Brausilvester

Conrad Seidl über das Ende des Braujahres und die Feiern zu diesem Anlass

Es gab Zeiten, da hat man sich nicht nach dem Kalender gerichtet, sondern nach den christlichen Feiertagen. Nach dem des heiligen Michael zum Beispiel. Dessen Feiertag, der 29. September, fällt zwar nicht genau auf ein Monatsende, doch legen die alten Bauernregeln nahe, dass etwa Regen am Michaelistag einen milden Winter bringen mag.

Besondere Bedeutung hatte er stets für die Brauer - man findet ihn auch im Reinheitsgebot erwähnt, in dem der Bierpreis von Georgi (23. April) bis Michaeli höher als im Rest des Jahres angesetzt wird. Die wahre Bedeutung des Michaelistags dürfte aber darin liegen, dass mit Ende September das erste Malz und der erste Hopfen aus der Ernte desselben Jahres eingesetzt werden konnten.

Ein guter Tag also, um eine Zäsur zu setzen: Das Braujahr wurde mit dem Michaelistag abgeschlossen, ein neues begonnen. Gerade so wie zu Silvester. In weniger an der Kirche orientierten Zeiten hat man das dann ein wenig abgeändert, hat den Brausilvester auf den 30. September gelegt und das neue Braujahr mitsamt dem Geschäftsjahr der Brauereien mit Oktober beginnen lassen. In einigen Brauereien ist das noch heute so, auch der Schweizer Brauereiverband rechnet das Braujahr mit Ende September ab.

Brauwalzer und Hopfen-Polka

Der österreichische Brauereiverband hält sich zwar generell an das Kalenderjahr - die Gelegenheit, den Brausilvester zu feiern, hat er sich aber nicht entgehen lassen. Für den Bierumsatz sollte das ja einen positiven Effekt haben. Und so wird an diesem Wochenende gefeiert - sogar mit zu Silvester passender Musik: Brauwalzer und Hopfen-Polka wurden als Auftragswerke von der Wiener Walzer Werkstatt komponiert und von den Vienna Classical Players unter Martin Kerschbaum ersteingespielt.

Es ist nicht die erste bierige Auftragskomposition: Michael Haydn (1737- 1806) schrieb für die Augustinermönche in Salzburg - das sind jene, die das berühmte Müller Bräu gegründet und zu Haydns Zeit auch selber betrieben haben - die sogenannte Missa Sancti Nicolai Tolentini. Und weil das so schön zusammenpasst, wird diese selten gespielte Messe am Sonntag im Dom von Eisenstadt (wo der berühmtere Bruder Joseph Haydn gewirkt hat) beim Pontifikalamt mit Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics aufgeführt. Anschließend gibt es zur Feier des Brausilvesters Freibier vom Haydnbräu - das allerdings sein Bier seit einigen Jahren nicht mehr selber braut. (Conrad Seidl, Rondo, DER STANDARD, 28.9.2012)

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