Zweifel am Kurs des Landes: Türken haben den Blues

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Oder richtiger: den "hüzün". Eine Polit-Umfrage zeigt die plötzlichen Zweifel am Kurs des Landes. Syrien und die PKK sind die Auslöser

Das türkische Meinungsforschungsinstitut MetroPOLL hat diese Woche eine thematisch breit angelegte und aufschlussreiche Studie zur Haltung der Wähler veröffentlicht. Befragt wurden zwischen 14. und 19. September telefonisch knapp 1300 Türken in 27 Städten des Landes.

Der vielleicht bemerkenswerteste Befund ist die Kritik der Bürger an der Außen- und Sicherheitspolitik der Regierung, die sich aus den Antworten ablesen lässt. Zwischen Juni und September dieses Jahres muss etwas passiert sein: Nach langer Zeit geht die Kurve derjenigen, die denken, das Land liegt richtig auf Kurs, steil nach unten - 54,2 Prozent waren im Juni noch der Meinung, dass alles stimmt; 31,8 Prozent sind es nur noch im September. Ähnlich deutlich ist die Zustimmung zu Regierungschef Tayyip Erdogan gefallen: von 55,5 Prozent im Dezember 2011 auf 40,8 Prozent im September.

Der Krieg im Nachbarland Syrien und die Parteinahme der türkischen Regierung für die Exil-Opposition und die Aufständischen sind sicher ein ausschlaggebender Punkt. MetroPOLL führte auch eine eigene Untersuchung zu dieser Frage: Sie fällt einigermaßen vernichtend für Erdogan und seinen Außenminister Ahmet Davutoglu aus. 56 Prozent der Befragten glauben etwa, dass die Politik der Regierung in der Syrienfrage "nicht so wirkungsvoll wie möglich" ist; 28,1 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt.

Das sind beachtliche Unterschiede, gemessen an der politischen Kultur der Regierung Erdogan, die - sicherlich nicht anders als ihre Vorgängerinnen - keinerlei Fehler in der Außenpolitik zugibt, alles plant und vorhersieht und deshalb ein methodisches Vorgehen gegenüber dem Assad-Regime suggerieren will, ihre Entscheidungen schließlich mit nationalistischer Rhetorik verbrämt, die keinen Widerspruch duldet, aber eben erstmals auch mit westlich-demokratischen Werten. Eine Mehrheit der Türken kauft ihr das nicht ab.

Zwei Drittel der Befragten wollen auch keine neuen syrischen Flüchtlinge mehr sehen; nur knapp die Hälfte der AKP-Sympathisanten findet es überhaupt in Ordnung, dass die türkische Regierung Lager aufbauen ließ - die Nationalisten der MHP und die sozialdemokratisch angehauchten Nationalen der CHP sind mehrheitlich dagegen. Selbst eine Militärintervention in Syrien unter dem Schirm der NATO lehnen die Türken ab, einen Alleingang gar, den Erdogan in wilden Momenten auch androhte, sowieso.

Mehr noch vielleicht als die Zweifel an der Syrienpolitik der Regierung haben in der Woche der Befragungen aber wohl die Anschläge der PKK Gewicht gehabt. Die Armeeführung sieht inkompetent aus, die Türken sind gespalten: 48 Prozent glauben, die Sicherheitskräfte tun ihren Job, ebenso viele sind vom Gegenteil überzeugt. Eine Mehrheit würde bemerkenswerterweise aber Verhandlungen mit der PKK unterstützen, ungeachtet der Anschlagsserie.

Zu guter Letzt: Ihre Ergebnisse hat MetroPOLL immer auch nach Parteipräferenzen aufgeschlüsselt. Sie spiegeln grosso modo weiter die Kräfteverhältnisse seit der Parlamentswahl vom Juni 2011 wieder. Eine Befragung nach der eigenen politischen Identität aber führt zu einem ganz anderen Bild: Eine Mehrheit sieht sich als Atatürk-Folger (27 Prozent), dann als Nationalisten (18,6 Prozent), rund zwölf Prozent als "islamisch" und sechs Prozent als religiös-konservativ, aber nur acht Prozent würden sich zuallererst das Etikett "Demokrat" umhängen.

Und ganz zuletzt: Die Mehrheit der MetroPOLL-Befragten - 59,5 Prozent - denkt, dass Abdullah Gül noch einmal als Präsident antreten sollte und nicht etwa Erdogan. Das lässt Spielraum für Interpretationen - Furcht vor autoritären Tendenzen oder auch nur Furcht vor Veränderungen ...

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