Zweifel am Kurs des Landes: Türken haben den Blues

Blog | Markus Bey
28. September 2012, 10:19

Oder richtiger: den "hüzün". Eine Polit-Umfrage zeigt die plötzlichen Zweifel am Kurs des Landes. Syrien und die PKK sind die Auslöser

Das türkische Meinungsforschungsinstitut MetroPOLL hat diese Woche eine thematisch breit angelegte und aufschlussreiche Studie zur Haltung der Wähler veröffentlicht. Befragt wurden zwischen 14. und 19. September telefonisch knapp 1300 Türken in 27 Städten des Landes.

Der vielleicht bemerkenswerteste Befund ist die Kritik der Bürger an der Außen- und Sicherheitspolitik der Regierung, die sich aus den Antworten ablesen lässt. Zwischen Juni und September dieses Jahres muss etwas passiert sein: Nach langer Zeit geht die Kurve derjenigen, die denken, das Land liegt richtig auf Kurs, steil nach unten - 54,2 Prozent waren im Juni noch der Meinung, dass alles stimmt; 31,8 Prozent sind es nur noch im September. Ähnlich deutlich ist die Zustimmung zu Regierungschef Tayyip Erdogan gefallen: von 55,5 Prozent im Dezember 2011 auf 40,8 Prozent im September.

Der Krieg im Nachbarland Syrien und die Parteinahme der türkischen Regierung für die Exil-Opposition und die Aufständischen sind sicher ein ausschlaggebender Punkt. MetroPOLL führte auch eine eigene Untersuchung zu dieser Frage: Sie fällt einigermaßen vernichtend für Erdogan und seinen Außenminister Ahmet Davutoglu aus. 56 Prozent der Befragten glauben etwa, dass die Politik der Regierung in der Syrienfrage "nicht so wirkungsvoll wie möglich" ist; 28,1 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt.

Das sind beachtliche Unterschiede, gemessen an der politischen Kultur der Regierung Erdogan, die - sicherlich nicht anders als ihre Vorgängerinnen - keinerlei Fehler in der Außenpolitik zugibt, alles plant und vorhersieht und deshalb ein methodisches Vorgehen gegenüber dem Assad-Regime suggerieren will, ihre Entscheidungen schließlich mit nationalistischer Rhetorik verbrämt, die keinen Widerspruch duldet, aber eben erstmals auch mit westlich-demokratischen Werten. Eine Mehrheit der Türken kauft ihr das nicht ab.

Zwei Drittel der Befragten wollen auch keine neuen syrischen Flüchtlinge mehr sehen; nur knapp die Hälfte der AKP-Sympathisanten findet es überhaupt in Ordnung, dass die türkische Regierung Lager aufbauen ließ - die Nationalisten der MHP und die sozialdemokratisch angehauchten Nationalen der CHP sind mehrheitlich dagegen. Selbst eine Militärintervention in Syrien unter dem Schirm der NATO lehnen die Türken ab, einen Alleingang gar, den Erdogan in wilden Momenten auch androhte, sowieso.

Mehr noch vielleicht als die Zweifel an der Syrienpolitik der Regierung haben in der Woche der Befragungen aber wohl die Anschläge der PKK Gewicht gehabt. Die Armeeführung sieht inkompetent aus, die Türken sind gespalten: 48 Prozent glauben, die Sicherheitskräfte tun ihren Job, ebenso viele sind vom Gegenteil überzeugt. Eine Mehrheit würde bemerkenswerterweise aber Verhandlungen mit der PKK unterstützen, ungeachtet der Anschlagsserie.

Zu guter Letzt: Ihre Ergebnisse hat MetroPOLL immer auch nach Parteipräferenzen aufgeschlüsselt. Sie spiegeln grosso modo weiter die Kräfteverhältnisse seit der Parlamentswahl vom Juni 2011 wieder. Eine Befragung nach der eigenen politischen Identität aber führt zu einem ganz anderen Bild: Eine Mehrheit sieht sich als Atatürk-Folger (27 Prozent), dann als Nationalisten (18,6 Prozent), rund zwölf Prozent als "islamisch" und sechs Prozent als religiös-konservativ, aber nur acht Prozent würden sich zuallererst das Etikett "Demokrat" umhängen.

Und ganz zuletzt: Die Mehrheit der MetroPOLL-Befragten - 59,5 Prozent - denkt, dass Abdullah Gül noch einmal als Präsident antreten sollte und nicht etwa Erdogan. Das lässt Spielraum für Interpretationen - Furcht vor autoritären Tendenzen oder auch nur Furcht vor Veränderungen ...

