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Begeisterung klingt wirklich anders. Seit Donnerstagmorgen ist The Casual Vacancy im Verkauf, auf Deutsch erschien das Buch als Ein plötzlicher Todesfall im Carlsen-Verlag. Trotz der absurden Geheimhaltung enthielten viele Tageszeitungen auf der Insel bereits Kurzkritiken. "Altmodisch, nachdenklich, zornig", fand die Financial Times-Kritikerin das erste Erwachsenenbuch von Harry Potter-Autorin Joanne ("J. K.") Rowling. Die Times zog Parallelen mit Charles Dickens: " ein klein bisschen langweilig".
Ein klein bisschen? "Vorsätzlich banal, voller Klischees, enttäuschend", urteilte die New York Times. "Solide, traditionell", schreibt der Guardian und nimmt den Ausdruck "wunderbarerweise unbeaufsichtigte Vagina" zum Anlass für einen kleinen Scherz: Ob die Autorin nicht ihr nächstes Buch so taufen könne, "Harry Potter (HP) und die wunderbarerweise unbeaufsichtigte Vagina"?
Das geht schon deshalb nicht, weil Joanne Rowling (47) ihrem Zauberlehrling für immer Ade gesagt hat. Das sei "mörderisch schwer" gewesen, hat sie der BBC zu Protokoll gegeben - aber auch: "Harry Potter hat mich wirklich befreit." Das gilt ganz bestimmt im finanziellen Sinn, schließlich hat die Serie von sieben Büchern und acht Filmen Rowling in die Gruppe der 150 reichsten Briten katapultiert.
Ihr Vermögen taxiert die Sunday Times auf umgerechnet 701 Millionen Euro. Sie müsse also niemandem mehr etwas beweisen, sagt die Autorin, " und das meine ich nicht arrogant". Tatsächlich kann ihr relativ egal sein, was die Kritiker von ihrem neuen Buch halten. Der Vergleich mit Dickens jedenfalls sei doch "sehr schmeichelhaft". Sie selbst liebe " dicke, fette Romane aus dem 19. Jahrhundert", der Todesfall sei eine moderne Version davon.
Klassenhass und Rassismus
Tatsächlich hält Rowling an ihrer Tendenz zu langen, überlangen Büchern fest: 567 Seiten nimmt die deutsche Version in Anspruch, und wie bei den Harry- Potter-Romanen stehen da keineswegs nur durchziselierte Sätze. Dafür gibt es nackte Brüste schon auf Seite 13, und auch sonst reichlich Sex, dazu Drogensucht, Pädophilie, Klassenhass, Rassismus - was eben so läuft bei den Muggles in vermeintlich idyllischen englischen Kleinstädten. Joanne Rowling ist dort aufgewachsen, hatte als Teenager " Beklemmungen", hat Depressionen und tiefe Armut hinter sich.
Sie lobt ihr Buch als komische Tragödie mit schwarzem Humor. Die Kritiker freilich vermissen den Humor. "Zu wenig Gelächter in all dem freudlosen Trübsinn", moniert Daily Mail, und der Independent findet Rowlings Prosa "umständlich, langstielig und hölzern".
Also doch zurück zu Harry Potter? Ein wenig Mut hat die Bestsellerautorin ihren Fans weltweit doch noch gemacht: Zwei der sieben Bücher - welche zwei bleibt ihr Geheimnis - "hätten noch ein Jahr gebraucht, aber ich stand unter hohem Zeitdruck", hat Rowling der BBC anvertraut. Aber sie könne sich "so etwas wie einen Director's Cut" vorstellen, um die unbefriedigenden Passagen auszubügeln. "Wenn ich mit den Jahren besser werden könnte, wäre das toll." Leider spricht der Plötzliche Todesfall nicht dafür. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 29./30.9.2012)
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