Italien: Märchenhaftes Leben aus der Parteikasse

Gerhard Mumelter aus Rom
27. September 2012, 05:30

Zwei Jahre lang haben Politiker aus Berlusconis Partei in der italienischen Region Latium Fraktionsgelder hinterzogen. Ausgerichtet wurden damit rauschende Feste in Toga und Tunika

Es sind Bilder vom Niedergang des Imperiums: Ein Neptun mit Dreizack hält ein leichtgeschürztes Mädchen im Arm. Vor der Attrappe eines antiken Tempel begrapschen Männer mit Schweinemasken hübsche Frauen. Kurtisanen lassen Trauben in den Mund liegender Helden baumeln. Ein Bacchanal römischer Regionalpolitiker erregt Italien, zeugt von den Exzessen und Privilegien, die sich Politiker im Krisenland leisten.

Für die Abgeordneten der Rechtskoalition in der Hauptstadtregion Latium war jeden Tag Weihnachten. Einkäufe aller Art, Autos, Reisen, Hotelaufenthalte, Partys, Champagner, Austern - alles wurde aus der Parteikasse von Silvio Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" bezahlt. War die Rechnung zu niedrig, hängte man eine Null an. Allein der bullige Fraktionschef Franco Fiorito zweigte 1,4 Millionen Euro auf Privatkonten in Spanien ab.

Hang zur Selbstbedienung

Geht es um den Hang ihrer Politiker zur Selbstbedienung, sind die Italiener Leid gewöhnt. Doch die Exzesse des jüngsten Skandal in Latium stellen alles Bisherige in den Schatten. 15 Millionen Euro Fraktionsgelder verprassten die Abgeordneten in zwei Jahren. Am Montag zog die Regionalpräsidentin Renata Polverini die Konsequenzen und trat zurück. Sie stellte sich als "Opfer einer PDL-internen Fehde" dar. "Ich gehe erhobenen Hauptes und verlasse ein unwürdiges Regionalparlament."

Über "Haarsträubendes" könne sie berichten, so Polverini, deren Rücktritt Berlusconi bis zuletzt zu verhindern versuchte. Seine Partei sei keineswegs angeschlagen, versicherte der Cavaliere, der sich nun mit Forderungen nach einem Großreinemachen im "Volk der Freiheit" konfrontiert sieht.

Nach dem Skandal sackte die Mehrheitspartei in Umfragen auf kümmerliche 19 Prozent ab. Doch die Affäre in Latium scheint nur die Spitze eines Eisberges. Auch in Kampanien und Sardinien, wo die Abgeordneten Monatsgehälter von 15.000 Euro einstreichen, ermitteln Staatsanwälte über die Veruntreuung öffentlicher Gelder. In Mailand wankt Italiens mächtigster Gouverneur Roberto Formigoni. Zwölf Abgeordnete stehen unter Korruptionsverdacht. Nach Schätzungen versickerten in den Regionalräten Italiens in zwei Jahren Fraktionsgelder von über 200 Millionen Euro.

"Kollaps des Systems"

Eine Provokation in einem Land, in dem sich Millionen Familien nur noch das Nötigste leisten können. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, verurteilte die Skandale als "untragbar" und warnte die Politik davor, die Empörung der Bürger zu unterschätzen. "Es ist das Ende der Zweiten Republik", klagt "La Stampa". Kommentator Stefano Folli bringt es auf den Punkt: "In Rom ist keine Regionalregierung gestürzt. Es ist der Kollaps eines Systems." "Wir haben eine Politikerklasse herangezogen, die in Diebstahl ihren Lebensinhalt sieht", erregt sich der "Corriere". Die Wirtschaftzeitung "Il sole 24 ore" sorgt sich um das Ansehen des Landes: "Die Peinlichkeit dieser Skandale macht alle Versuche Montis zunichte, Italiens Reputation in der Welt zu verbessern."

Die Bilanz ist in der Tat deprimierend. Fünf Jahre nach dem Erscheinen des Bestsellers La casta, der die unhaltbaren Politikerprivilegien schildert, hat sich kaum etwas verändert. Noch vor zwei Tagen widersetzten sich die Parteien im Senat der Forderung, die Verteilung von 22 Mio. Euro Fraktionsgeldern von Rechnungsprüfern kontrollieren zu lassen. "Wir werden von einem Heer von Unpräsentierbaren regiert", seufzt der "Corriere". Politisches Handeln und Denken sei in Italien " inkonsistent und irrelevant". (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 27.9.2012)

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Bitte das Thema komplett ausschlachten

damit die FPK wie harmlose Lichterlträger wahrgenommen werden.

