Medien am Pranger: Jean Ziegler geißelt einäugige Information

Blog | Rubina Möhring
26. September 2012, 10:16
  • Jean Ziegler prangert Hunger und die Berichterstattung darüber an.
    foto: standard/newald

    Jean Ziegler prangert Hunger und die Berichterstattung darüber an.

  • Printgipfel: Kein Forum für Visionen
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    Printgipfel: Kein Forum für Visionen

Die Medien satter Gesellschaften ignorieren Hungerdesaster genauso wie die üble Börsenspekulation mit Nahrungsmitteln

Ja, Jean Ziegler hat schon recht, wenn er bei den Österreichischen Medientagen jovial, aber doch sehr ernst gemeint die sogenannte Journaille geißelt. Nicht nur diese, sondern auch die sogenannte seriöse Journalistik. Also beider auflagenorientierter Ignoranz gegenüber globalen Notthemen. Allfällige lokale Mörder-Beziehungskisten werden auflagenorientiert und entsprechend lustvoll zu Schlagzeilen aufgemotzt, weltweit reale Tragödien bleiben weitgehend ausgeblendet. Das ist kein gutes mediales Selbstbild. Im Gegenteil.

Alle fünf Sekunden, so Ziegler, verhungert weltweit ein Kind unter fünf Jahren. Täglich sind es 57.000. Eine Milliarde Menschen sind generell unterernährt. Gottlob irgendwo anders, also ganz weit weg. Die Medien satter Gesellschaften ignorieren diese Hungerdesaster genauso wie die üblen Börsenspekulationen mit Nahrungsmitteln, die auf Kosten von Armut und Hunger weniger entwickelter Bevölkerungen schamlos Gewinne erzielen. Wozu Horror-Berichterstattung aus Ländern, die uns vermeintlich nichts angehen, an deren Verlusten wir möglicherweise sogar verdienen.

Vierte Macht versagt

Das Argument, dass wir inzwischen längst in einer globalen Gesellschaft leben, bleibt dabei auf der Strecke. Damit versagen die Medien auch in ihrer demokratiepolitischen Rolle als so genannte Vierte Macht, als weitsichtig kritisches Kontrollorgan. Lieber nationale Nabelschau als globales Verantwortungsbewusstsein.

Entsprechend national orientiert war die hochkarätig besetzte Expertenrunde am frühen Nachmittag. Thema war die Krise im Bereich der Printmedien. Statt gemeinsam zukunftsorientierte Strategien zu entwickeln, verebbte das Gespräch in alltäglichen kleinkarierten verbalen Schlagabtauschen. Schade. Das Forum für Visionen wäre gegeben gewesen.

Nationale Nabelschau

Nationale Nabelschauen dieser Art bergen die Gefahr leerer Kilometer, sind aber dennoch aufschlussreich. Zum Schluss wusste das Auditorium zweifellos: Wir sind wir und der Rest der Welt ist ganz woanders. Lang lebe Österreich als Insel angeblich Seliger, wo offenbar jeder mit jedem verbandelt ist - Politiker mit Journalisten, Journalisten mit Wirtschaftstreibenden usw. Lauter Amigos. Kein gutes Zeugnis für die Freiheit österreichischer Medien. Österreich ist offenbar eine einzige große Familie, innerhalb derer keine professionellen Grenzen gezogen werden. Oder doch? Immerhin wurde dem STANDARD Unabhängigkeit attestiert.

Alle fünf Sekunden verhungert auf dieser Welt ein Kind unter fünf Jahren. Ist das hierzulande - auch im STANDARD - eine Schlagzeile wert? Nein. In Österreich sind derzeit vornehmlich nationale, demokratiepolische Probleme angesagt. Saure Wiesen werden nicht trocken gelegt, sondern zugeschüttet.

Bisher war Österreich demokratiepolisch kein Schwellenland. Wir werden sehen, wie die Medien in der kommenden Vorwahlzeit landesweit berichten werden. Ob unabhängig von den politischen Präferenzen ihrer Eigentümer oder nicht. (Rubina Möhring, derStandard.at, 26.9.2012)

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Jean Ziegler drischt nur Phrasen.

Aber es gibt trotzdem einige, die so einem Dampfplauderer nachlaufen.
Alles schon dagewesen...

Die anzeigenfinanzierten Tageszeitungen sind eine Erfindung der Konterrevolution in Frankreich -- sie sind WESENTLICH dazu da, vom System als solchem abzulenken.

Die Kratzer am neuen iPhone-5 erwecken

einfach mehr Interesse.

gestern war der ziegler in der zib 2 - tolles gespräch!

hat jemand von euch die technischen möglichkeiten, dieses interview auf youtube hochzuladen?

wäre super!

orf tvthek!

