Der wachsame Blick von kleinen Schwestern

  • Auffälliges Verhalten oder städtischer Alltag - die Überwachungstechnologie hält es sicherheitshalber einmal fest, der Experte bewertet: "Low Definition Control" von Michael Palm.
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    foto: stadtkino filmverleih

    Auffälliges Verhalten oder städtischer Alltag - die Überwachungstechnologie hält es sicherheitshalber einmal fest, der Experte bewertet: "Low Definition Control" von Michael Palm.

Wenn jeder zum möglichen Schuldigen wird: Der Filmemacher Michael Palm beschäftigt sich in seinem dokumentarischen Filmessay "Low Definition Control" damit, wie optische Verfahren zunehmend unsere Leben regulieren

Wien - An Überwachungskameras haben sich Bürger westlicher Demokratien längst gewöhnt. Vielen fallen die an öffentlichen Orten platzierten Geräte - die vielen "kleinen Schwestern" von Orwells großem Bruder - vermutlich gar nicht mehr auf. Tag und Nacht zeichnen sie auf, mit dem Ziel, auffälliges Verhalten zu erfassen und mögliche Straftaten zu unterbinden; oder für deren Auflösung nachträglich Indizien zu liefern. Zur Effizienz solcher Kontrollstrategien haben Experten freilich völlig widersprüchliche Meinungen.

Der Film Low Definition Control geht der schleichenden Durchdringung der Gesellschaft mit technischen Bildern nun auf einer grundsätzlicheren, analytischen Ebene nach. Er erfragt, nach welchen Maßgaben jene Technologien funktionieren, die nicht nur urbanes Leben mitregulieren, sondern auch in der Medizin (Pränataldiagnostik) zur Anwendung kommen. "Mir ging es um einen Zusammenhang von bildtechnischen Verfahren mit präventivlogischen Maßnahmen, egal, ob das in der Medizin, in einem kriminalistischen oder in einem politischen Diskurs ist", fasst Regisseur Michael Palm im Standard-Gespräch seinen Zugang zusammen.

Unwillkürlich denkt man an die Folgen von 9/11, an neue Bedrohungsszenarien durch Terror, die im Westen zu gesetzlichen Maßnahmen geführt haben - Stichwort: Rasterfahndung, Vorratsdatenspeicherung. Für Palm ist dies jedoch nur "ein Hintergrundrauschen" zum Film gewesen. Er habe sich mehr dafür interessiert, inwiefern solche Kontrollverfahren "Handlungsfelder" eröffneten. Die Verschiebung findet in der Art und Weise statt, wie man auf den Menschen blickt und was man mit den gesammelten Infos anstellt.

Die Bilder weisen eigentlich immer in die Zukunft, sagt Palm: "In den Bildern schlummert oder nistet etwas, dass erst wachgeküsst werden muss - und genau hier setzt die Politik der Bilder an." Innerhalb dieser Logik kann ein Arzt in Low Definition Control sagen, dass für eine Diagnose nur jene Bilder wertvoll sind, aus denen ein klarer Befund hervorgeht. Ein Verständnis, das in letzter Konsequenz dazu führt, dass "es keine Gesunden mehr gibt", während auf polizeilicher Ebene nun jeder zum potenziellen Straftäter wird.

Wie in einem War Room

Palm, auch Cutter und Komponist, hat für seinen Film eine offene Form gewählt, die so eindeutige Lektüren erschwert. Die Experten sind anders als in TV-gängigen Doku-Formaten nie zu sehen, sondern immer nur zu hören. "Die Idee ist eigentlich simpel", sagt Palm. "Stimmen im Off führen ein imaginäres Streitgespräch oder ergänzen sich auch gegenseitig. Ich hab das ein bisschen wie in einem War Room verstanden - Maschek macht das übrigens nicht viel anders. Man kann über die Bilder etwas sichtbar machen, was durch Sprache zuerst getriggert wird."

Die Bilder und somit das Anschauungsmaterial des Films sind nicht weniger ambivalent. Schon in Palms Kurzfilm Sea Concrete Human (2001) lieferten unscharfe Landschaftsbilder die Basis für eine apokalyptische SciFi-Geschichte. Diesmal hat er Ereignisse im öffentlichen Raum in Aufnahmen festgehalten, denen ein Bedrohungsmoment oder eine untergründige Spannung anhaftet. Ein Papstbesuch, ein Marathon oder eine Militärparade am Ring verwandeln sich durch Abstraktion zu etwas weniger leicht Identifizierbarem, das aus dem Alltag einer Stadt herausragt.

"Wenn man den Blick ein wenig verdreht", so Palm, "wird aus dem Ereignis ein Belagerungszustand oder ein kriegsähnlicher Zustand. Mir gefällt daran, dass die Bilder zum Verwechseln ähnlich werden. Einerseits herrscht darin ein gewisser Stillstand, andererseits drängen bestimmte Gesten und Bewegungen nach außen. Übrigens sind das Ereignisse, die das urbane Leben mehr stören als jede politische Kundgebung."

Dass es sich bei dem Ereignis auch um eine Deportation handeln könnte, lautet dann die äußerste Lesart. Palm verfolgt damit auch eine gewisse Didaktik: "Mir war wichtig, Bruchlinien herauszuarbeiten und gleichzeitig interdisziplinär zu agieren. In der Darstellung finden sich Widerhaken." Sein kenntnisreicher "Sciencefiction-Dokumentarfilm" ermöglicht Widerspruch - vieles von dem, woran gearbeitet wird, ist ohnehin noch Utopie. So sehr man die Maschinisierung auch weitertreibe, der Mensch bleibt ein unsicherer Faktor, nie ganz zu erfassen - "zu unberechenbar, zu gereizt, zu deppert", sagt Palm. In diesem Fall klingt das beinahe beruhigend.   (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 27.9.2012)

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1 Posting
Prblematisch auch, ...

dass die vom Menschen aufgezeichneten Bilder auch wieder vom Menschen gelesen/interpretiert werden: Fehlinterpretationen bleiben da nicht aus (Toiletten-Szene). Habe den Film bei der Diagonale gesehen und fand ihn sehenswert. Kinobilder!

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