Die Welt, ein kranker Ort

Klaus Zeyringer
28. September 2012, 17:59
  • Starke  Szenen, schräge  Dialoge,  beunruhigende Zustände:  Clemens J. Setz.
    foto: epa/andreas pessenlehner

    Starke Szenen, schräge Dialoge, beunruhigende Zustände: Clemens J. Setz.

Clemens J. Setz legt ein espritreiches Fiktionsspiel um schreckliche Zustände vor

Irgendwann gewöhnt man sich gegen alles. Ein zentraler Satz, den Clemens J. Setz als Zitat einer seiner Figuren im hochinteressanten Roman "Indigo" zuschreibt. Das ansprechend gestaltete Buch, für dessen bedeutsame Typografie und Einband die Autorin Judith Schalansky verantwortlich zeichnet, bereitet ein besonderes Leseabenteuer, eine Mischung aus Erschrecken über das Erzählte und Vergnügen über das Fiktionsspiel.

Mit großer Einbildungskraft führt Setz nicht nur ein "Indigo-Syndrom" und dessen Auswüchse vor Augen, sondern setzt auch einen Protagonisten seines eigenen Namens in Szene. Dadurch verwischt er die für die Fiktionalität wesentlichen Grenzen zwischen Autor, Erzähler und Figur. Seine Erfindung stattet er mit Wirklichkeitssignalen aus, mit Fotos "aus dem Archiv des Autors", mit Zitaten aus vorgeblichen und tatsächlichen Publikationen, Briefen und Notizen. Zugleich stellt er sie jedoch kaum merklich gegen eine tatsächliche Realität - als ob es etwa in der Südsteiermark eine "weltberühmte Seilbahn" geben könnte ...

Ein junger Mathematiker namens Clemens Johann Setz hat 2006 kurz in der Internatsschule Helianau für "Indigo-Kinder" am Semmering unterrichtet. Deren mysteriöse Störung wird bisweilen mit radioaktiver Verstrahlung in Verbindung gebracht. Sie verursacht bei allen, die ihnen nahekommen, heftige Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen, so dass diese Kinder, auch vonein ander, in Distanz und besonderer Isolierung gehalten werden.

Dem neuen Lehrer fallen seltsame Verhaltensweisen wie das "Zonenspiel" oder dunkle Vorgänge auf. Oft müssen sich Kinder maskieren und werden abtransportiert; niemand will sich dazu äußern. Was die "Relokationen" bedeuten, wohin sie führen und was ein gewisser Ferenc damit zu tun hat, das ist eines der Rätsel in diesem packenden Roman, der auch ein verborgenes Leben in tiefen Tunnelsystemen anklingen lässt.

Ein Teil ist aus der Ich-Perspektive des Mathematikers geschildert, der über die Indigo-Kinder zu recherchieren beginnt und in "National Geographic" einen Beitrag "In der Zone" über einen Fall in der (fiktiven) südsteirischen Kleinstadt Gillingen publiziert. Die Erfindung hat die Autorpräsentation des Klappentextes kontaminiert: (Der reale) Clemens J. Setz habe im Helianau-Center gearbeitet, heißt es da, seit 2008 "treten bei ihm die Spätfolgen der Indigo-Belastung auf".

Ein zweiter, 2021 spielender Strang von "Indigo" bringt die Er-Perspektive eines "Dingo", wie die unter dem Syndrom Leidenden abschätzig genannt werden: "Robert Tätzel, 29, ausgebr." steht über dem zweiten Kapitel und meint nicht "ausgebrochen", sondern "aus gebrannt", al so von der Störung nicht mehr befallen.

Robert erfährt in der ebenso umsichtig wie vorsichtig gestalteten Science-Fiction-Welt von 2021, dass sein ehemaliger Mathematiklehrer, der sich von der Belletristik abgewandt und zuletzt Science-Fiction-Romane geschrieben habe, gerade in einem Mordprozess vom Vorwurf, einem Tierquäler die Haut abgezogen zu haben, freigesprochen worden sei, glaubt jedoch nicht an die Unschuld dieses Setz.

