Geräte mit gezielt eingeplantem Ablaufdatum

28. September 2012, 11:30
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In einem Reparaturzentrum fallen sie natürlich auf: Geräte, die so hergestellt wurden, dass Bauteile nach einer bestimmten Zeit den Geist aufgeben. Und oft sind sie dann auch noch so designt, dass eine Reparatur sich kaum lohnt - oder gar nicht möglich ist

Wien - "Im Grunde ist das ja etwas, worüber ich schon seit 20 Jahren rede", seufzt Sepp Eisenriegler. Aber jetzt auf einmal wird dem Gründer des Reparatur- und Service-Zentrums (R. U. S. Z.) von vielen zugehört. Und das, obwohl er jetzt dafür einen Begriff verwendet, bei dem die meisten mit einem vollkommen ratlosen "Hä?" nachfragen müssen: "geplante Obsoleszenz".

Aber spätestens seit der ORF eine ganze "Konkret"-Sendung Sepp Eisenriegler und seinem Thema gewidmet hat, geht es sowieso rund. Weil es wohl jeder schon allzu gut kennt. Nicht den Begriff - aber das, was er beschreibt. "In Obsoleszenz steckt das Wort 'obsolet' drinnen", bietet Eisenriegler die passende Eselsbrücke an. Es handelt sich also um Geräte, die ganz gezielt nach einiger Zeit obsolet werden.

Regelrechte "Zeitzünder" eingebaut

"Im Grunde geht es um das Thema Ressourcenverschwendung, um das Wirtschaftswachstum voranzutreiben", betont Eisenriegler im STANDARD-Gespräch. Und da seien Produkte, denen ein gezieltes Lebensende eingebaut wurde, eben "die Spitze des Eisberges". Die gezielte beschränkte Lebensdauer findet sich an allen möglichen Ecken der Einkaufsregale. Nicht nur bei den Billigsdorfer-, sondern auch bei Markengeräten.

Jüngstes Beispiel: In immer mehr Elektronikgeräten, wie etwa auch den neuen MacBook- und iPhone-Modellen von Apple, kann der Akku vom Endverbraucher nicht mehr oder nur mehr mit Spezialwerkzeugen und Spezialanleitungen getauscht werden. Im Normalfall muss das Gerät mit dem fix integrierten Akku eingeschickt werden - was sich nach einer gewissen Lebensdauer nicht mehr rentiert. "Sprich: Da wird die Lebensdauer eines hochkomplexen Gerätes durch seinen schwächsten Bestandteil limitiert - dem Akku", kritisiert Eisenriegler.

Regelrechte "Zeitzünder" werden immer wieder im Kerngeschäft des R. U. S. Z. entdeckt, bei der Reparatur von Elektrogeräten: Wenn bei Flat-TV-Geräten etwa zu schwach dimensionierte Kondensatoren eingebaut werden - die dann in der Hitze des Betriebes nach drei, vier Jahren den Geist aufgeben. Und das tun sie - vor allen bei jenen frühen, stromfressenden Flachbildschirmen, die auch getrost als Heizung verkauft werden könnten.

Schwachmatik-Kondensator

Das Gegenargument der Elektrowirtschaft, dass die Kunden eben billigere Produkte wünschen würden, lässt Eisenriegler gerade in diesem Fall nicht gelten: "Ein besserer Kondensator, der rund zehn Jahre halten würde, kostet zwei Cent mehr." Was zwar besser wäre - aber immer noch nicht an die alten Röhren-Fernseher herankommt, "die 30 Jahre alt werden konnten und kaum repariert werden mussten", erinnert Eisenriegler.

Ein weiterer Fall von geplanter Kurzlebigkeit wurde im R. U. S. Z. unter den Billig-Waschmaschinen entdeckt. In denen finden sich keine Edelstahl-, sondern Plastik-Bottiche. Und das Lager lässt sich auch nicht, wie bei hochwertigeren Geräten, leicht tauschen - sondern ist fix eingepresst. Und genau diese Lager geben dann nicht irgendwann, sondern innerhalb nur weniger Jahre schon den Geist auf - weil auch die Stoßdämpfer für die 1600 Touren dieser Geräte zu schwach bemessen sind. " Das heißt, dass dann in absehbarer Zeit der ganze Bottich getauscht werden müsste. Und das macht natürlich niemand."

Billig kann teuer kommen

Für Eisenriegler ist dies ein klarer Fall von: "Wer billig kauft, kauft teuer." In diese Falle tappen dann auch meist Familien, deren Einkommen ohnehin schwach bemessen ist. Und bei so etwas ist man im R. U. S. Z, wo Langzeitarbeitslose über die Ausbildung zu Reparaturspezialisten wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden, besonders sensibel.

Aber auch sonst schreitet die Sensibilisierung gegenüber der "geplanten Obsoleszenz" voran. Derartige Beispiele werden auf Internetplattformen - wie murks-nein-danke.de - bereits heftig diskutiert. Aber für Eisenriegler sind derartige "Sollbruchstellen" auch nur eine besonders drastische Ausformung eines Systems.

"Psychologische Obsoleszenz"

Der R. U. S. Z-Chef spricht etwa auch von einer "psychologischen Obsoleszenz" - mit der der kollektive Konsumrausch zum Wohle des Wirtschaftswachstums angekurbelt wird. Wenn immer kurzlebigere Produkten mit immer größerem Hype auf den Markt kommen. Und das gilt bei weitem nicht nur für den Elektrosektor. Aber vor allem hier.

Eisenriegler: "Bleiben wir beim Beispiel Waschmaschinen: Als wir 1998 hier im R. U. S. Z anfingen, hatten Waschmaschinen noch eine durchschnittliche Lebensdauer von zwölf Jahren. Heute sind es sechseinhalb. Jedes Jahr werden allein in Österreich rund 500.000 Waschmaschinen ausgetauscht - würde man die aneinanderreihen, wäre das eine Kette von Wien bis über Salzburg hinaus." Daher ist es für Eisenriegler kein Wunder, dass Elektro- und Elektronikgeräte für den am schnellsten wachsenden Abfallstrom in der EU sorgen.

"Da ist es allerhöchste Zeit, einen Sinneswandel herbeizuführen", hofft Sepp Eisenriegler vor allem auf Bewegung in der Zivilgesellschaft. "Man muss einfach nur raus aus diesem Hamsterrad der ständigen Bedürfnisbefriedigung." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 22./23.9.2012)

  • Seit zwei Jahrzehnten tritt Sepp Eisenriegler vom R. U. S. Z. gegen die Wegwerfgesellschaft an.
    foto: roman david-freihsl

    Seit zwei Jahrzehnten tritt Sepp Eisenriegler vom R. U. S. Z. gegen die Wegwerfgesellschaft an.

  • Jetzt spricht er von Geräten mit gezielt programmiertem Ablaufdatum - und findet Gehör.
    foto: roman david-freihsl

    Jetzt spricht er von Geräten mit gezielt programmiertem Ablaufdatum - und findet Gehör.

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