.

ich habe im standard gefuehlte 8689 artikel ueber verschiedene hungerkrisen in afrika gelesen aber noch keine einzigen etwa ueber die situation europaeischstaemmiger farmer in simbabwe oder suedafrika. nein lieber wird ganz "kritisch" in den chor eingestimmt in dem sonst auch jeder mitsingt.
dass man dann auch noch einen artikel vorgesetzt wird in dem beklagt werde es zu wenig ueber hungerkrisen berichtet passt nur ins bild

Dann lesen Sie halt eine andere Zeitung.

http://www.zeit.de/2012/07/D... armermorde
http://www.faz.net/aktuell/p... 53589.html

Das ist hier kein Wunschkonzert.

haha, super beitrag! wissen die wovon sie eigentlich schreiben?

Noch die Frage ,
was International besser läuft oder funktioniert ,
als innerhalb der Nationen ?
International ist weder eine Solidarität mit Ärmeren Menschen ,
noch eine Recht auf Eigentum (eines Volkes auf z.B. seine Rohstoffe )
noch ist International ein System für eine funktionierende Demokratie in Sicht .

International
sind Militär (NATO)
Konzerne und Kapital

Nicht Zieglers Anliegen, sondern seine Sprache ist das Problem.

Jean Ziegler hätte durchaus viel zu sagen. Was er anprangert ist mehr als berechtigt. Seine Kraftausdrücke bis hin zu seinen Mordaufrufen könnte er sich sparen.

Übrig bleibt ein Herr Ziegler, den niemand mehr ernst nimmt. (Was schade ist.)

eine interessante meinung. ich erlebe eher, dass seine meinungen sehr wohl ernst genommen werden.

BTW: wo entnehmen Sie seinen äusserungen morddrohungen ?

nicht ernst zu nehmen ...

und er besser endlich seinen hut! nicht erst seit er bekanntermassen diktatoren als freunde hat ...

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=... eb72de2f0b

sorry, aber wo ist da ein MORDAUFRUF enthalten ??

warum lügen sie?

hat er das mal in einem privaten gespräch mit ihnen gesagt? denn ich habe bis jetzt keine mordaufrufe von ihm vernommen.

sind sie einer/e von denen, die emails versenden, in denen gegen ausländer hetze betrieben wird und behauptet wird, dass diese leistungen bekämen, die sonst keinE österreicherIN erhält?
http://mobil.derstandard.at/134828406... Polizisten

Wo hat sich der Mordaufruf versteckt und an welcher Stelle findet man die Kraftausdrücke?

Zur Ehrernrettung des konservativen Lagers

muss man sagen, dass sich Franz Fischler in Bezug auf Nahrungsmittelspekulationen und Biosprit auf derselben Veranstaltung in genau derselben Weise wie Ziegler geäußert hat.

aber mit dem einen - ganz großen - Unterschied: das Unrecht nicht aus dem Bauch heraus, sondern mit dem Kopf benennen.

Ich lese seit langer Zeit keine gedruckten Medien mehr, weil tatsächlich nur etwa 3% sinnvolle Information sind, während der Rest einem seichten Entertainment- und Konsumzirkus das Wort redet. Echt schade um´s Papier. Die Redakteure wissen das natürlich längst, doch sind sie ihrem Arbeitgeber verpflichtet und nicht den brennenden Problemen. Früher hat man den Kindern Märchen vorgelesen, heute lesen die Erwachsenen Märchen in der Zeitung. Das gilt weltweit.

Verehrung

Jean Ziegler… seine Bücher gehören Pflicht an allen Schulen!

mal sehen...

ob es schon morgen besser wird:
http://bit.ly/QtyU0u

Grenzgenialer Artikel, Respekt.
Da ist in wenigen Sätzen extrem viel reingepackt.
Das "Netzwerk" hats zwar schon immer gegeben, inzwischen tritt es aber schon ungeniert an die Oberfläche, nach dem Motto, ihr könnt mir eh nichts...

Schön wenn man nicht nur Verluste sondern auch

Verantwortung vergesellschaften kann ...

ICH und meine nächsten Mitmenschen haben noch nie an Lebensmitteln spekuliert noch von solchen Spekulationen verdient. Aber man schreibt halt lieber die westlichen Gesellschaften - den ich bin sicher mehr als 90 % der Bürger der EU sind gegen Lebenmittelspekluation - als die Finanzmafia.

Was macht denn ihre Bank mit dem Geld das Sie zur ihr tragen, oder die Versicherung an die sie regelmäßig Prämien überweisen mit IHREM Geld?

Ja und 90% der lieben Bürger kaufen Néstle-Produkte und nehmen sämtliche sonstige Billigprodukte auf Kosten Afrikas gerne in Kauf...
Schön, wenn man alle Verantwortung einfach von sich schieben kann.

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