Armes Italien mit modischem Dauerlächeln

Die Zahlen sind schlecht, die Lösungsansätze ziemlich unterschiedlich: Bei den Modeschauen in Mailand setzen die einen auf "Bella Italia", die anderen auf Reduktion

Der Beginn einer neuen Ära? Als am vergangenen Wochenende Jil Sander in Mailand ihre erste Damenkollektion zeigte, nachdem sie überraschenderweise zu dem ihren Namen tragenden Label zurückgekehrt ist, war das erst einmal der Beginn einer großen Schubserei. Jeder, der in der Modeszene etwas gelten will, wollte dabei sein, wenn die 68-Jährige in der Via Beltrami ihre ersten Schritte tat - entweder, um sie zu beklatschen oder um ihr beim Stolpern zuzuschauen.

Nach acht Jahren, in denen die Marke vor allem unter der Regentschaft des belgischen Designers Raf Simons zu einem neuen Höhenflug anhob, hat sich für das Label Jil Sander vieles geändert. Aus der nüchternen deutschen Modemarke und ihren eingeschworenen Trägerinnen wurde ein Haus mit japanischem Eigner - und ein Liebkind der internationalen Presse. Die Rückkehr der realen Jil Sander war da beinahe so etwas wie ein Störfaktor. Und vor allem: Wo in der Geschichte des Hauses wollte sie sich einklinken?

Jil Sanders "Neustart bei Null"

Geht es nach den Presseunterlagen, dann war das, was da am Samstagnachmittag gezeigt wurde, ein "Neustart bei Null". Vertraut man seinen eigenen Augen, dann war es eine geschickte Aussöhnung der älteren mit der jüngeren Vergangenheit. Der pure Look der in einigen wenigen Farben (Weiß, Navy, Burgunder, leuchtend Orange) gehaltenen Kollektion stammt aus Jil Sanders eigener Vergangenheit.

Die "Queen of Clean" setzte auf Jersey und Piqué, auf schmale Rückenpartien und markante Fronten, auf kontrolliertes Volumen und konstruktivistische Linienführungen. Da gab es die berühmten weißen Jil-Sander-Blusen, die sie mit weit schwingenden Röcken mit riesigen gummierten Polkadots kombinierte, da gab es ihr ikonisches Hamburger Blau und die präzisen Schnitte.

An die Ära Raf Simons dockte sie dagegen mit ihrem Spiel der unterschiedlichen Volumina an. Ein an der Taille leicht geraffter ärmelloser Kleidmantel zieht den Körper in die Länge, Kimonoärmel in halber Länge verleihen Frauen in Kostümen Stärke. Raf Simons-Fans müssen nach dieser Kollektion nicht unbedingt zu Dior wechseln (dessen Chefdesigner der Belgier mittlerweile ist), Adepten von Jil Sander werden dagegen wieder ihre Lieblingsstücke in den Geschäften finden. Bei Jil Sander ist die alte Verlässlichkeit eingezogen.

Bei Prada hat dieser Begriff eine ganz andere Konnotation. Jede Saison von neuem drückt Miuccia Prada den Resetknopf, auch darauf kann man sich verlassen. Herausgekommen ist diesmal eine Kollektion, die wie ein japanisches Teeservice anmutet und die sowohl einen kleinen Minimalismus- als auch Japonismus-Trend in Mailand initiierte. Ein kurzes schwarzes Kleid aus steifem Satin und mit Dreiviertelärmel eröffnete die Modeschau. Auf der Brustpartie: zwei abstrahierte Blumen. Die restlichen 41 Looks muteten wie eine Variation dieses Eröffnungsbildes an: inklusive (mehrheitlich) flacher Geisha-Schuhe und in Origamitechniken gefalteter Stoffbahnen. Und weil Signora Prada Überraschungen liebt, streute sie einige Pelzmäntel mit lustigen Pril-Blumen ein.

