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Anstelle der eher gefährlichen Bus- und Velospuren der großen Boulevards, wo ungeübte Vélib-Fahrer schon einmal unter die Busräder kommen, nehmen wir Seitenstraßen.

Die Tageszeitung Figaro lästerte vor fünf Jahren, das System werde nie funktionieren, doch der Pariser Bürgermeister Bertrand De lanoë zog seine Idee eisern durch: Im Sommer 2007 startete er den Fahrradverleih namens "Vélib" (eine sprachliche Verquickung von "vélo" und "liberté", Freiheit). Heute stehen mehr als 20.000 dieser Mietdrahtesel über die Stadt verteilt an Hunderten von Stationen.
Und wie bedient man sich? Ganz einfach, man löst an der Säule einer Vélib-Station ein Abo für die gewünschte Zeit, zahlt mit der Kreditkarte, erhält die freien Zweiräder der Station zugewiesen, schnappt sich das vertrauenswürdigste davon - und saust schon von der Sacré-Cœur-Kirche auf dem Montmartre-Hügel an die Seine hinunter, womit auch gleich das größte Vélib-Problem genannt ist: Da niemand gerne bergauf pedalt, sind die höher gelegenen Stationen meistens leer. 48 Unterhaltequipen fahren deshalb rund um die Uhr per Lastwagen Vélibs in die Höhe, wo sie die Stationen über Nacht füllen.
Hier das Beispiel einer Tour de Paris, die nicht bei den allzu bekannten Attraktionen wie Eiffelturm, Champs-Élysées oder Louvre vorbeiführt. Wir starten natürlich zuoberst auf einem Stadthügel, allerdings im Nordosten der Stadt, dem Buttes Chaumont, bekannt für den gleichnamigen originellen Stadtpark mit künstlichen Seen, Schluchten und Hängebrücken.
Zur Villette geht's nur bergab
Von dort aus geht es die Avenue Secrétan hinunter, durch ein noch gut erhaltenes und lebendiges Arbeiterquartier von Paris. Unten nehmen wir sofort Kurs auf Stalingrad. Das ist der Name der Métro station, von der aus sich das Bassin de la Villette erkunden lässt. Wo früher die Schlachthöfe der Stadt waren, radeln wir bis zum Parc de la Villette, der Cité de la Musique und dem Technikmuseum.
Auf der Rückfahrt fahren wir den Canal Saint-Martin hinunter, vorbei an alten Schleusen mitten in der Großstadt, wo einige Mai gret-Krimis spielen. An der Stelle, wo der Kanal überdeckt ist und unterirdisch weitergeführt wird, zweigen wir nach rechts in Richtung Marais ab. In der Rue de la Vieille du Temple dopen wir uns im Szene-Café La Perle, wo der Modezar John Galliano im Vollrausch einen Skandal auslöste; gleich anschließend machen wir in der Rue des Rosiers für den Lunch halt und genehmigen uns einige Falafel beim "L'As du Fallafel", dem besten Stand des jüdischen Quartiers.
Schließlich geht's zur Seine, am erstaunlichen Tiermarkt des Quai de la Mégisserie vorbei. Über eine der beiden velogängigen Fußgängerstraßen Rue Montorgueil oder die untere Rue Montmartre arbeiten wir uns zum Palais Royal vor. Wir nähern uns von Norden und fahren über die winzige Rue de Beaujolais heran. Nach einem Zwischenhalt im geschichtsträchtigen Palastgarten schlagen wir die Rue Saint-Anne ein, die wenig bekannte "Japaner-Straße", wo wir eines unter den vielen erschwinglichen, aber dennoch ausgezeichneten "réstos japonais" für den Abend aussuchen.
Triumphbogen und Mutproben
Da aber erst Nachmittag ist, fahren wir weiter durch den Jardin des Tuileries bis zur Concorde. Dort steigen wir vom Sattel: Auf so stark befahrenen Plätzen riskiert man als Radler einfach zu viel. Auch bei der Bastille oder beim Arc de Triomphe sind Mutproben überflüssig. Anstelle der ebenfalls eher gefährlichen Bus- und Velospuren der großen Boulevards, wo ungeübte Vélib-Fahrer schon einmal unter die Busräder kommen, nehmen wir Seitenstraßen wie die Rue de Varenne zum Rodin-Museum oder zum Bon Marché, dem exklusiven Kaufhaus von Paris mit einer ausgezeichneten Delikatessenabteilung.
Von dort aus geht es weiter bis zum Quartier Latin: Wir suchen den kleinsten und romantischsten Platz von Paris, die Place de Furstemberg oder nehmen im Café de la Mairie auf der Place Saint-Sulpice nochmals einen Doping-Kaffee zu uns. Bei schönem Wetter natürlich auf der "M'as tu vu"-Terrasse des Cafés, um zu sehen und gesehen zu werden. Zu unseren Ehren stolziert nämlich sicher eine der hier wohnenden Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve oder Isabelle Adjani vorbei.
Aber das ist, wie gesagt, nur eine von vielen Touren. Zum Reiz einer Pariser Fahrradtour gehört es nämlich auch, sich spontan treiben zu lassen - das Vélib fährt dann fast von allein. (Stefan Brändle, Album, DER STANDARD, 29.9.2012)
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Um die Benutzer des Vélib' Systems dazu anzuspornen, doch auch selbst ihre Räder an den höher gelegenen Stationen abzustellen hat sich die Stadt etwas ziemlich kluges ausgedacht. Die Benutzung eines Vélib' ist für Jahresabonnenten 30-45 Minuten lang gratis (je nachdem, welches Abo man gelöst hat), danach zahlt man zwischen 0,50€ und 1€ pro 1/2 Stunde. Es gibt aber "Vélib'+" Stationen, die allesamt auf den Hügeln der Stadt liegen, bei denen man, wenn man sein Rad dort abstellt, 15 Gratisminuten auf sein Konto bekommt. Seit die Stadt dies vor 3 Jahren eingeführt hat bemerkt man, dass doch mehr Räder auf den Hügelstationen anzutreffen sind als früher...
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