Die Welt amüsiert sich zu Tode

  • Als hätte man noch eine Wahl, zwischen Arbeit und Freizeit zu wählen: Olaf 
Nicolais post-fordistisches Glücksrad "Enjoy Survive (I)" von 2001. 
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    foto: nils klinger

    Als hätte man noch eine Wahl, zwischen Arbeit und Freizeit zu wählen: Olaf Nicolais post-fordistisches Glücksrad "Enjoy Survive (I)" von 2001. 

Die Ausstellung "Keine Zeit. Erschöpftes Selbst. Entgrenztes Können" im 21er Haus spürt der von Effektivität und Rentabilität geprägten Welt und ihren Zwängen nach

Der Tiefgang erfolgt im Katalog.

Wien - Einatmen, ausatmen, einatmen ... Om! Es erfordert Mühe, sich nicht vom fünfeinhalb Minuten langen Wortstrudel Sieben bis Zehn Millionen (2005) von Stefan Panhans mitreißen zu lassen und das Gefühl von Enge um die Brust wieder wegzuatmen. Während um den Protagonisten mit Fellkapuze lautlos die Schneeflocken tanzen, bricht ein Stakkato aus ihm heraus: über die Gefahr, das Falsche, nicht das Aktuellste oder Beste einzukaufen, von der Not des Checkens, ja vom Double-Checken, vom Druck informiert und schnell zu sein. Einkaufen als Trauma und Psychothriller.

Keine Zeit titelt die Ausstellung im 21er-Haus, in der es um Effizienz und Rentabilität, Lustgewinn und stete Entwicklung geht - also um unseren "Zeitgeist" und seine negativen Folgen. Letztere betreffen aber immer nur die anderen, etwa das leergeblasene Häuflein Mensch von Werner Reiterer. Erschöpft? Keine Rede! Innehalten ist nicht nur unmöglich, sondern gesellschaftliches Tabu.

Eingestehen würde bedeuten, bereits mit einem Fuß vor der Tür zu stehen. Stattdessen funktioniert man wie ein Uhrwerk, nur dass man, so wie auf jenem von Manfred Erjautz, schon lange nicht mehr erkennen kann, welche Zeit es geschlagen hat. Eine zeitliche Punktlandung absolvierte die Schau allerdings auch: Mitten in die Woche mit den meisten Ausstellungseröffnungen platzte man, also gerade so, als wolle man den Effekt des Titels verstärken.

Das erschöpfte Selbst heißt eine Studie des Soziologen Alain Ehrenberg, auf die der Subtitel der Ausstellung verweist. Ehrenberg argumentiert darin, Burnout und Erschöpfungdepressionen seien kausal mit der zum Wahn gewordenen neoliberalen Ideologie der Selbstverwirklichung verbunden.

Wie man so abgeht

Ums Ego geht es auch in der zweiten Videoarbeit Stefan Panhans', Pool, der wohl pointiertesten Arbeit in der Auswahl von Kuratorin Bettina Steinbrügge. Gerade so, als ginge es um Drogen oder Waffenschieberei, wird hier ein Job für "Leute, die sich was trauen" vermittelt. Das Aber ist lang. Der Bewerber müsse halt vorher "herausfinden, wie er so abgeht" . Make-up, Outfit, Attitüde, alles muss stimmig sein.

Aber es gibt auch die Verweigerer, die mit betonter Langsamkeit Kontra geben: James Bennings Video Twenty Cigarettes bildet zwanzig Menschen in einem Moment des Innehaltens und der kontemplativen Ruhe ab. Josef Dabernig konterkariert Effektivität mit dem handschriftlichen Abschreiben eines ganzen Buches.

Stellvertretend für das Fatigue Empire, das Cosima von Bonin 2010 im Kunsthaus Bregenz errichtete, lümmeln nun ihre erschlafften Schlummerhäschen mit Ambient-Mucke auf den Ohren in Wien herum. An die Dichte von Bonins müdem Reich langt Keine Zeit nicht heran. Zu aufdringlich sind manche Metaphern für die harte Arbeitswelt: etwa das Spiel "Reise nach Jerusalem".

In der Stille wird der Mensch sein Nichts fühlen, seine Ohnmacht, seine Leere, schrieb Blaise Pascal. Aber die Zeitgenossenschaft ist inzwischen furchtlos: Für ein bisschen Pause würde sie es sogar mit den eigenen Abgründen aufnehmen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 29./30.9.2012) 

Bis 6.1.

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