Fürchtet euch nicht: Uns ist nicht egal, was ein Supraleiter ist

Wissenschafter berichten von ihren Erfahrungen mit Journalisten

Bei Interviewanfragen kann man schon seine blauen Wunder erleben: Eine Journalistin wollte kürzlich einen deutschen Physiker sprechen und sich mit ihm über seine Arbeit unterhalten. Dessen Assistentin prüfte den Informationsstand der Anruferin zweimal. Damit der Herr Professor nicht bei Null anfangen müsse. Die Journalistin war vorbereitet und hatte keine inhaltlichen Probleme. Verwundert war sie dennoch. 

War es Überheblichkeit, Sorge aufgrund von schlechten Erfahrungen mit anderen Kollegen oder vielleicht mangelnde Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit? Die Frage lässt sich so eindeutig nicht beantworten. Aus der Sicht des Wissenschafters ist es natürlich mühsam, im Interview noch eine Grundlagenvorlesung für sein Fach zu halten. Es wird aber wohl kein seriöser Journalist zu einem Quantenphysiker wie Rainer Blatt gehen, ohne zu wissen, was eine Ionenfalle ist. Niemand wird die Archäologin Sabine Ladstätter interviewen und nicht wissen, welche Bedeutung das Hanghaus 2 in Ephesos hat. Insofern könnte man als Wissenschafter eigentlich beruhigt sein und Vertrauen haben.

Es gibt Ausnahmen. Journalisten von Medien zum Beispiel, in denen Wissenschaft nur die Fußnote von Katastrophen ist, die in einer kleinen Spalte nur erklären dürfen, wie ein Tsunami entsteht. Ihnen ist natürlich egal, was ein Supraleiter oder eine Apoptose ist. Journalisten, die sich aus Zeitmangel und vielleicht auch aus Überheblichkeit mangelhaft vorbereiten, gibt es natürlich auch. Im Normalfall gilt aber: Der Wissenschafter braucht sich nicht fürchten, muss nicht übertrieben dankbar, aber auch nicht übertrieben abweisend sein, wenn er eine Interviewanfrage erhält. Da kommt nur jemand, der an der Forschungsarbeit interessiert ist und seinen Job macht.

Diskussion

Am vergangenen Freitag haben Wissenschafter und Fernsehjournalisten in Naturhistorischen Museum über das Verhältnis zwischen Forschern und den Berichterstattern diskutiert." Braucht es Wissenschaftskommunikation?" hieß die Veranstaltung und man wollte eigentlich "No na" darauf antworten. Konsequenterweise war auch niemand am Podium, der daran zweifelte, dass Reden und Schreiben über Forschung Sinn macht.

Der Quantenphysiker und Wittgenstein-Preisträger Markus Arndt und der Rektor der Uni Wien, Heinz Engl, sprachen von einer Verpflichtung. Man erhalte schließlich Steuergelder für die Forschung und müsse dann schon auch zeigen, was damit geschehen sei. "Es reicht nicht, die Politik zu überzeugen, man muss die gesamte Bevölkerung überzeugen, dass Wissenschaft wichtig ist", sagte Engl. Und Arndt betonte stolz zu sein, wenn er die Erkenntnisse seiner Gruppe zeigen kann. Eitelkeit spiele natürlich auch eine Rolle.

Mit Sabine Ladstätter und dem Quantenphysiker Anton Zeilinger waren zwei Wissenschafter am Podium vertreten, die zu den talentiertesten Kommunikatoren ihres Fachs zählen. Zeilinger berichtete auch von einer seiner besten Erfahrungen mit Journalisten - sie waren vom auflagenstärksten Kleinformat des Landes. Sie nahmen sich Zeit, schwärmte er, und machten keine inhaltlichen Fehler. Was er freilich nicht erwähnte: Zeilinger schaffte es in den Boulevard, weil er auch dank seines Auftretens der wohl prominenteste Wissenschafter Österreichs ist, weil man mit Physikern wie ihm auch jene Leser erreichen kann, die angesichts dieses Fachs reflexartig sagen: Ui, da war ich immer schlecht!

Das Recht mitzuwachsen

Den wichtigsten Satz des Abends sagte wohl Christine Reisen, Redakteurin beim europäischen Kulturkanal Arte. Die Öffentlichkeit habe das Recht und die Pflicht, mit den Forschungsleistungen mitzuwachsen. Es handle sich um einen zivilisatorischen Prozess. Vereinfacht gesagt: Nur wer weiß, was Genetik ist, wer weiß, woran die Krebsforschung arbeitet, wie das Universum entstanden ist und welche Folgen die Erderwärmung mit sich bringt, hat die Basis, um sich zu engagieren und zu entscheiden. 

Jener deutsche Physiker, der ganz genau wissen wollte, was die Interviewerin weiß, ist vielleicht auch dieser Ansicht. Er setzt sie freilich nur zögerlich in die Tat um. Die Angst, dass Vereinfachung zu Fehlern führen kann, ist zwar berechtigt. Wenn man sie aber nicht überwindet, werden nur Eingeweihte wissen, woran man forscht. Und das wäre wohl nicht im Sinne des Erfinders. (Peter Illetschko, derStandard.at, 30.9.2012)

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