrt hat.

Wobei diese Artikel auch bei Gesundheit eigentlich nichts verloren haben.

hehehe

Ja sicher...bei den Fehlern, die sich der Standard in der "Wissenschafts columne" erlaubt, braucht er sich nicht wundern, dass die Wissenschaft(l)er nicht mit "seinen" Journalisten reden wollen.
Bin nur ein kleines Rad, wurde dennoch mal interviewed und habe den Artikel viermal korrekturlesen muessen, und gedruckt haben ´s erst recht, was ihnen grad eingefallen ist. Mich wunderts nicht. ;-)

Peter Illetschko
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1.10.2012, 19:14
Fehler

Da wir Kritik ernst nehmen: Geben Sie mir doch bitte 1-2 Beispiele für die von Ihnen angesprochenen Fehler. Vielen Dank im voraus. Peter Illetschko

z.b. hier

http://derstandard.at/plink/134... id28135486

ich weiss eh, den artikel habts von der apa kopiert, aber man sollte sich schon auch vorbereiten und den artikel lesen, bevor man kopiert. und ehrlich gesagt sind die anderen artikel zu quantenphysik etc. auch nicht besser. nur ums nochmal zu sagen: in diesem artikel ist eigentlich alles falsch, das irgendwiefürs thema relevant wäre. alles andere ist nichtssagendes blabla. nur so als beispiel ;).

aber fairerweise muss man auch sagen, dass die artikel zu vielen anderen themen ganz brauchbar sind. kann aber auch daran liegen, dass ich bei vielen auch fachfremd bin und es einfach nicht merke :)

"Aus der Sicht des Wissenschafters ist es natürlich mühsam, im Interview noch eine Grundlagenvorlesung für sein Fach zu halten."

Natürlich müsste jeder Physiker mit seinem Gegenüber bei Adam und Eva anfangen, wenn dieses nicht ein naturwissenschaftliches Studium kennengelernt hat. Es ist nicht davon auszugehen, dass jemand einfach so die mathematischen Grundlagen des ersten Semesters beherrscht.

Weiters sind große Bereiche der modernen Physik leider außerhalb der sinnlichen Wahrnehmbarkeit, was sie einer Anschauung weitgehend entzieht. Der Untersuchungsgegenstand ist eine mathematische Formulierung selbst. Ohne diese zumindest sinnerfassend lesen zu können wird ein echtes inhaltliches Gespräch schwer bis unmöglich.

Klingt fast so als würde man sich über die APA lustig machen.

Witze über die APA? Im Standard Forum? Wie kommen sie denn darauf?

Es hat aber auch nicht jeder Journalist das Niveau von Peter Illetschko. Der Standard ist eine löbliche Ausnahme, aber manche andere Zeitungen haben eine Wissenschafts-Berichterstattung, bei der man sich nicht wundern muss, wenn Wissenschaftler manchmal etwas vorsichtig werden.

Fürchten uns leider doch

Weil ihr, liebe "Wissenschaftjournalisten" des Standard, leider entweder einfach fehlerhafte Pressetextaussendungen abschreibts oder aber selber Halbverstandenes zu einem Aufsatz vergewaltigts.

Einfache Gegenfrage: Wer von euch ist tatsächlich einschlägig naturwissenschaftlich ausgebildet?
Und wer von euch macht den Artikel einfach deshalb, weil im Wissenschaftsressort gerade Ressourcenbedarf war?

Ist es "uns" egal, was z.B. ein Watt ist, usw.?

Die Artikelüberschrift inspiriert auch zu einer Kritik am Wissenschaftsressourt des Standard.
Als Beispiel sei dieser Artikel genannt:
http://derstandard.at/134516674... ergiewende
Angaben, wie die eines Verbrauches bzw. Potentiales von soundsoviel Terawatt *jährlich* zeugen eben nicht von einem Grundverständnis der RedakteurInnen. Als interessierter Leser fragt man sich, sind vielleicht Terawattstunden jährlich gemeint? - Nein, geht sich nicht aus - also doch schlicht Terawatt? - ja, ist wahrscheinlich..., etc.. Meint man bei den Angaben des Weltenergiebedarfes elektrische Energie (wie bei Wind naheliegend)? - oder Alles? - Gut, Link zum Paper gibt darauf Antwort... etc.

Die Aufbereitung eines solchen Artikels könnte man entweder so allgemeinverständlich halten, daß man Angaben wie Terawatt ganz weglässt (weil auch "Terawatt" für einen Laien wahrscheinlich nicht nachvollziehbar ist), und die Angaben lediglich als einen Vergleich aufbereitet - z.B. das Windkraftpotential unter diesen und jenen Voraussetzungen wurde als soundsovielfaches des derzeitigen Weltgesamtenergiebedarfes errechnet. Verwendet man technische Einheiten, sollten es aber die Richtigen bzw. Existierende sein (Terawatt jährlich ist z.B. eine inexistente) - sonst ist es weder für Laien, noch für Vorgebildete nachvollziehbar (also für niemanden).

was wurden aus den badewannen und fussbalfeldern?

DIE versteht doch ein jeder... ;-)

genau! Das sind mindestens 500 Fussballfelder voller Badewannen mit Terawatte drin!

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