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so schaetz ich die tuerken eh ein. sie moegen den starken staat, die modernisierung, das militaer, die nation, und der islam ist nicht unwichtig aber steht nicht an erster stelle. sie sind auch keine gutmenschen und koennen weder der unterstuetzung sunnitischen aufstand in syrien noch dem one-world gebrabbel im hinblick auf syrien viel abgewinnen.

Also, wenn die Studie ähnlich seriös ist,

wie die Skalierung der Graphik, habe ich keine weiteren Fragen ...

vielleicht ist das einfach nur der post-sommer-blues?

schwerer Fehler von Erdogan

den Salafisten aus Saudi Arabien und Katar kann auch der rückständigste Türke nichts abgewinnen

Erdogan, Spindelegger und alle anderen Extremisten bitte nach St.Helena, dort steht noch das Haus eines kleinen größenwahnsinnigen, das sich über Wiederbezug sicherlich freut

grund zur sorge gibt es genug

im irak sind die kurdengebiete de facto autonom, wenn es das assad regime zerreißt, werden sich auch dort die kurden von den djihadis absetzen, wenn es wirklich zu einem angriff auf den iran kommt, werden das die dortigen kurden auch ausnutzen. bei soviel aufwind in der gegend, wird die pkk sicher wieder aktiv werden. also mittelfristig steht kurdistan auf der tagesordnung, und vier länder werden entweder in einen bürgerkrieg verwickelt oder geben territorium auf. das kann man gut oder schlecht finden, grund zur sorge ist es auf jeden fall.

Die Befürchtungen der Türken haben mit der PKK nichts zu tun, das ist ein fadenscheiniger Vorwand.

Selbst wenn man denen garantieren würde, dass ein unabhängiger kurdischer Staat ohne die türkischen Kurdengebiete und PKK-Einfluss entstehen könnte, wären die immer noch dagegen. Dahinter steht die Maxime, den Kurden auch ausserhalb der Türkei jegliches Zugeständnis zu verwehren.

Surenas

Das glaube ich nicht. Was sollten die Leute denn gegen einen Kurdenstaat haben, solange der nicht nur gegründet wird, um die Pfründe der Imperialisten zu schützen?

Die meisten Leuten würden ja nicht einmal dagegen haben, wenn ein kleiner Teil der Türkei (aber eben NICHT das, was geplant ist: nämlich fast einDrittel der Türkei für so einen Staat abzuzwicken) den Leuten zur Verfügung gestellt würde.

Wenn das ein vernünftiger Staat werden würde, der breit wäre mit seinen Nachbarn in Frieden zu koexistieren, dann hätten da viele Leute nichts dagegen.

Aber: Frag mal die Kurden in der Türkei, ob die ihre Läden, Arbeitsstellen etc. für so eine unsichere Existenz aufgeben würden;-)

Da gibt es ein Zitat vom türkischen Premier, wonach man ein selbst in Argentinien gegründetes Kurdistan nicht zulassen würde.

Auch das Einmischen der Türkei in die irakischen Angelegenheiten (z.B. welche Städte zur autonomen Provinz dazugehören sollen), wo man unter dem Vorwand des Turkmenenschutzes ein Veto gegen die Hinzuführung mehrheitlich kurdisch besiedelter Orte kundgetan hat.

Die Bezeichnung "vernünftig" halte ich für relativ. Wenn es ein demokratischer Staat ist, der wiederum seine Minderheiten achtet, kann es nicht mal mehr sachliche Einwände geben. Man kann den Kurden nicht vorwerfen, dass sie Selbstbestimmung wollen.

Also, ich wuerde bei solchen Schwankungen innerhalb kuerzester Zeit (auch innerhalb des Juni) zunaechst einmal intensiv nach einem Datenfehler suchen ;-)

Dass "56 Prozent der Befragten glauben ..., dass die Politik der Regierung in der Syrienfrage "nicht so wirkungsvoll wie möglich" ist", ist ja kein vernichtendes, sondern Nona-Ergebnis fuer die Regierung und reicht fuer die Erklaerung so eines Absturzes sicher nicht

Waer auch gut, wenn das Mafo-Institut fehlerhaft gearbeitet hat, weil
weder "Atatürk-Gefolgschaft" (27 Prozent) noch "tuerkischer Nationalismus" (18,6 Prozent), noch "Islamismus" (12%) mit europaeischen Grundwerten vereinbar sind, bei "religiös-konservativ" unsicher.

Auch die Türkei muss sich als Land noch finden.

