Eine Sinfonie der Möglichkeiten

  • Vom nur 450 Meter hohen Berg Máj in der Nähe des Štechovice-Stausees 
erkennt man gleich die Lieblingsbeschäftigung der Moldau in ihrem 
Oberlauf: das Mäandern.
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    foto: czech tourism / roman cestr

    Vom nur 450 Meter hohen Berg Máj in der Nähe des Štechovice-Stausees erkennt man gleich die Lieblingsbeschäftigung der Moldau in ihrem Oberlauf: das Mäandern.

Wer jetzt der Moldau von der Quelle bis zur Mündung folgt, erlebt die leisen Zwischentöne einer Herbstlandschaft

Hoch und dicht stehen im Böhmerwald die Bäume. Auf 1.200 Höhenmetern ist es frisch, und außer der Sibirischen Schwertlilie sind nicht viele Blumen der Kälte gewachsen. Ein geschickt angelegter Holzbohlenweg führt zu jener Stelle, wo ein unscheinbares Bächlein aus dem Gebirgsboden quillt. Das Wasser ergießt sich in ein kleines Becken, in dem Glücksmünzen silbern glitzern, die Wanderer und Radler hineinwarfen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Aus diesem Felsen entspringt die Moldau, der wichtigste Fluss Tschechiens.

Man lauscht der Quelle eine Weile, hört sie flötengleich springen, heiter glucksen und gurgeln wie eine Klarinette, munter sprudeln, kurz und schnell, wie an der Harfe gezupft. Die Moldau-Melodie von Bedrich Smetana ist im Ohr. Dem tschechischen Tonkünstler verdankt die Nation ihre heimliche Hymne, die das Land, seine Bräuche und den Strom in Noten beschreibt. Kaum ein anderer hat das Plätschern, Perlen und Fließen von Wasser akustisch treffender umgesetzt.

Vorhang auf für den Wald

Die Moldau ist den Tschechen die Mutter aller Flüsse. Wo sich der Böhmerwald herrlich unberührt, urwüchsig und in seltener Ursprünglichkeit zeigt, entspringt genau genommen der Quellfluss Warme Moldau, Teplá Vltava. Mehr als vierzig Jahre war die grenznahe Gegend ein militärisches Sperrgebiet, kaum besiedelt und für Besucher unzugänglich. Als der Eiserne Vorhang fiel, wurde das Gelände 1992 als Sumava-Nationalpark unter Schutz gestellt und bildet heute mit dem benachbarten Nationalpark Bayerischer Wald das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas.

Doch zunächst versickert die Warme Moldau in den Tal- und Hochmooren des Böhmerwaldes. Hinter dem Gebirgsdorf Kvilda gewinnt der Bach an Breite, windet sich durch Auen, grüne Wiesen und Täler. Bei Sto~ec vermischt er sich mit der Kalten Moldau, die aus dem deutschen Haidmühle kommt, zu einem Strom. Von jetzt an ist die Moldau tschechisch, heißt Vltava oder, aus dem Germanischen Wulda abgeleitet, "gewaltiges Wasser".

Langsam wird die Vltava breiter und schneller. Sie passiert gemähte Felder und goldene Herbstwälder, überwindet immerhin drei Stauseen, meistert Schleusen und Wehre, durchfließt weite Ebenen und wilde Schluchten, vorbei an Burgen, Dörfern und Ortschaften ohne Industrie. Von der Quelle bis zur Mündung fließt sie 430 Kilometer. Damit zählt sie zwar nicht zu Europas gewaltigsten Strömen, aber wohl zu den aufregendsten.

"Böhmen liegt am Meer", schrieb Shakespeare für sein literarisches Wintermärchen. Das war reine Fiktion, und doch sieht man den Fluss bei Nová Pec in eine Art Meer abtauchen, den Lipno-Stausee. Als hier die Moldau in den 1950er-Jahren gestaut wurde, verschwanden Dörfer, Gehöfte und auch das sogenannte "Moldau-Herz", also jene herzförmige Flussschleife, die heute nur noch bei Niedrigwasser zum Vorschein kommt. Mit einer Länge von 42 Kilometern entstand der größte Binnensee Tschechiens, der im Winter fast immer gefriert und auf dem Schlittschuhläufer, Eishockeyspieler und Eisstockschützen ihr wahres Wintermärchen finden. Noch versuchen hier allerdings die Angler ihr Glück. Die Zander, Hechte und Karpfen kommen nämlich im Oktober so richtig in Fresslaune, bevor der harte Winter beginnt.

Der Langweiler im Idyll

Am See liegt Horní Planá (Oberplan), der Geburtsort von Adalbert Stifter. Und selbst wenn Thomas Mann seinen Schriftstellerkollegen für einen Langweiler hielt: Viele Böhmen verehren ihn für die idyllischen Beschreibungen ihrer Heimat. Sonst zeigt sich der Badeort wie viele andere am Lipno-Nordufer architektonisch im Stil des sozialistischen Wohnungsbaus. Am Ufer reihen sich Datschensiedlungen, verwaiste Campingplätze, Gasthäuser und ein paar neuere Hotels.

