Spaß im Job kann "bestes Antidepressivum" sein

Interview
  • Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim.
    foto: eda deutschland/detlef e. dietrich

    Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim.

Wenn sie weder über- noch unterfordert, so Psychiater Detlef E. Dietrich - Menschen leiden unter Verdichtung von Aufgaben

Berlin - Depressionen sind ein Volksleiden, doch bei vielen Patienten werden sie nicht erkannt. Der Europäische Depressionstag am kommenden Montag (1. Oktober) will auf die lange tabuisierte Krankheit aufmerksam machen und Verständnis für die Betroffenen wecken.

Angehörige oder Freunde sollten aufhorchen, wenn jemand über Wochen über mehrere typische Symptome wie Schlafstörungen, Energiemangel oder innere Unruhe klagt, sagte Prof. Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim, im Gespräch mit der APA. Der Psychiater ist Koordinator des 9. Europäischen Depressionstages für Deutschland.

Depression und Arbeitsplatz ist das Schwerpunkt-Thema des diesjährigen Europäischen Depressionstages. Macht Stress im Beruf depressiv?

Dietrich: Die Menschen leiden unter der Verdichtung von Aufgaben. Gleichzeitig ist die Unsicherheit, ob der Arbeitsplatz überhaupt Bestand hat, eine große psychische Belastung. Depressionen werden aber immer durch viele Faktoren bedingt, etwa auch durch familiäre Probleme oder erbliche Anlagen.

Wie lässt sich in diesem Zusammenhang der Begriff Burnout einordnen? Ist Burnout eine Umschreibung für Depressionen?

Dietrich: Betroffenen fällt es oft leichter, von Burnout zu sprechen. Tatsächlich haben wahrscheinlich etwa 80 Prozent der Patienten mit einer Burnout-Diagnose eigentlich Depressionen mit einem zeitlichen Bezug zu ausgeprägten Belastungen. Der entscheidende Unterschied ist der Schweregrad. Bei den häufig leichteren Burnout-Symptomen ist es wichtig, rechtzeitig gegenzusteuern und sein Verhalten zu ändern. Depressionen muss man in der Regel gezielt behandeln.

Ist Burnout eine Managerkrankheit?

Dietrich: Es trifft insbesondere Menschen, die sehr gewissenhaft und leistungsbereit sind. Sie haben hohe Ansprüche an sich, ihnen fällt es schwer, Nein zu sagen. Es gibt aber auch sehr viele Landfrauen mit diesen Symptomen: Sie arbeiten im Betrieb mit, erziehen die Kinder, sind ehrenamtlich tätig und versorgen häufig noch pflegebedürftige Eltern oder Großeltern. Arbeitslose haben ebenfalls ein größeres Risiko, psychisch zu erkranken. Eine Arbeit, die Spaß macht und weder über- noch unterfordert, kann das beste Antidepressivum sein.

Die Krankenkassen haben in den vergangenen Jahren in Studien belegt, dass immer mehr Menschen wegen psychischer Krankheiten lange am Arbeitsplatz fehlen. Werden Depressionen heute besser diagnostiziert als früher?

Dietrich: Ja, aber letztlich noch viel zu selten. Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen, nur etwa zehn Prozent von ihnen werden langfristig betrachtet adäquat behandelt. Teilweise erkennen sie selbst oder auch Hausärzte nicht, dass hinter körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen eine psychische Erkrankung steckt. Wichtig ist, dass Angehörige und Freunde aufhorchen, wenn jemand über typische Symptome wie Schlafstörungen, niedergedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Energiemangel, verminderten Antrieb, Ängste oder innere Unruhe klagt. Es gehört zu der Krankheit, dass die Betroffenen aus eigenem Antrieb oft keine Therapie beginnen. (APA, 27.9.2012)

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