Muslime in Europa: Ein Würstelstand, der immer ein Würstelstand bleibt

  • Erst auf den zweiten Blick ist "Würstelstand" zu entziffern: das Siegerprojekt "Look twice" von Mariusz Jan Demner
    foto: höller

    Erst auf den zweiten Blick ist "Würstelstand" zu entziffern: das Siegerprojekt "Look twice" von Mariusz Jan Demner

Werbeexperten präsentierten in Graz ihre höchst unterschiedlichen Vorschläge zum Thema "Rebranding European Muslims"

Graz - Eigentlich ist "Rebranding European Muslims" nur ein Kunstprojekt, das der Steirische Herbst am Freitag in einer eher klischeehaften Gala präsentierte. Doch nicht nur ein etwas mehr an Security verwies auf die Brisanz. Das Image der wachsenden muslimischen Bevölkerungsgruppe in Europa bleibt ein heißes Thema. Aktuell ist es ein Youtube-Video, das zu gewaltsamen Protesten in der islamischen Welt führte.

Von einem "erbärmlichen Machwerk von Islamhassern" sprach der Wiener SP-Politiker Omar Al-Rawi in seiner Gala-Eröffnungsrede: "Ein Bruchteil von einem Promille der muslimischen Weltbevölkerung liefert jene Schlagzeilen, die die Provokateure intendiert hatten. Diese negativen Bilder bestimmen einmal mehr die öffentliche Meinung", beklagte Al-Rawi.

Formbare Konstrukte

Die israelische Künstlergruppe "Public Movement" versucht nun Abhilfe zu schaffen. Die Künstler formulierten Thesen zur europäischen und europäisch-muslimischen Identität, die - so meinen sie - beide unbrauchbare, aber gleichzeitig formbare Konstrukte seien. Man beauftragte drei Agenturen mit dem Entwurf einer Kampagne, die ein positives Image für Europas Muslime prägen könnte. Und lud mit Plakaten in Berlin und Graz, die Angela Merkel provokant mit "Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!" zitierten, zur Gala. Umrahmt von einer Bauchtanzperformance und einer Betsession mit Imam - ironische Distanz war keine zu bemerken -, drehte sich alles um den, so heißt es im Werberjargon, "Pitch": Die Agenturen präsentierten höchst unterschiedliche Konzepte, das Publikum wählte seinen Favoriten.

Geänderte Vornamen

Am radikalsten erwies sich der Vorschlag des in Somalia geborenen Schweden Guleed Mohamad von der Agentur Love Tensta in Stockholm: Er wollte 40 arbeitslose Jugendliche von Tür zu Tür schicken. In Gesprächen sollen Europäer überzeugt werden, ihre Vornamen in Mohammed oder Fatima ändern zu lassen und so die Normalität der Präsenz des Islams in Europa zu unterstreichen. Auf soziale Netzwerke setzte Daniel van der Velden von Metahaven. Er schlug eine Internetkampagne vor, die sich insbesondere über islamophobe Rechtsaußen-Politiker lustig machen würde.

Zum Sieger gekürt wurde jedoch der bekannte Wiener Werber Mariusz Jan Demner von Demner, Merclicek & Bergmann. In seinem Vorschlag "Look twice" geht es darum, in europäischen Alltagsszenen lateinische Buchstaben durch vermeintlich arabische Lettern zu ersetzen. Erst bei genauem Hinsehen, das auch zum Nachdenken anregen soll, ist der "Würstelstand" wieder als "Würstelstand" zu dechiffrieren. Nach dem Sieg soll "Look twice" mit einem bescheidenen Budget weiterentwickelt werden. Mit Widerspruch ist zu rechnen. "Ich bin verwundert, dass eine solche Werbung erlaubt sein kann. Wir sind hier in Österreich", hatte eine von der Werbeagentur befragte Passantin erklärt. (Herwig G. Höller, DER STANDARD, 1.10.2012)

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