Mode in Schwierigkeiten

Apropos Blumen: Sie tauchten in allen erdenklichen (und handgemalten) Variationen auch auf dem Laufsteg von Etro auf, wo sich Veronica Etro aber ansonsten in einem Zuviel an östlichen Kleidervariationen vergaß. Von einer Reduktion der Mittel wie auf anderen Mailänder Laufstegen war hier genau so wenig wie bei Aquilano.Rimondi oder Just Cavalli zu bemerken. Die schwierige Lage, in der sich viele italienische Modemacher befinden, generiert ganz unterschiedliche Lösungsansätze. Zwar ist der Export italienischer Mode in den ersten fünf Monaten um 1,9 Prozent gestiegen, für 2012 rechnet die Modekammer aber mit einem Umsatzrückgang von 5,6 Prozent auf 60,2 Milliarden Euro. Schwierig ist die Lage vor allem für jene, die überwiegend am italienischen Markt verkaufen.

Bei Dolce & Gabbana ist das nicht so. Dennoch konzentrieren sich die beiden Modemacher (wie viele andere in Mailand) zusehends auf das, was Marketingleute als Markenkern bezeichnen würden, also in ihrem Fall auf Sizilien. Kurze gestreifte Strandensembles, bis über die Knie reichende Kleider mit kitschigen Vasenprints, Röcke aus Jute und eine Krinoline aus Bast evozieren ein armes Italien mit Dauerlächeln, untermalt von Domenico Modugnos Meraviglioso. Italienische Schlager hörte man in den vergangenen Tagen in Mailand öfter, beginnend mit Giorgio Armanis "Emporio"-Show, die dank Shorts und asymmetrisch geschnittener Seidentops besonders leicht und luftig daherkam. Ein Blick, der eher nach vorn gerichtet ist als nach hinten, ist in Mailand dagegen seltener zu spüren.

Italienische Sexyness & Londoner Coolness

Auch bei Versace nicht, wo Donatella auf einen Boudoirlook mit viel Spitze setzt. Dafür kann allerdings Versaces zweite Linie, die vom Briten Christopher Kane gemeinsam mit Donatella betreute Versus-Linie, überzeugen. Italienische Sexyness paart sich hier mit Londoner Coolness. Eine Farbpalette zwischen knalligem Gelb und Flamingo, Strick kombiniert mit Lackleder, kunterbunte Kettenglieder an knappen Kleidchen evozieren eine Partystimmung, die bei der Modeschau durch einige Liveacts von Beth Ditto noch verstärkt wurde.

Andere Schauen, die aus den vielen unentschiedenen Mailänder Shows in einer insgesamt eher mauen Saison herausstachen, waren jene von Antonio Marras und von Marni. Marras inszenierte eine wunderbare Kleiderorgie, in der schwere Vorhangstoffe, zarte Blumenprints und Camouflagemuster unwahrscheinliche Verbindungen eingingen. Bei Marni eröffneten Ensembles in groben Gittermustern die Show.

Besonders machte die Kollektion von Designerin Consuelo Castiglioni aber das Spiel mit unterschiedlichen Proportionen, das sie mit versetzten Schultern, übereinandergelegten Stoffbahnen und asymmetrischen Abnähern erreichte. Orientiert hatte sie sich zwar an Formenspielen des Bauhauses, das Ergebnis sah aber ganz gegenwärtig aus. Das lässt sich leider nicht von allen Mailänder Kollektionen sagen. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, 27.9.2012)

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Also, mir hats gefallen. Die Innovation lag in gewisser Weise gerade in der Zurückhaltung, im Verzicht auf Extreme. Den Minimalismus fand ich nicht rückgewandt, eher weiter fortführend, entwickelnd. Viel gesehen, was man als klassisch Elegantes bezeichnen könnte, sollte nicht als Stillstand gewertet werden, weil (für mich jedenfalls) es trotzdem neu wirkt.

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