Der Traum der späten Jahre

  • Benjamin Raich würde gern die Abfahrt auf der Streif gewinnen. Der Pitztaler mutet sich wieder alle Disziplinen zu und strebt nach dem Gesamtweltcup.
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    Benjamin Raich würde gern die Abfahrt auf der Streif gewinnen. Der Pitztaler mutet sich wieder alle Disziplinen zu und strebt nach dem Gesamtweltcup.

Benjamin Raich debütierte 1996 im Skiweltcup - Er fühlt sich frisch genug, um zum zweiten Mal die große Kristallkugel zu gewinnen

Altenmarkt - Naturgemäß drehte sich beim sogenannten Atomic Racing Media Day am Firmensitz in Altenmarkt vieles um Marcel Hirscher (23), den jungen Star, der heuer mit einem von ihm designten Ski unterwegs sein wird. Und also frägt man Altmeister Benjamin Raich (34), ob es nie zur Debatte stand, dass auch er einen Ski kreiere. "Es ist ja das erste Mal, dass es so etwas gibt. Marcel ist da sehr aktiv in die Richtung. Wieso auch nicht?"

Er, Raich, arbeitete aber um nichts weniger an der Entwicklung des Materials. "Nur nicht nach außen. Marcel hat seine eigene Oberfläche. Schaut eh ganz nett aus. Es geht aber vor allem darum, was hineinkommt in den Ski." Hirscher sagte: "Die faden Zeiten sind im Skifahren vorbei." Und also bitte man Raich um einen Kommentar: "Für mich waren sie nicht fad. Es ist immer eine Entwicklung dabei." Abgesehen davon beginnt der Weltcup mit Riesenslaloms für Damen und Herren am 27./28. Oktober auf dem Rettenbachferner in Sölden.

Raich vermittelte stets den Eindruck, dass es nicht unbedingt das Seine ist, im Mittelpunkt zu stehen. In die Zeit seiner Karriere, die so richtig 1996 im Weltcup begann, fielen die Taten des Hermann Maier, die Auferstehung des Stephan Eberharter, der rasante Aufstieg des Marcel Hirscher, der in der vergangenen Saison im Gewinn des Gesamtweltcups gipfelte.

Alter macht schneller

Der Pitztaler hat in seiner Zeit allerhand gesammelt, Olympiasiege im Riesenslalom und im Slalom, WM-Titel im Slalom in der Kombi und mit der Mannschaft, dazu eine Menge Medaillen in den anderen Farben, acht kleine Kristallkugeln und eine große, die dem Gesamtweltcupsieger gebührt. Insgesamt feierte er 36 Weltcupsiege, erst im Vorjahr gelang ihm der erste in einer schnellen Disziplin, im Super-G.

"Ich habe gar kein Problem damit, im Mittelpunkt zu stehen, ich war es ja auch immer wieder. Das hängt ja vor allem mit dem Erfolg zusammen. Natürlich gibt es auch welche, die eine Riesenshow abziehen, aber das ist nicht unbedingt meins. Ich will Leistung zeigen, das ist in erster Linie mein Ziel."

Ganz am Anfang, hat er später einmal gestanden, ist es ihm aber fast zu viel geworden. 1999 in Schladming, als er mit dem Sessellift hinauffuhr zum Start des zweiten Slalomdurchgangs, und 50.000 Fans unter sich sah, wurde er vorübergehend vom Zweifel befallen und hatte sich sinngemäß gefragt, ob das wirklich seine Welt ist. Er beantwortete die Frage mit Ja und gewann als 23. des ersten Durchgangs sein erstes Weltcuprennen.

Keine Homestorys

In den Mittelpunkt nicht nur in der Berichterstattung in Sachen Sport freilich drängt ihn auch seine jahrelange Beziehung zu Slalomkönigin Marlies Schild "Das ist okay. Wir können uns offiziell zeigen, machen auch Werbung gemeinsam. Wir könnten das aber noch mehr ausschlachten, es gibt dauernd Anfragen. Aber irgendwo muss eine Grenze sein. Homestorys von uns wird es sicher nicht geben."

Raich zählt zu den älteren Herrschaften im Skizirkus. Beim Training in Argentinien ist ihm etwas aufgefallen. "In Ushuaia", erzählt der Tiroler, "bin ich mit einem Madl im Lift raufgefahren, einer Südtirolerin. Sie war 17, also halb so alt wie ich. Da wird einem schon bewusst, dass man ein gewisses Alter hat. Aber mir ist auch bewusst, dass ich dadurch eine Erfahrung habe, die ich nutzen kann. Ich fühle mich nach wie vor frisch, habe Spaß daran, und das ist es, was zählt." Er, Raich, könne sich aber gut vorstellen, was sich das Madl gedacht hat: "Was tut der noch dabei? Ich weiß noch, wie ich gedacht habe, als ich so alt war, da war 34 ja uralt."

Raich bleibt Allrounder

Raich hat noch viel vor. Und im Gegensatz zu Hirscher, der sich auf Slalom und Riesenslalom konzentriert und den Super-G etwas ausbauen will, setzt er wie in den vergangenen Jahren auf alle Disziplinen. Und hat sich im Training besonders auf die Abfahrt konzentriert, schließlich würde es ihm schon taugen, auf der Streif in Kitzbühel zu gewinnen. Zu diesem Behufe arbeitet er auch mit Ex-Champion Michael Walchhofer zusammen. "Das ist ein neuer Input. Es ist interessant, wie er es fühlt in gewissen Kurven."

Raich fühlt sich gut aufgestellt für den Gewinn des Gesamtweltcups. "Ich werde von Rennen zu Rennen schauen. Das ist vielleicht langweilig. Aber es ist so." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 29./30.9.2012)

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