Zu viel Lärm um "Charlie Hebdo"

Kommentar der anderen27. September 2012, 21:41
33 Postings

Die von einem Video aus den Youtube-Müllhalden ausgelöste Debatte um den "Kampf der Kulturen", religiösen Fanatismus und die Grenze zwischen "unzulässigen" und "zulässigen" Karikaturen aus französischer Sicht.

Seit Mittwoch gibt es ausnahmsweise zwei Ausgaben der inzwischen weltweit bekannten Wochenzeitung Charlie Hebdo in den französischen Kiosken. Die eine zeigt einen Cartoon auf der ersten Seite und ist mit dem Schriftbalken "Unverantwortliche Zeitung" versehen, während sich die andere als ironisches Zeichen der Selbstzensur auf einem ansonsten völlig leeren Cover in großen Lettern als "verantwortungsvolle Zeitung" ausweist. Damit zeigt das Blatt, dass es einfach "business as usual" betrieben hat, als sie sich über die aufgeregten Islamisten lustig machte und wieder einige Mohammed-Karikaturen publizierte.

Diese Wochenzeitung, für die ich schon ein paar Mal schreiben durfte, kommentiert üblicherweise Nachrichten aller Art. Warum also sollte sie just die in der letzten Woche Medien-beherrschenden Berichte über die " Empörungswelle" ignorieren, die ein extrem miserables, im Internet kursierendes Filmchen ausgelöst hat? (Youtube hat sicher noch viele weitere Müllreserven für diejenigen, die gerne im Müll wühlen). Die Mohammed-Karikaturen waren also nichts Ungewöhnliches, genauso wie die Karikaturen über den Papst, die jedes Mal in dieser Zeitung auftauchen, wenn der Pontifex nach Frankreich kommt.

Gläubige sind nicht gezwungen, Charlie Hebdo zu kaufen oder die Karikaturen auch nur anzuschauen (geschweige denn im Internet zu surfen)! Ich bin auch verärgert, wenn ich z. B. rechtsextreme Schriften sehe, suche sie aber deswegen nicht extra, und ehrlich gesagt bin ich schon genug über diverse FPÖ-Plakate verärgert, denen ich, so ich das Pech habe, bei einem meiner Wien-Aufenthalte in den Wahlkampf zu geraten, nicht entkommen kann.

Manche meinen auch allen Ernstes, es sei der falsche Zeitpunkt gewesen, Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen. "Schlechtes Timing!" sagen sie. Sollte also die Zeitung die Karikaturen später veröffentlichen? Charlie Hebdo ist keine Fachzeitschrift für Geschichte und kommentiert aktuelle Themen. Solche Aussagen - aus "Respekt" aber eigentlich wohl mehr aus Angst vor möglichen Gewaltakten - sind genauso naiv wie die häufig geäußerte Meinung, dass Frauen keine kurzen Röcke tragen sollten, weil sie damit sexuelle Übergriffe provozieren könnten.

Keine Zeitung sollte sich islamistischen Forderungen beugen. Zumal diese für die Glaubensgemeinschaft in keiner Weise repräsentativ sind. Die große Mehrheit der Muslime kann offensichtlich durchaus damit leben, wenn eine kleine Zeitung mit einer Auflage von 75.000 Exemplaren Karikaturen des Propheten veröffentlicht.

Im Übrigen sind der Meinungsfreiheit in Frankreich ohnehin enge Grenzen gesetzt: Das Hetzen und die Leugnung von Völkermorden sind genau wie Rassismus oder die Verletzung der Privatsphäre verboten und werden fallweise auch mit Gefängnisstrafen geahndet. Man darf sich allerdings über Religionen und Ideologien aller Art lustig machen: Blasphemie ist zum Glück in Frankreich kein juristischer Begriff. Es besteht natürlich auch ein Demonstrationsrecht und es ist daher sehr zu bedauern, dass die französische Regierung alle Demonstrationen gegen die Karikaturen verboten hat. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass bei dem unautorisierten Protest auf den Champs-Élysées am 15. September mehrmals Mordaufrufe gegen Juden zu hören waren

Die Aufregung um Charlie Hebdo sollte von den Muslimen auch als eine Chance wahrgenommen werden, sich klar von den gewalttätigen Islamisten abzugrenzen: Es gibt sicher wichtigere Gründe, sich zu empören, als ein paar tausend Zeitungsexemplare.

Diese Woche kann sich jeder in Frankreich eine Ausgabe von Charlie Hebdo kaufen (in der "verantwortungsvollen" oder der "verantwortungslosen" Fassung), man kann auch ein Buch lesen, sich darüber informieren, was Al-Assad gerade in Syrien macht ... Oder einfach ungestört weiterleben. (Jérôme Segal, DER STANDARD, 28.9.2012)

Jérôme Segal ist Assistenzprofessor an der Pariser Sorbonne und Koordinator eines Doktoratskollegs an der Universität Wien.

  • Schluss mit lustig"? - Frankreichs Satireblatt Nr. 1 ist seit Mittwoch mit einer Doppelausgabe am Kiosk. Wie hätten Sie's denn gern: "verantwortungslos" wie immer oder lieber die Selbstzensurvariante?
    foto: charlie hebdo/montage: beigelbeck

    Schluss mit lustig"? - Frankreichs Satireblatt Nr. 1 ist seit Mittwoch mit einer Doppelausgabe am Kiosk. Wie hätten Sie's denn gern: "verantwortungslos" wie immer oder lieber die Selbstzensurvariante?

Share if you care.