Was gesagt werden muss

Isabella Reicher, 27. September 2012, 17:56
  • Leo Bretholz diskutiert mit Schülern - mitunter geht das an aller 
Schmerzgrenze: "See You Soon Again" von Lukas Stepanik und Bernadette 
Wegenstein.
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    Leo Bretholz diskutiert mit Schülern - mitunter geht das an aller Schmerzgrenze: "See You Soon Again" von Lukas Stepanik und Bernadette Wegenstein.

Leo Bretholz und Bluma Shapiro haben den Holocaust überlebt. "See You Soon Again" zeigt sie als unermüdliche Zeitzeugen

Wien - Manchmal gestattet sich Leo Bretholz ein Eingeständnis von Erschöpfung. Nächstes Jahr, sagt er dann auf der Heimfahrt von einer Gedenkveranstaltung zu seiner Sitznachbarin Bluma Shapiro, werde er nicht mehr dabei sein. Frau Shapiro weiß es besser. Man wird sich wiedersehen.

See You Soon Again, "auf bald", heißt der Dokumentarfilm von Lukas Stepanik und Bernadette Wegenstein aber nicht deshalb. Vielmehr haben sich die Mitglieder der jüdischen Familie Bretholz in Wien noch nach dem Anschluss 1938 so verhalten optimistisch voneinander verabschiedet. Aber einmal hat sich dieses Versprechen dann nicht mehr eingelöst.

Nur der halbwüchsige Leo Bretholz überlebte den Holocaust. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er sich - wie Bluma Shapiro auch - in Baltimore im US-Staat Maryland niedergelassen. Die jüdische Gemeinde dort, so erfährt man im Film, hat viele Mitglieder, die Überlebende sind. Ihre traumatischen Erfahrungen, ihre Geschichten vom Verlust der Familie, von Erlebnissen in Lagern und auf Transporten, auf der Flucht und im Untergrund geben sie an die nachkommenden Generationen weiter.

Leo Bretholz etwa ist seit den 1960er-Jahren, als er die endgültige Bestätigung für die Ermordung seiner Mutter und seiner Schwestern erhielt, unermüdlich als Zeitzeuge im Einsatz. Noch mit neunzig Jahren spricht er regelmäßig vor Schulklassen, in Gemeindezentren, in Synagogen, damit nicht vergessen wird und damit es niemals wieder geschieht.

Der Film begleitet Bretholz bei diesen Auftritten und Begegnungen. Er zeigt seine Energie und die Anspannung, er zeigt ihn als soignierten, versierten Redner und dann wieder in höchst emotionalen Momenten, etwa wenn es mit einer sehr engagierten Schulklasse zum Disput darüber kommt, ob der Holocaust mit anderen Genoziden vergleichbar sei, und der alte Herr sich kurz wütend abwendet. Auch die knappen Eindrücke, die der Film von den Blicken und Körperhaltungen der Schülerinnen und Schüler mitnimmt, sprechen übrigens nicht nur in dieser Situation Bände.

Das Privatleben des seit kurzem Verwitweten bleibt weitgehend ausgespart. Dafür sitzt man einmal bei Bluma Shapiro mit am Küchentisch, wenn deren Großnichte sich gegen ihr schweres Erbe auflehnt. An dieser Stelle wird deutlich, was auch im übrigen Film mitschwingt: dass die Erfahrung des Holocaust überliefert und geteilt werden muss, dass diese Erfahrung aber zugleich eine unüberbrückbare Differenz zu all jenen einzieht, die sie nur aus Erzählungen kennen. Anders als Herr Bretholz und Frau Shapiro. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 28.9.2012)

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