"Ich bin der Einzige, der dieses Szenario durchbrechen kann"

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  • Einen Vene bei einem krampfenden Kind zu punktieren ist schwer.
    foto: gerd altmann/pixelio.de

    Einen Vene bei einem krampfenden Kind zu punktieren ist schwer.

Eine Herausforderung für den Notarzt - Die Versorgung eines Kindes mit einem nicht enden wollenden Krampfanfall

Krampfanfälle sind immer grauslich anzusehen. Die Kinder zucken, verdrehen die Augen, werden blau. Minuten nach der Alarmierung landen wir in der Wiese neben einem Bauernhaus. Die Kleine liegt im Freien, mitten im Innenhof, krampft, Mutter und Vater daneben, die Extremitäten zucken.

Ich versuche einen Venenzugang, punktiere das Gefäß, der Arm biegt sich, ich steche durch. Nochmals, wieder drinnen, ich will die Kanüle vorschieben, ein plötzlicher Ruck, wieder durch. Zwei frustrane Versuche, ich höre auf. Die kleine krampft weiter. Ruhe bewahren, die Eltern stehen hinter mir, schauen zu. Ich zerstäube das Medikament intranasal. Es scheint zu wirken, das Zucken wird langsamer, sie rollt die Augen. Dann aber neuerliches Krampfen, die Gesichtsmuskeln faszikulieren wieder. Nochmalige intranasale Gabe. Es ist mühsam, läuft nicht rund, es ist kein Venenzugang machbar, das Medikament wirkt nicht oder zu langsam. Das Kind ist noch im Status und ich habe noch keinen suffizienten Zugang. Wir sind noch lange nicht durch.

Ich spüre die Eltern hinter mir. Das alles im Freien, in einem sandigen Bauerninnenhof. Alle stehen da, schauen erwartungsvoll zu, die Hendln laufen herum. Hier krampft ein fünfjähriges Mädchen, und ich bin der Einzige, der dieses Szenario durchbrechen kann.

Ich setze den Knochenbohrer am Unterschenkelknochen an, durchstoße die Haut bis zum Knochenkontakt, bohre mit sanftem Druck die Intraossärnadel bis zum Anschlag. Leicht in der Richtung abwärts, um die Wachstumsfuge des Knochens, die sich nahe dieser Stelle befindet, nicht zu gefährden. Die Nadel sitzt, ich spüle mit Kochsalz zügig durch. Es funktioniert. Ich spritze das Medikament. Die Kleine beruhigt sich. Geschafft. Wir lagern sie auf die Seite, bringen sie in den Hubi. Die Mutter fliegt mit, sitzt mir gegenüber und ist erleichtert.

Ich beobachte die Kleine. Sie schläft friedlich, atmet rund. Da stelle ich mir vor, was wäre, wenn ich die Epiphysenfuge getroffen hätte. Das Bein würde nicht mehr wachsen, deutlich kürzer sein als das andere, sie würde so einen großen klobigen schwarzen Ausgleichsschuh tragen müssen, wie einen Klumpen das Bein nachschleifen. Die anderen Kinder würden das Mädchen verspotten, sie würde heranwachsen und unglücklich sein, immer ausgelacht werden. Wenn sie größer wird, ein Außenseiter sein, keine Freunde finden ...

Ich Idiot, meine Gedanken galoppieren davon. Es ist alles in Ordnung. So fliegen wir dahin, friedlich. Die Kleine schläft, die Mutter ist müde-entspannt und ich erschöpft, allein mit meinen absurden Ängsten. (Robert Mosser, derStandard, 1.10.2012)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

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