"Ich gehe erhobenen Hauptes und verlasse ein unwürdiges Regionalparlament."
\
"Ich gehe enthauptet und verlasse ein gehoben unwuerdiges Regionalparlament"

Es ist überall das Gleiche!

Korrupte Politiker, die sich keiner Schuld bewusst sind.

renata polverini ist nicht zurueckgetreten

renata polverini hat ihren ruecktritt angekuendigt - ihr ruecktrittsschreiben ist bisher nicht eingelangt. anstatt dessen hat sie gestern noch schnell zwei vertraege fuer ihre mitarbeiter verlaengert. vertraege fuer personen, die bisher von der oberbehoerde nicht akzeptiert wurden.
die 'grossen' enthuellungen, die sie angekuendigt hat: die verschwengung ihres vorgaengers marazzo! das ist natuerlich eine ausgezeichnete rechtfertigung fuer die nun aufgezeigte verschwendung. renata polverini - ein garant dafuer, dass weiterhin alles beim alten bleibt.

das alte rom

ist letztendlich auch an seiner dekadenz zugrunde gegangen... geschichte wiederholt sich....

auch bei uns lebt es sich doch für einige märchenhaft. solche meldungen erschüttern einen erfahrenen österreicher wenig.

du vergleichst

äpfel mit birnen, gegen die ital. politikerkaste sind unsere grassers und co armselige nasenbohrer!

sind aber lernfähig. da bin ich mir sicher.

ist diese provinz latium so wie unser kärnten? verwegen rechtspopulistische korruptionäre?

ganz italien ist wie bei uns kärnten, mit dem unterschied, dass es in italien auch alle zugeben und fleissig mit der mafia dinge drehen so nach dem motto: ist der ruf erst ruiniert, lebts sichs einfach ungeniert....und in zukunft mit noch mehr eu-gelder......
unsere politiker gehens halt noch ein bischen subtiler an und versteckens noch einigermaßen, auch wenn in letzter zeit auch bei uns immer mehr zum vorschein kommt.....

Eine Banken- und Transfer-Union ...

... mit einem Land, das solche Parteien 4 mal in die Regierung wählt ????

Was ist da schlecht dran?

In Österreich ist das üblich. Bloß die faden Grünen machen da nicht mit...

Herzelichst
Ihr Lappe

Hat man den Damen und Herren schon die Ehrenmitgliedschaft der Schüssel und Komplizenpartei verliehen?

Ich glaub nicht allein an die politische Klasse

Da putzt sich die Bevölkerung ab. Ohne breit akzeptiertes Gaunertum funktioniert das nicht. Man nehme nur die Mafia.

Es hat auch mit Dummheit zu tun. Ich erinnere mich an ein Interview vor der Wiederwahl:

Wen werden Sie wählen ?
Berlusconi. Der ist reich. Der kennt sich aus mit der Wirtschaft.
:-)

Zur Kultivierung der Dummheit haben ja die Berlusconi-Unterhaltungssender ihr Bestes gegeben.

40% wollen Stronach in der nächsten Regierung... :(

Jede Stimme für den Strohsack...

... fehlt dem rechten Effenpack! :)

Das ist auch schon das einzig positive was ich daran sehn kann. Bloß so ein riesen Fortschritt wird er auch nicht gegenüber ihnen sein...

Das nicht...

...aber es könnte ein großes Dolmen-zerstreuen bewirken. Wahlarithmetisch gesehen.

Partei "Volk der Freiheit"

Hahaha

Was ist eigentlich aus der Front des Volkes geworden?

Was hat eigentlich

die Geburtstagsfeier vom Häupl im Rathaus gekostet und wer hat die bezahlt?

Was sind denn da schon Inseratenkampagnen der ÖBB und Geburtstagsgeschenke des ÖGB?

Im übrigen bin ich der Meinung, die Schüssel/Faymann-Schutzallianz zwischen Rot und Schwarz muss zerstört werden.

Das sind ja fast schon österr. Zustände!

Einfache Formel:

Sobald eine Partei das Wort "Freiheit" oder "Freiheitlich" in ihrem Namen trägt wird Korruption, Bestechung und Diebstahl zum alltäglichen Geschäft!

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