"Sie hatten ja Segelohren ..."

Noch immer ist Markus Lanz ein Typ, dem man sofort ein Entsteifungsseminar spendieren möchte

Und es singt Udo Jürgens am Ende der Fragestunde noch ein Liedchen - singt mit seinen 78 davon, dass er alles sein wolle, "nur nicht brav und bieder". Und er blickt dabei ozeantief in die Augen von Markus Lanz (der neben dem Pathetiker der Schlagernachdenklichkeit mit zwei Fingern dazuklimpern darf), als wollte er dem Jüngeren sagen, er müsse bitte "noch viel lockerer werden".

Viel Zeit bleibt jedoch nicht für die Metamorphose zum entfesselten Showmaster, der in ein paar Tagen als Gottschalk-Nachfolger zeigen muss, dass er den "Wetten, dass...?"-Saurier reiten kann. Und noch immer ist Lanz ein Typ, dem man sofort ein Entsteifungsseminar spendieren möchte. Er wirkt beim (nicht unoriginellen) Fragen wie ein nüchterner Arzt bei der strengen Suche nach Krankheitsursachen. Bisweilen auch wie ein kühler Steuerbeamter, dessen offenherzig gemeintes Bekenntnis ("So ein schönes, ehrliches Gespräch!") die Stimmung endgültig vereist.

Jürgens, den Applaus umweht, selbst wenn er über seine sehr großzügige Definition des Treuebegriffs schwärmt, oder der ganz entspannt erzählt, wie er mit 19 seine Ohren chirurgisch bändigen hat lassen (Lanz: "Sie hatten ja Segelohren - Prinz Charles ist nix dagegen!") kann damit natürlich in seinem Unterhaltungswert nicht erschüttert werden.

Nicht jeder Gast wird indes Jürgens-Format haben. Bei Lanz bleibt somit nur die Hoffnung, dass "Wetten, dass...?" ihn verwandelt. An der Verkrampfung des Vorgängers Gottschalk darf man ja studieren (abgesetzte ARD-Show und die aktuelle Selbstdemontage an der Seite von Dieter Bohlen auf RTL), wie TV-Formate Helden entzaubern können. Möge Lanz vom Samstag verzaubert werden. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 28.9.2012)

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