"Nicht gesättiget von dieser Reise"

  • Adelbert von Chamisso, "Reise um die Welt". Euro 81,30 (bis Jänner 2013,
 danach ¬ 101, 80) / 519 Seiten, Die Andere Bibliothek 2012
    cover: die andere bibliothek

    Adelbert von Chamisso, "Reise um die Welt". Euro 81,30 (bis Jänner 2013, danach ¬ 101, 80) / 519 Seiten, Die Andere Bibliothek 2012

Der "französische Preuße" Adelbert von Chamisso umsegelte drei Jahre lang die Welt. Jetzt ist sein Reisebericht neu aufgelegt worden

"Peter Schlemihl's wundersame Geschichte" verschaffte ihm Weltruhm, und viele seiner Gedichte gehören zum Kanon der deutschen Literatur. Doch darüber hinaus widmete sich der "französische Preuße" Adelbert von Chamisso (1781-1838) mit Verve dem Studium der Natur. Die Eindrücke seiner dreijährigen Weltumsegelung werden mit kolorierten Zeichnungen von Ludwig Choris in der bibliophilen Buchreihe "Die Andere Bibliothek" neu aufgelegt.

"Hier umfängt eine neue Schöpfung den Europäer, und in ihrer Überfülle ist alles auffallend und riesenhaft", schwärmt Adelbert von Chamisso. Der Naturforscher verliert sich im Dichter angesichts des Reichtums der Natur auf der brasilianischen Insel Santa Catharina. "Hoch auf den Ästen wiegen sich luftige Gärten von Orchideen, Farren, Bromeliazeen usw., und die Tillandsia usneoides überhängt das Haupt alternder Bäume mit greisen Silberlocken."

Am 12. Dezember 1815 lag die russische Brigg Rurik, benannt nach dem legendären Gründer Russlands, im Kanal von Santa Catharina vor Anker. Vier Monate zuvor war Chamisso in Kopenhagen an Bord gegangen. Zur selben Zeit wurde Napoleon nach Sankt Helena verbannt. Chamisso, Spross einer französischen Adelsfamilie, die es auf der Flucht vor der Revolution nach Preußen verschlagen hatte, verfolgte das Ereignis mit Zurückhaltung. Er war damals 34 Jahre alt, und eine mehrjährige Weltumsegelung lag vor ihm: "Ich schaute, freudiger Tatkraft mir bewußt, in die Welt, die offen vor mir lag, hinein, begierig, in den Kampf mit der geliebten Natur zu treten, ihr ihre Geheimnisse abzuringen."

Die Reise führte durch den Atlantik nach Brasilien, um Kap Hoorn nach Chile, weiter zur Oster-Insel und auf den Radack-Archipel, zu den heutigen Marshall-Inseln, hernach zur russischen Halbinsel Kamtschatka und im Sommer 1816 in die Beringstraße zur Aleuten-Insel Unalaschka, um einen Seeweg auszuforschen, der nördlich des amerikanischen Kontinents den atlantischen mit dem pazifischen Ozean verbindet. Den Winter über segelte die Rurik nach San Francisco und in die Südsee zu den Sandwich-Inseln, wie die Hawaii-Kette damals hieß, um im Sommer 1817 erneut Unalaschka anzusteuern. Mit an Bord waren die Naturforscher Martin Wormskiold und Iwan Eschscholtz sowie der Maler Ludwig Choris. Kapitän war Otto von Kotzebue, ein Sohn des Dichters August von Kotzebue.

Wie Chamisso schreibt, habe er anfangs Schwierigkeiten gehabt, sich in der Hierarchie an Bord zurechtzufinden: "Ich wußte zum Beispiel noch nicht, daß man nicht ungerufen den Kapitän in seiner Kajüte aufsuchen darf; daß ihm, wenn er auf dem Verdeck ist, die Seite über dem Wind ausschließlich gehört und daß man ihn da nicht auch anreden soll."

Diese Reiseschilderungen erschienen 1836 unter dem etwas irreführenden Titel "Tagebuch". Tatsächlich entstanden sie beinahe zwei Jahrzehnte nach der Reise. Chamisso aber gelingt es, Unmittelbarkeit herzustellen, indem er neben naturkundlichen Beobachtungen auch Episoden aus dem Alltag an Bord in seinen Text einstreut wie etwa die Geschichte der Sau Schaffecha oder die Anekdote einer alten tranigen Mütze aus Seehundsfell.

Ausführlich berichtet er von Empfängen und Festmählern, erzählt von einem Bärenkampf am Strand und schildert die Begegnung mit dem König der Sandwich-Inseln Tameiameia, der ihn "von seinen Weibern umringt, in seiner volkstümlichen Tracht" auf einer erhabenen Terrasse empfing. Er empört sich über die Sklaverei und philosophiert über "unverderbte Sitten, Anmut, Zierlichkeit und holde Blüte der Schamhaftigkeit". Aus heutiger Perspektive lesen sich seine Ausführungen mitunter etwas kurios, aber wenn er Begegnungen mit Menschen schildert, zeigt er sich stets offen und vorurteilslos. Mit Kadu, "der, ein anderer Odysseus, ein vielbewegtes, taten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt", schloss er sogar Freundschaft. Kadus von Ludwig Choris gezeichnetes Profil ist auf dem Titel der soeben in der Anderen Bibliothek erschienenen Neuausgabe von Chamissos Reisebeschreibung zu sehen.