Bei Vyšší Brod (Hohenfurt) hat man den Fluss endlich wieder. In diesem Städtchen mit einem Zisterzienserkloster endet nun im September für viele Tschechen ein Moldau-Vergnügen: Kanufahren, der sommerliche Volkssport Nummer eins.

Gerade schließen die letzten Campingplätze und wohl auch die vielen Imbissbuden am Ufer. Kanus, Kajaks und Raftingboote werden verstaut, und der flotte Strom, auf dem eben noch Tausende heiter unterwegs waren, fließt still vor sich hin. Wie in einem Urstromtal schlängelt er sich durch die Landschaft. Seine Farbe ist Tiefschwarz, weil er durch mehrere Moorgebiete fließt.

Bei Ro~mberk (Rosenberg) hat sich auf einem Hügel die Schlossburg postiert. Trutzig und mächtig erinnert sie an die Wittigonen und Rosenbergs, zwei der einflussreichsten Dynastien Südböhmens. Die Landstraße 160 folgt der wild mäandernden Moldau. Andernorts wurden an Flussschleifen Aussichtspunkte und Panoramaterrassen gebaut, die die Menschen wie Pilgerorte besuchen. Doch der Oberlauf bildet eigentlich ständig Schlingen. Wie kaum ein anderer Fluss in Europa zieht die Moldau von Schleife zu Schleife, die anderswo Opfer von Kanalisierungen wurden. "Die Moldau blieb deshalb verschont", erklärt Václav Cilek, Direktor des Geologischen Instituts in Prag, "weil sie durch viele Felsenschluchten fließt."

Krumau ehrt Schiele

In Ceský Krumlov (Krumau) mäandert der Fluss gleich dreimal krumm durch eine Schlucht und umschlingt die 1.253 gegründete Stadt fast vollständig. Auf einem langgestreckten Felsvorsprung darüber erheben sich Schloss und Burg, die die Macht der Rosenbergs seit dem 14. Jahrhundert eindrucksvoll in Szene setzen, ein Ensemble, doppelt so groß wie die unescogeschützte Altstadt. Ihre Sub stanz ist gotisch, doch ihr Antlitz stammt aus der Renaissance. Jedes Jahr begeistert diese Mischung Millionen von Touristen, doch im Oktober kehrt hier langsam Stille ein.

Auch der Maler Egon Schiele hielt sich am Geburtsort seiner Mutter auf. Nur drei Monate. Doch obwohl der Expressionist von Krumau zahlreiche Stadtansichten hinterließ, vertrieben ihn die Bewohner, weil sie seine Kunst für obszön hielten. Heute ehrt ihn Krumau mit dem Schiele ART Centrum und dem restaurierten Wohnhaus, das im Mai 2013 mit Galerie eröffnet wird.

Mit der Moldau erreicht man Prag. Vom Letná-Hügel gesehen, legt sich der Fluss wie eine Schärpe über den Bauch der Goldenen Stadt. Er trennt das politische Prag mit dem Hradschin, dem größten geschlossenen Burgareal der Welt, den Adelspalästen und dem Parlament vom akademischen Prag mit der Universität, dem Nationaltheater und Nationalmuseum. Achtzehn Brücken halten die beiden Seiten fest zusammen.

Die älteste ist bekanntermaßen die Karlsbrücke mit den lebensgroßen Männern aus schwarzem Stein. Und den besten Platz in der Mitte besetzt der Heilige Nepomuk, der 1.393 in der Moldau ertränkt worden ist. Zwei Bronze tafeln an seiner Statue erzählen die Geschichte des Martyriums. Wer den Stürzenden mit den Fingern berühre, wissen die Prager, dem erfüllt der Heilige alle Wünsche. Doch weil viele nicht wissen, wo sie ihr Glück suchen sollen, polieren täglich tausende Hände beide Bronzen blank.

Einmal selbst dirigieren

Bedrich Smetana hat am Moldauufer ein Denkmal und im früheren Wasserwerk ein Museum erhalten. "Seine Musik wurde so populär, weil sie schön und leicht zu verstehen ist", sagt die Direktorin Olga Moj~íšová. Smetana sei der Begründer der Nationalmusik und "die erste große musikalische Persönlichkeit Tschechiens." Im Raum der Notenpulte kann der Besucher mit einem elektronischen Taktstock auf dem Dirigentenpult Stücke erklingen lassen. Richtet man ihn auf das erste Pult, hört man freilich Die Moldau.

Bei einer Schiffstour erklärt schließlich ein Bootsmann mit der Hand auf der Brust seine Liebe zur Moldau. Ohne sie hätte Prag keinen Glanz. "Der Fluss entspringt im Böhmerwald und mündet in die Nordsee", schwärmt er und übersetzt das gleich in drei Sprachen. Als überzeugter Tscheche erlaubt er sich dabei eine kleine geografische Unwahrheit.

So wie viele seiner Landsleute ist er der Meinung, dass die Elbe am Zusammenfluss eigentlich nach der längeren Moldau benannt werden müsste. Doch weil Geologen eigene Kriterien haben, mündet der Tschechen "Mutter aller Flüsse" bei der alten Königsstadt Melník, 38 Kilometer von Prag entfernt, in die Elbe. Unter diesem Namen fließen beide vereint in Richtung Nordsee. (Beate Schümann, Album, DER STANDARD, 29.9.2012)

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