"FIFA"-Tor, iPhone 5-Hass und abstumpfende Gewaltspiele

  • Russian believers lower a young girl into ice cold water to mark the upcoming Epiphany in northwestern Moscow, Tuesday, Jan. 18, 2011.
    foto: mikhail metzel/ap/dapd

    Russian believers lower a young girl into ice cold water to mark the upcoming Epiphany in northwestern Moscow, Tuesday, Jan. 18, 2011.

Erkennen Sie den Zusammenhang?

Vergangenen Mittwoch tat ich etwas, dass ich zum letzten Mal vor 12 Jahren gemacht habe: Ich habe ein Replay gespeichert. Damals war es die meiner Meinung nach immer noch witzigste, jämmerlich verbockte Zieleinfahrt in die Boxengasse einer sehr geschätzten Freundin in "Gran Turismo 3". Vor drei Tagen musste ich für ein GOOOAAAAAAL in "FIFA 13" Platz auf der Festplatte schaffen. Ein Heber aus der Drehung vom 16er über die gesamte Abwehr auf den Elfer-Punkt auf die Füße des lässig abstaubenden Mittelstürmers hatte mich einfach mitgerissen. Sogar etwas euphorisch werden lassen. Zumindest bis ich feststellen musste, dass keiner in meinem Umfeld meine Leistung nachvollziehen konnte. (Linker Stick 180 Grad von links nach rechts, sanfter Druck auf Viereck, R2 + rechter Stick nach unten, Druck auf Kreis, Hände in die Höhe, "Yesss" schreien.)

Der Ball ist rund, die Welt ist ein i.

Auch in der Arbeit konnte niemand so recht etwas mit meiner jugendlichen Begeisterung anfangen. Neo-Kollege/Fußballgott Georg Pichler verwickelte mich still grinsend in eine allgemeine Diskussion über Videospielfrustaggressionen und InSite-Partnerin/Horrorfilmexpertin Birgit Riegler war schon tief im Sumpf der Forentrolle versunken. Die allgemeine iPhone 5-Hysterie wurde von den iPhone 5-Nachbeben abgelöst und das ganze Web war iErschalengelb. Gelb vor Neidern und leicht peinlich errötet vor Fanboys.

Kurz würgend wandte ich mich daher wieder dem Tagesgeschäft zu und sichtete die Foren zum Vergleichsartikel zu "FIFA 13" und "PES 2013". Was für eine Enttäuschung. Zu N64-Zeiten gingen "FIFA"- und "PES"-Fans noch wie betrunkene Hooligans aufeinander los. Heute identifizieren sich die Jungen wohl lieber mit Androiden und iPhones als mit Gameplay-Ideologien. Seufz, die Welt steht nicht mehr lang.

Katharsis 

Meine in zweifache Frustration gewandelte Euphorie versuchte ich dann mit einem Schuss medialer Gewalt abzubauen. Vor den Monitor gebannt, greift man gerne auf die nächstbeste Konfliktlösungstheorie zurück. Ein "Rome 2"-Trailer zur Schlacht um Karthago könnte etwas nachgeholfen haben. So stieß ich zunächst auf den grandiosen Nachbau der "Portal 2"-Selbstschussanlage und wünschte mir insgeheim eine Gummigeschossversion für anonyme Online-Trolle (Pssst, das habe ich nicht gesagt.).

Versuchsmenschen

Nicht zur Gänze befriedigt, vertiefte ich mich in eine neuerlich aufkeimende Gewaltspieldebatte auf Kotaku. Fehler. Wissenschaftler der Keele University konnten in einem Experiment nachweisen, dass der Konsum von Gewaltspielen zur Erhöhung der physischen Schmerzgrenze führt. Die 40 Versuchskaninchen (eigentlich Versuchsmenschen) mussten zu zwei verschiedenen Zeitpunkten für zehn Minuten ein harmloses und ein brutales Spiel spielen und anschließend eine Hand in Eiswasser halten. Im Schnitt konnten die Probanden nach den Gewaltspielen ihre Hand 65 Prozent länger im eiskalten Wasser lassen.

Ich werde weiter Tore schießen

Nun, danke für diese Erkenntnis. Vielleicht hätte man auch einfach folgendes festhalten können: Wenn man sich psychisch auf eine Stresssituation vorbereitet, kommt auch der Körper besser damit zurecht. Arg. Wirklich. Aber ich will nicht klugscheißen und auch sicher keine Forscher diskreditieren. Ich probiere nur gerade etwas anderes aus: Herausschreienschreiben. Ich weiß, auch Wikipedia sagt, dass Katharsistheorien umstritten sind. Aber vielleicht funktioniert es ja. Ich werde einmal das Forum befragen. Oh, jetzt muss ich sogar beten, dass es funktioniert. Dabei bin ich nicht gläubig und es gibt auch keinen Fußballgott. Die Freude über mein Tor kann mir aber keiner nehmen. Ein Kurzschluss vielleicht. Wenn ich Pech habe.

Das bringt mich abschließend zur eigentlichen Frage der Woche, gestellt vom gleichsam weisen, wie nicht nachtragenden Kollegen Andreas Proschofsky: Wann ist es eigentlich uncool geworden, "World of Warcraft" zu spielen? (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 29.9.2012)

Die Top 5 der Woche

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