Beigegeben sind dem großformatigen Band neben einigen naturkundlichen Darstellungen von Chamisso insgesamt 140 kolorierte Zeichnungen von Choris, die aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wurden. Choris entstammte einer deutschen Familie, wurde 1795 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren und nach dem Tod seiner Eltern von einem Dozenten für Zeichnen an der Universität Charkow aufgenommen. Der nahm ihn mit nach St. Petersburg. Als Choris auf die Rurik stieg, war er zwanzig Jahre alt und wurde überall, wo er an Land ging, von den Mädchen umschwärmt. Chamisso verschweigt diskret die wilden Liebesnächte auf Santa Catharina, als die Mädchen Fandango tanzten und Choris mit einem von ihnen im Wald verschwand. Seine Eindrücke von der Reise publizierte Choris in Frankreich, wo er nach der Rückkehr der Rurik hinzog.

Allerdings zeichnete Choris nicht im Auftrag Chamissos. Als der Kapitän gegen das Sammeln auf der Reise protestierte und darauf verwies, dass "ein Maler zur Disposition des Naturforschers stehe", betonte Choris, er habe "nur unmittelbar vom Kapitän" Befehle zu empfangen. Und Chamisso beklagt sich in seinem Text des Öfteren darüber, dass Choris' Zeichnungen unzureichend seien. "Ich habe es immer bedauert und muß hier mein Bedauern wiederholt ausdrücken, daß nicht ein guter Genius einmal einen Maler, einen zum Künstler Berufenen, nicht nur so einen Zeichner von Profession, auf diese Insel geführt", schreibt er, als der Gouverneur auf den Sandwich-Inseln für die Gäste ein Tanzspiel veranstaltete.

Überzeugend sind Choris' Porträts, die, um Ähnlichkeit bemüht, Lebensintensität bewahren und deutlich die individuellen Züge der Porträtierten abbilden. Von dem Porträt des Königs Tameiameia erzählt Chamisso, dass es sogar vervielfältigt wurde: "Alle erkannten es, alle hatten Freude daran ... Wie wir im nächsten Jahr nach Manila kamen, hatten sich bereits die amerikanischen Kaufleute dieses Bildes bemächtigt und hatten es in den chinesischen Malerfabriken für den Handel vervielfältigen lassen."

Zu bedauern ist, dass der Zoologe Matthias Glaubrecht, der in seinem Nachwort sehr überzeugend eine Neubewertung Chamissos als Naturforscher fordert, kritiklos an der These festhält, das eigentliche Ziel der Reise sei es gewesen, eine arktische Schiffspassage zu erkunden. Bereits 2008 wies die Chamisso-Biografin Beatrix Langner nach, dass dieses Ziel nur vorgeschoben war. Die Rurik, ein leichtes, aus finnischem Tannenholz gebautes Schiff, sei für eine Polarexpedition gar nicht geeignet gewesen. Vielmehr sei es darum gegangen, auf den Sandwich-Inseln einen neuen Versorgungsstützpunkt für die Russisch-Amerikanische Handelskompanie (RAK), die das Monopol im nordpolaren Pelzhandel besessen habe, auszuhandeln. Damit erhalten nicht nur die einzelnen Stationen der Reise einen Sinn, sondern es wird auch verständlich, warum Chamisso als Titulargelehrter unentgeltlich mitfahren durfte. Um den wissenschaftlichen Charakter der Expedition glaubhaft zu machen, sollte ein Naturforscher an Bord.

Der zaristische Hofbeamte Graf Nikolaj Romanzow, der die Reise finanzierte, war Hauptaktionär der RAK. Nach einem Schlaganfall, den er erlitt, als er von der Invasion Russlands durch Napoleon erfuhr, zog er sich auf seine Güter zurück, um in aller Verschwiegenheit das Problem der RAK zu lösen. Aus Langners Sicht wurde Chamisso missbraucht als Werkzeug eines Täuschungsmanövers. Chamisso war jedoch nicht so naiv, dass er nichts vom wirklichen Zweck der Reise ahnte. Auseinandersetzungen um die RAK ziehen sich durch seinen gesamten Reisebericht. Anlässlich der zweiten Fahrt in die Südsee scheint er zu begreifen, was vorgeht, obgleich er es nicht fassen kann: "Ein Versuch der Russisch-Amerikanischen Kompanie, sich der Sandwich-Inseln zu bemächtigen, kommt mir fabelhaft vor."

Schließlich ruft der abrupte Abbruch der Reise Chamissos Unwillen hervor. Zu Beginn des Sommers 1817 hatte der Kapitän eine zweite Nordfahrt zur Ausforschung der Nordwestpassage unternommen. Am 12. Juli aber gab er schriftlich bekannt, dass er "den Zweck der Reise wegen seiner zerstörten Gesundheit aufgebe". Chamisso nimmt es "mit schmerzlicher Entrüstung" auf. Zugleich erinnert er jedoch daran, dass Schiff, Kapitän und Mannschaft nur dem Grafen Romanzow unterstünden. Nach nochmaligen Aufenthalten auf den Sandwich-Inseln und dem Radack-Archipel ging es über Manila, die Sunda-Straße und das "Vorgebürge" der Guten Hoffnung vorzeitig zurück nach Europa. Chamisso zitiert aus einem seiner Briefe: "Ich kehre Dir zurück, der sonst ich war - ganz - etwas ermüdet, nicht gesättiget von dieser Reise." (Adelbert Reif, Album, DER STANDARD, 29./30.9.2012)

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