Die haben in den letzten 100 Jahren einige große Veränderungen mitgemacht. Hinzu kommt dass eine innere Heterogenität auf die unterschiedlichsten Einflüße von aussen treffen/trafen. Das alles in einem unsicheren Umfeld, und ohne wirkliche Ziele(ein EU-Beitritt in Aussicht wäre so etwas zb gewesen).
Jetzt treibt man geopolitisch im Nirgendwo und hat keine Ahnung wohin die Reise geht. Sucht man die Nähe zur EU,? zu Russland? Zum arabischen Raum? zum Glauben? etc..
Alles hat vor und Nachteile, und findet daher auch Interessensgruppen innerhalb der Türkei

die türkei wird wohl eher nicht in die eu eintreten. das würden die türken nicht wollen, und war wohl auch nie wirklich geplant. es diente wohl eher der schnelleren entwicklung und der durchsetzung von gesetzen, die das volk wohl ohne eu ambitionen nicht so hingenommen hätte.

die türkei hat mehrere optionen, ein wirtschaftlich starkes land ist für die eu als ein wichtiges nachbarland interessant, zu russland wird man erst nach der nähsten revolution in diesem land die nähe suchen, und bei den arabern kann der staat als glaubens bruder und wirtschaftlicher partner die nähe suchen. haupt augenmerk wird aber zentral asien sein. turkstaaten mit großem entwicklungspotential. religion, selbe volksgruppe, geschichte und wirtschaft verbindet.

auf den punkt gebracht!

türkei scheint durch eigene (wichtige) rolle auf einmal überrascht zu sein. ob die türken eu-nähe weiter suchen werden, wage ich zu bezweifeln, zum arabischen raum ebenso eher unpassend. ich gehe davon aus dass die rolle türkei, nicht zuletzt auf grund wirtschaft. entwicklungen, weiter immer wichtiger wird. wenn die türken alles richtig machen, brauchen sie weder russland, noch eu oder araber, sie werden als brücke fingieren. türkei ist europäisch genug, gleichzeitig aber wahnsinnig gut vernetzt in arab. raum. diese assets schreien einfach danach verwendet zu werden um eigene starke rolle für einige jahrzehnte auszubauen. obwohl ich kein türkei-kenner bin, türk gesellschaft traue ich eine solche entwicklung schon zu.

Ausgezeichnete Analyse. Die Antwort wird wohl mehr "demographisch" als "demokratisch" (Diskussion) gefunden werden.

Der arabische Einfluss steigt durch legale und illegale Immigration und die hoehere Kinderzahl in der Osttuerkei Jahr fuer Jahr an. Jetzt eventuell auch durch Fluechtlinge, die bleiben.

wenn die bevölkerung das so schlecht empfindet

dann hoffentlich NICHT, weil noch kein Gottesstaat eingeführt und der Tschihad ausgerufen wurde.
God bless half of Turkey - Allah the rest of...

gott und alah sind die gleiche fiktive person.

die revolutionäre rekrutieren sich zu einem gutteil aus islamistische jihaddisten, welche aus dem ausland kommend, für die errichtung eines gottesstaates in syrien kämpfen.

http://www.reuters.com/article/2... WG20120908

seit dem ich hiervon gelesen habe, weiß ich nicht mehr auf welchen ausgang ich hoffen soll.

Die Türken gehen den britischen Weg

Lange und laut behauptem man sei der Beste und überhaupt total flüssig aber nix handfestes dahinter.

du meinst die fpö oder?

wenn ich jetzt nur wüsste wer mich da letztens

kritisiert hat als ich meinte Türkei geht den falschen weg.. sogar die Bevölkerung sieht das so..

es ist zwar was im gang, aber die zustimmungswerte zur regierung erdogan sind immer noch ziemlich hoch im vergleich zu den werten unserer grosskoalizionäre o anderer westlicher regierungen.

die menschen sind verunsichert. die menschen sind nich prinzipiell von wirtschafts- oder gesellschaftspolitischer entwicklung enttäuscht, sondern durch einen weiteren an der türkischen landesgrenze stattfindenden krieg verängstigt. zugleich die verstärkten angriffe im landesinneren. darauf das säbelrasseln der regierung, die vermutlich auch zu einem teil so reagiert, weil sie es nicht anders kann, da sonst aus 2 lagern mitsamt des gesamten militärapparats und vieler medien, die immer noch der ehemaligen elite verpflichtet sind, gegen sie stimmung gemacht würde. die akp-regierung ist einer prekären lage, die vielen ewig gestrigen in der türkei gelegen kommen dürfte.

ääähhm.....

die AKP SIND die Ewiggestrigen;-)

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