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vergrößern 500x1000Ab Samstag, 19.30 Uhr, soll man die Früchte der Arbeit auch im Burg-Parkett erkennen: Michael Schachermaier will mit Ferdinand Raimund betont spielerisch umgehen. Seine Hauptdarsteller: Cornelius Obonya, Johannes Krisch.
Seine Inszenierung soll dionysisch werden, erklärte er im Gespräch.
Standard: Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" zeigt, wie die Psyche Rappelkopfs (Cornelius Obonya) an der Schlechtigkeit der Welt zerbricht. Zugleich gehört der Stoff ins Schatzkästchen der österreichischen Identitätsbildung. Wirkt das Stück nicht furchteinflößend?
Schachermaier: Ich habe mit 16 Jahren als Regieassistent zu arbeiten begonnen, mit Raimunds "Barometermacher auf der Zauberinsel". Ich fand das alles schon damals wahnsinnig krude und faszinierend zugleich. Außerdem bin ich in Bad Ischl aufgewachsen, Raimunds Stücke waren mir atmosphärisch von früh an vertraut. Der "Alpenkönig" besitzt an vielen Stellen eine meisterliche dialogische Qualität. Er ist einfach sensationell geschrieben.
Standard: Wie geht man mit dem Traditionsballast um?
Schachermaier: Ich habe mich im Zuge der Vorbereitungen sehr mit der Aufführungsgeschichte zu Raimund und Nestroy beschäftigt, mir insbesondere die Wiener Tradition genau angesehen. Erst als ich mich von diesem Nimbus befreit hatte, konnte ich anfangen, meinen eigenen Weg zu gehen.
Standard: Das Stück für Ihre erste Inszenierung auf der großen Bühne des Burgtheaters haben Sie sich wohl nicht selbst ausgesucht?
Schachermaier: Als das Angebot kam, musste ich mir erst einmal eine Auszeit nehmen. Ich war wie vor Schreck erstarrt und dachte mir: Geh runter vom Gas, lies es erst einmal! Ich muss sehen, was das Stück mit mir macht. Ich prüfe die Bilder, die sich einstellen. Es muss etwas zünden. Erst dann stellen sich Ideen ein.
Standard: Ist man Ihren Besetzungswünschen nachgekommen?
Schachermaier: Man muss um die Schauspieler, die man möchte, kämpfen. Diesmal getraue ich mir zu sagen: Ich habe meine Wunschbesetzung bekommen.
Standard: Als Beobachter ist man zunächst verwundert. Man hätte sich eher Johannes Krisch als Rappelkopf vorgestellt und Cornelius Obonya als Alpenkönig.
Schachermaier: Johannes Krisch wurde Astralagus, weil mir für die Alpenkönig-Figur etwas Anarchisches vorschwebte. So einen Alpenkönig hat es noch nie gegeben, so weit getraue ich mich aus dem Fenster zu lehnen. Krisch gibt einen absolut sinnlichen Naturgeist, der lustvoll, böse, dabei schwer melancholisch ist. Eine absolut dionysische Figur. Nichts Hehres, Weihevolles, sondern etwas Haptisches, Schlammiges und Schamanisches. Eine Interpretation, die etwas Tierisches, Mephistophelisches an sich hat.
Standard: Weiß Raimund nicht beängstigend genau über die "moderne" Seele Bescheid?
Schachermaier: Die Alpenkönig-Rappelkopf-Geschichte könnte man durchaus als psychologische Intervention auffassen. Eine extreme Maßnahme oder Rosskur: Jemand wird binnen kürzester Zeit an den Kern seines eigenen Ichs herangeführt. Er wird "zurückerinnert". Seiner Denkart wird eine andere Form verliehen. In der Psychotherapie würde man das als Auslösung einer Krise durch die Konfrontation mit dem Selbstbild und der Wirklichkeit bezeichnen. Die Heranführung an das eigene Ich passiert gewaltvoll. Der Alpenkönig stellt auch eine personifizierte Naturgewalt dar.
Standard: Werden Sie die Zuschauer mit Ausstattungszauber verblüffen?
Schachermaier: Wir haben uns dafür entschieden, auf die fundamentale Kraft des Theaters zu setzen: auf das Behauptungsszenario. Wir haben nicht vor, den Alpenkönig auf der Bühne des Burgtheaters in ein Flugwerk zu packen und herumfliegen zu lassen. Es wird keinen Cirque du Soleil geben und keinen David Copperfield. Es soll einfach und doch groß gedacht sein.
Standard: Raimund ist ein Dichter des Biedermeier. In dieser Ära gab es ein Stillhalteabkommen: Man pries die Tugenden von Treu' und Redlichkeit und gab sich im Abtausch für ein bisschen Wohlstand betont unpolitisch. Mutet uns das nicht vertraut an?
Schachermaier: Ich bin selbst einer von den Spittelberg-Caffè-Latte-Trinkern, Vespa-Fahrern, Sonntagsbrunchern. Ich stelle mich der Biedermeier-Gesellschaft von daher furchtlos. Die Sekundärtugenden blühen heutzutage auf, es gibt Fernsehtanzshows und Ratgeber für gutes Benehmen. Diese Renaissance der "alten" Tugenden wie Treue, Pflichtbewusstsein, Freundschaftspflege ist zutiefst bürgerlich. Aber wie oft liest man in unseren Tagen nicht auch von der "Bürgergesellschaft"! Die PIN-Codes werden immer mehr, die persönlichen Beziehungen immer weniger, und trotzdem ist man ein Bürger geworden, ohne es bemerkt zu haben.
Standard: Das Burgtheater hat Sie als jungen Regisseur behutsam aufgebaut. Sie haben großen Regisseuren Assistenzdienste geleistet. Spicken Sie sich von jedem etwas ab? Oder pfeifen Sie auf Vorbilder?
Schachermaier: Interessant ist die Mischung. Als Assistent hatte ich sehr große Lust, beim jeweiligen Regisseur Inhalte oder Techniken herauszuziehen, mit denen ich etwas anfangen konnte. Ich habe neben dem Studium immer gearbeitet. Sobald ich zu lange im Hörsaal saß, wurde ich unruhig. So habe ich früh begonnen, selbst zu inszenieren. Durch Zufall verschlug es mich für zwei Jahre ans Burgtheater. Ich bekam die riesige Bühnenmaschinerie vorgesetzt, ich konnte sie von oben bis unten studieren und durchschauen.
Standard: Und welchem Regisseur hätten Sie die Krone zuerkannt?
Schachermaier: Von Andrea Breth lernt man, wie unglaublich wichtig Vorbereitung ist. Wie wahnsinnig viele Zwischentöne es gibt, Schattierungen und Farben. Bei Christoph Schlingensief sah man, wie kraftvoll eine künstlerische Vision für den Menschen sein kann; bei Stefan Bachmann das Lustprinzip, die Lust an der Verwandlung, an der offenen Form auf der Bühne. Von Matthias Hartmann erlernt man, nicht loszulassen und dem Text eine gewisse Klarheit abzufordern. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27.9.2012)
Michael Schachermaier (30) stammt aus Hallein. Parallel zu seinem Burg-Engagement inszeniert der Kulturwissenschafter am Theater der Jugend und am Salzburger Landestheater.
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Übrigens: Kritiken nach zu urteilen, scheint der Regisseur was sehr Ordentliches und Ansehnliches auf die Bühne gestellt zu haben.
Wenn er in seinen Interviews (im Radio wenigstens) nicht in jeden 2. Satz ein "Wenn Sie so wollen" einflöchte, dann würde er auch nicht wirken wie Ciro di Luca als Thomas Klestil.
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