Blondheit als Weg

Gwen Stefani und No Doubt wollen mit einem Comeback an ihren alten Welterfolg "Don't Speak" anschließen

Mitte der 1990er-Jahre schoss Gwen Stefani mit ihrer Band einen der kapitalsten Böcke im Revier des Formatradios. No Doubts monatelanger Nummer-eins-Hit Don't Speak, eine Powerballade, die in all ihrem Abschiedsschmerz mittendrin den Durchhaltewillen und die Lebenskraft verliert, was zu heftigen wie eingängigen Schüttel- und Heulkrämpfen der Sängerin führt, zeitigt in der damaligen treuen Hörerschaft von Ö3 noch heute allein bei deren Namenserwähnung Phantomschmerzen. Gemeint ist akustische Wurmstichigkeit und deren Sinnhaftigkeit als Soundtrack in Büros und für dringende Wege mit dem Auto. Gwen Stefani, das ewige Mädchen aus Kalifornien, wurde damit fast zehn Jahre nach der Gründung der Band unerwartet doch noch zum Weltstar. 17 Millionen CDs wurden damals trotz Dauerbeschusses im Radio verkauft. Neben den Red Hot Chili Peppers, damals ebenfalls auf dem Höhepunkt ihrer Macht, andere Menschen für ihre Kunst leiden zu lassen, wurde die ehemalige Punk-Pop- und Ska-Band No Doubt zum Inbegriff eines als "kalifornisch" missverstandenen Lebensgefühls zwischen Kiddy-Contest-Posen auf der Bühne, Bassgeschnalze, New-Wave-Zickigkeit, Blondheit als Weg und lustiger Kleidung, die besser zu Fünfjährigen als zu Menschen um die 30 passt. Aber das Wetter war jeden Tag traumhaft schön!

Wiederum zehn Jahre und eine mehrjährige Welttournee später, zu der die Massen strömten, um No Doubt mit viel Eintrittsgeld zu bestechen, dieses eine Lied doch bitte nie wieder zu spielen, startete Gwen Stefani nicht nur eine eigene knallbunte und quietschvergnügte Modelinie, die vor allem japanische Teenagerinnen zu begeistern wusste. Stefani war auch mit ihrem Soloalbum Love.Angel. Music. Baby erfolgreich und ließ sich von allen Leuten, die damals gut und teuer waren (Dr. Dre, Neptunes, Outkast, Linda Perry), mittelprächtige Plastikpoptriumphe in mittleren Hallen auf den Leib schneidern. Das machte zwischendurch schon auch Spaß, vor allem im Handel erhältliche Gwen-Stefani-Barbiepuppen, mit denen jene kleinen Kinder spielen konnten, die Stefani gemeinsam mit Bush-Sänger Gavin Rossdale bald selbst zu Hause haben sollte. So richtig in die Gänge kam Gwen Stefani speziell zu Hause in den USA damit aber nicht. Zu abgehoben, zu sehr Pop, zu sehr Videoclip.

Richtig Kohle macht man heute nur noch mit Livekonzerten. Dazu braucht man eine Band. Und so ist es wohl kein Zufall, dass Gwen Stefani nun nach elf Jahren Pause No Doubt reformiert hat. Die große Katastrophe ist das Album Push And Shove nicht geworden. Von einem Triumph ist man allerdings ebenfalls Lichtjahre entfernt. Die erwartete "Ehrlichkeit" und das dazugehörige "Handwerk" sowie die Rückkehr zu "Punk" und "Ska" und "Reggae" gehen unter der Produktion der unter anderem auch schon für Lily Allen oder Kylie Minogue tätigen Allzweckwaffe Mike "Spike" Tent und einem Gastauftritt des bis vor kurzem hippen Digital-Dancefloor-Erneuerers Major Lazer völlig unter.

Lieber versucht sich die Band in ihren Reißbrettsongs (Looking Hot) an Disco-Klischees, wie sie auch Lady Gaga oder Katy Perry lieben. Nur manchmal schaut Jamaika kurz mit einem Bläsersatz aus dem Old-School-Reggae vorbei. Die Zickigkeit im Gesang fehlt heute ebenso. Außer dem bereits im Radio eingesetzten Nostalgie-Ballermann Settle Down gibt es also nur wenig Gründe außer Geld für die Band, sich all das noch einmal anzutun. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 28.9.2012)

No Doubt - "Push And Shove" (Universal)

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