Der Roman, in dem immer wieder kurze Geschichten aus verschiedenen Zeiten und Weltgegenden referiert, zitiert, reflektiert werden, besticht mit seiner vielschichtigen Konstruktion, mit originellen Sichtweisen. Angespielt finden sich zahlreiche Texte, Songs, Filme - oft Sätze von Batman zu Robin -, vor allem Ausschnitte aus der "rotkarierten" und der "grünen" Mappe der Figur Clemens Setz. Dieser gibt, wie Robert Tätzel, Objekten Leben und Charakter, hört Dinge reden: "Draußen, in der Abenddämmerung, spielten nur mehr einige wenige Au tos Fangen"; die "ganze Nacht un terhielten sich die Bäume mit rauschenden Gebärden über dich und lasen deine Gedanken."

Es geht um den Umgang mit dem "Störenden", dem "Abweichenden", um Zonen und Ausgrenzung, Quälen und Töten (ein starkes Motiv sind grausame Tierversuche). Dabei zeigt sich das Verhalten gegenüber "gruseligen" Randgestalten als ebenso gruselig. Bei der "Verwahrung" von "Schädlichen" fällt der extreme Vergleich: "Endlösung der Nachbarskindfrage", sagt Robert, obwohl er zuvor gemeint hat, das Wort sei "verboten, radioaktiv".

Die Menschen und die Wörter scheinen kontaminiert. Die Welt "ist ein kranker Ort", erklärt die dubiose Ferenc-Figur. Indigo bietet ein Fantasiegebilde der Verunsicherung, zugleich eine Verunsicherung des Fantasiegebildes, auch grafisch im wechselnden Schriftbild. Das oft zitierte Buch "Das Wesen der Ferne" der Kinderpsychologin Häusler-Zinnbret, die der Roman-Setz zu Beginn aufsucht, gibt es in zwei Auflagen und als "zwei Wahrheiten".

Der reale Autor Clemens J. Setz hat eine adäquate, genaue Sprache gefunden; er scheint sogar schiefe Vergleiche in seinen früheren Büchern zu ironisieren ("Ich brach ab, weil der Vergleich misslungen war"). Starke Szenen, schräge Dialoge, beunruhigende Zustände, zudem eine neue Variante im Verfahren mit autobiografischen Elementen. Faszinierende Literatur. (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 29./30.9.2012)

Clemens J. Setz, "Indigo". Euro 23,60 / 480 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2012

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21 Postings
Cover

Weiß jemand, woher das von Zeyringer hochgelobte Bild auf dem Cover ("für dessen bedeutsame Typografie und Einband [sic!] die Autorin Judith Schalansky verantwortlich zeichnet) auf dem neuen Setz-Band stammt, das ich zuvor schon von dieser Seite http://www.youtube.com/watch?v=2... re=related kannte?

Setz ist ein

hochbegabter Schreibtischbewohner, der - wie im "Mahlstädter Kind" - Ungeheuerliches anspricht, aber im Grunde keine Verbindung dazu hat. Alles wird - wie schon in den "Frequenzen" - nur angerissen, verbleibt im Plauderton, nichts nimmt einen gefangen oder kriecht einem unter die Haut. Aber wäre er ein abgründigerer, konsequenterer Autor, wäre er eben auch nicht so leicht zu lesen und hätte nicht diesen Erfolg.

Offenbar bin ich zu sensibel, denn einige der Psychogramme im "Mahlstädter Kind" fand ich zu bedrückend... Was mich (auch) abgeschreckt hat, ein gewisser Spaß des Erzählers an (Gewalt)pornographie, und dass ich an den Total-Egoismus einer Riesenrad-Bewohnerin nicht so recht glauben wollte. Gefallen hat mir die "Waage"-Geschichte, wo die Angst um eigene Geltung auf eine angenehm unaufgeregte Weise dargestellt wird.

ungerechtfertigte Ressentiments

Soll sich einer - derer mit Einwänden - konkret als Leser des Werkes deklarieren!! Es wird sich keiner finden. Dass man sich reflektorisch vor Hypes zu schützen versucht, nur verständlich. In der medialen Beachtung mischt sich ja Unterschiedlichstes.
...Schreibtisch-Bewohner: Indigo ist so welthaltig, dass man sich fragt, wann ein noch nicht 30jähriger das gelesen hat.

