Ist im Cup wirklich alles möglich?

Reportage |
  • Lachen. Vor dem Spiel.
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    Lachen. Vor dem Spiel.

derStandard.at-Redakteur Florian Vetter hat sich als Basketball-Amateur gegen die Profis vom BC Vienna in die Schlacht geworfen

Klosterneuburg - Das Dress in die Hose gesteckt und das Warm-up-Shirt noch schnell drübergezogen, heißt es beim Blick unter den gegnerischen Korb schon einmal runterschlucken. Dort wärmt quasi ein All-Star-Team der Bundesliga auf. Drei afroamerikanische Riesen, von denen der kleinste knapp zwei Meter groß ist. Ein serbischer Wandschrank, der seine gewaltige Muskelmasse auf 2,06 Meter Körpergröße verteilt und flink wie eine Ballerina tänzelt. Dazu noch zwei österreichische Nationalteam-Spieler. Ich bin mit meinen 1,80 Metern ein Wicht gegen diese Männer. Geärgert gehören sie trotzdem.

Gut, es ist kein Spiel gegen ein NBA-Team und auch kein Kräftemessen mit dem FC Barcelona - die spielen auch Basketball. Aber immerhin geht es für mein Team, die 6ers aus Klosterneuburg (3. Liga), gegen den stolzen Bundesligisten BC Vienna. Vorhang auf für den Chevrolet-Cup, erste Runde. Das Ziel definierte unser Coach in seiner Kabinenpredigt eindeutig: "Wir verlieren höchstens mit 30 Punkten Unterschied!"

Keine Kompromisse

Ich denke nicht an die Punkte, nicht an den Score, nur an mein Spiel. Wenn der Gegner gefoult wird, dann hart. Diese Viecher werden auch nicht zärtlich sein. Kriege ich einen freien Wurf, nehme ich ihn. Ihre Defense wird uns hart unter Druck setzen, viele Chancen werden wir nicht bekommen. Da muss man realistisch bleiben. Und trotz allem: Kein Weinen bei den Schiedsrichtern! Man muss sich vor dem Gegner nicht noch lächerlicher machen, als man eh schon ist.

Ende des ersten Viertels mein erster Aufritt, ich komme von der Bank. Erste Aktion: ein Foul. Der BC Vienna dominiert nach Belieben, der Ball wird blitzschnell gepasst, der freie Mann problemlos gefunden. Aber dann stehe ich plötzlich frei an der Dreierlinie, bekomme den Ball, kein Überlegen, eiskalt, Wurf! Als er in der Luft ist, habe ich ein gutes Gefühl. Der geht rein. Der könnte reingehen. Jaaaaa ... Airball. Weder Ring noch Brett berührt. Vergleichbar mit einem Elfmeter, der auf die Tribüne geheizt wird. Das Tor muss man schon treffen, den Korb auch. Keine zwei Minuten später die Chance auf Wiedergutmachung - noch ein Airball. Ich schwöre, ich bin nicht alkoholisiert. Nach dem Freilaufen ist aber die Konzentration dahin. Etwas unangenehm.

Respekt muss man sich verdienen

Das Duell David gegen Goliath entwickelt sich wie befürchtet. Spielstand zwischen einem Amateur-Team und einer ausgeruhten Profi-Truppe nach dem ersten Viertel: 4:23. Zur Halbzeit steht es dann 10:41. Dennoch: Lang und hoch lebe der Underdog! Es sind die Erfolgsgeschichten der Außenseiter, für die der Sport immer gut ist. Wenn jedoch keine Angst vor dem Verlieren zu spüren ist, weil zu 100 Prozent klar, dass ein Sieg unmöglich ist, dann ist das natürlich keine echte Underdog-Story mehr.

Die Kunst, etwas zu gewinnen, kann man aber auch anders formulieren. Selbst in einer Demontage. Wir wollten die Shawn Rays, Sheldon Calwells und Zarko Rakocevics belästigen. Immerhin, sie haben die Augen gerollt, uns beschimpft ("What are you doing here? I'll punch you in the face!", "Come on, you are a pro, you wanna cry now?"). Auch so können Teilerfolge aussehen. Für mehr fehlte uns wohl die Leichtigkeit.

Kein Mirakel

Die erste Runde im Chevrolet-Cup war kein "Miracle on Ice", wie es die US-Eishockey-Herren anno 1980 gegen die Sowjetunion zu Wege brachten. Weit gefehlt. Selbst wenn der Gegner lockerließ, war er immer noch viel besser als wir. Sie trainieren zehnmal die Woche, ich ein- oder zweimal. Ich bekomme mit 28 Jahren langsam Speckröllchen am Bauch, sie sind mit über 30 noch fit wie ein Turnschuh. Aber gerade wenn sie dich so ernst nehmen wie der Vater seinen jungen Sohn, willst du ihnen zumindest einmal auf die Fresse hauen. Bildlich gesprochen.

Stattdessen spielten sie mit uns und wollten sich langweilige Verteidigungsarbeit ersparen. "Yeah, come on, shoot that!", lautete ihre Einladung, einen weiteren Wurf danebenzusetzen. Und man warf natürlich. Nur um den Ball ja schleunigst wieder loszuwerden, wenn er dir nicht eh bereits vorher aus den Händen gerissen wurde. Als gäbe es keine besseren Möglichkeiten. Nicht zuletzt wegen einer erbärmlichen Wurfquote wurde mein Team in einem total einseitigen Spiel mit über 50 Punkten Differenz paniert, 22:77 der Endstand. Sie haben uns nicht ernst genommen. Trotzdem ging die Welt nicht unter.

Der Traum von magischen Momenten

Das ist nicht der ÖFB-Cup im Fußball, Überraschungen sind wohl nicht eingeplant. Der BC Vienna könnte heuer nicht nur den Pokal, sondern auch die Meisterschaft gewinnen. Und trotzdem träumt man in seinem zwangsmanipulierten Hollywood-Hirn von magischen Momenten. Von ein oder zwei Dreiern ins Gesicht des Gegners, von einer guten Finte und dem gefoppten Verteidiger. Dazu einem inneren Lächeln, das nie wieder vergeht. Wenn es nur gekommen wäre. (Florian Vetter, derStandard.at, 26.9.2012)

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