Das mit dem Erfolg hat womöglich noch andere Gründe

Vor kurzem gab es bei den Postings zu einem Artikel über Menasse einen link zu einem Text über die Seilschaften im erfolgreichen Literaturbetrieb Österreichs.

Zu denen gehört der erwähnte Menasse, der Literaturprofessor Zeyringer (hier der Rezensent), Robert Schindel (jetzt sogar Professor!) vom Institut für Sprachkunst der Angewandten, Germanisten, die mit den Besagten studiert haben und jetzt als Kulturbeamte fungieren, selbstverständlich die verbindenden Verlagsleute u.v.a.

Die Lektüre dieses Textes legte nahe, dass jeder, der heute in der Literatur Erfolg haben will, zu diesem Kreis gehören muss. Diese Idee war mit konkreten Ziffern von Subventionsgeldern untermauert.

Wollen Sie andeuten Setz wurde bei Suhrkamp herausgebracht wegen zwei österreichischer Professoren?

pose. viel pose statt poesie.

"Draußen, in der Abenddämmerung, spielten nur mehr einige wenige Autos Fangen".
für ähnliche metaphern werden bücher sonst verrissen...

Sie sind ja ein Kritikerfuchs - ähnlich den verreißenden Vereißern
Da interessiert sie so gar nicht in welchem Zusammenhang ein solcher Satz steht oder gar ob er stilistisch ein Bruch sein könnte oder sich selbst persifliert oder und so weiter und so fort

aber Gratulation, da sind sie einem Schwindler auf der Spur - solch ein Satz - also sowas....

Dieser Satz kommt in dem Buch von Setz aber nicht wirklich vor, oder?

Doch, Kapitel 4: "Happy Accidents, Midi-Chlorianer"

Großartiges Buch! Und ich muss ernsthaft sagen ich habe noch nie sowas gelesen, auch nicht bei Seebald oder Joyce. Das Schöne ist aber auch wie leicht sich das Buch lesen lässt, es fesselte mich richtig.

bei seebald nicht, aber vielleicht bei pinschon oder bei fokner oder bei wirtschinia wulf?

Ich leider entnervt in der Versteigerung der No. 49 aufgehört weiter zu lesen, und zu Virginia Woolf kann ich wirklich keinen Zusammenhang erkennen. Ich bezog mich in beiden Fällen auf simulierte Intertextualität Intermedialität. Aber leider muss ich vermuten Sie haben das Buch auch nicht gelesen und möchten auch nur Jung-Autorenbashing betreiben.

bei mir nicht.

Dass Sie so etwas bei Joyce niemals gelesen haben - sofern Sie überhaupt jemals Joyce gelesen haben - beruhigt mich.

Haben Sie denn den Setz gelesen?

Muss ich das, angesichts der "Kostproben" in diesem Artikel?

Ich werds aber dennoch versuchen - sobald mir jemand das Buch leiht oder ich es in der Wühlkiste finde, greif ich zu und lese mal rein.

Was machen Sie denn da nur? Zuerst unterstellen Sie mir in dem selben Posting zu lügen in dem sie meinen Vergleich in Frage stellen, um dann im nächsten Posting arrogant festzustellen sie hätten zumindest eines dieser Bücher gar nicht gelesen. Wie können Sie denn überhaupt stilistische Zusammenhänge zwischen diesen Büchern erkennen wenn Sie nur eine Rezension gelesen haben? So kann eine sinnvolle Forumsdiskussion nicht entstehen.

Naja, wenn die wenigen Angaben aus diesem Artikel schon so elend sind, wirds wohl kaum auf einen ernsthaften Vergleich mit Joyce rauslaufen, meinen Sie nicht auch?

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