Wenn der Zeitgeist durch die Zimmer fegt

Wojciech Czaja
27. September 2012, 07:59
  • Shangri-La oder doch Ritz-Carlton? Die Zimmer im kürzlich eröffneten Ringstraßenhotel wurden nach dem Betreiberwechsel einem Refurbishment unterzogen. Genächtigt hatte darin noch niemand.
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    foto: apa/the ritz-carlton, vienna

    Shangri-La oder doch Ritz-Carlton? Die Zimmer im kürzlich eröffneten Ringstraßenhotel wurden nach dem Betreiberwechsel einem Refurbishment unterzogen. Genächtigt hatte darin noch niemand.

Ein Hotelzimmer bleibt nicht ewig attraktiv. Eine stilistische Auffrischung - ein "Refurbishment" - sollte in Österreich alle zehn Jahre durchgeführt werden, meinen Experten

Im April 2000 wurde in Dubai das Emirates Towers Hotel eröffnet. Mittlerweile hat das Fünf-Sterne-Hotel mit Blick auf die Stadt bereits zwei Refurbishments, also zwei komplette Umbauten und Neumöblierungen, hinter sich. Nicht nur Matratzen und Teppiche wurden dabei getauscht, sondern auch Stoffe, Tapeten, Lampen, Einrichtungsgegenstände sowie meist auch die gesamte Sanitärausstattung in Bad und WC. Die Mission dieser regelmäßig wiederkehrenden Schönheitskur: Der Gast muss stets das Gefühl haben, in den modernsten, neuesten Federn zu liegen.

"Die Erneuerungszyklen bei Hotelimmobilien werden von Jahr zu Jahr kürzer", erklärt Michael Widmann, Geschäftsführer der PKF Hotelexperts GmbH, Wien. "Doch von solchen kurzen Zeitspannen wie im arabischen Raum kann bei uns in Mitteleuropa noch lange nicht die Rede sein." Wurden Refurbishments bis in die Achtzigerjahre im Schnitt alle 20 Jahre durchgeführt, müssen Möbelpacker und Handwerker mittlerweile im Zehn-Jahres-Rhythmus anrücken - bei Badezimmerausstattungen und trendigen Boutique-Hotels auch öfter.

Hotelgäste werden kritischer

Im Gegensatz zu früher ist es jedoch nur in den seltensten Fällen der abgenutzte Zustand eines Zimmers, der für eine technische beziehungsweise optische Überholung ausschlaggebend ist. Meist eilt der Untüchtigkeit der Möbel und Tapeten der Geschmack der Kunden voraus. "Die Hotelgäste werden immer kritischer", weiß Widmann aus Erfahrung. "Sobald ein Hotel nicht mehr zeitgemäß wirkt, verliert es sofort an Attraktivität. Kein Mensch würde sich heute noch in einem Bad mit einer bahamabeigen Badewanne wohlfühlen, selbst wenn sie gepflegt und immer noch in einem guten Zustand ist."

Im Wiener Bristol, das sich im Eigentum des Sacher-Clans Gürtler befindet und von Starwood geführt wird, stehen gerade die Handwerker im Haus. "Im Ballsaal führen wir bis Ende Oktober ein Refurbishment durch, außerdem errichten wir im ersten Stock ein paar neue Zimmer und Suiten nach Plänen des Pariser Interior-Spezialisten Pierre-Yves Rochon", erklärt Generaldirektor Gerald R. Krischek im Gespräch mit dem STANDARD. In diesem Zuge sollen die ursprünglichen Art-déco-Elemente des Gebäudes wieder herausgearbeitet werden. Nächstes Jahr soll auch die Lobby im Erdgeschoß umgebaut werden. Konkrete Pläne liegen noch nicht vor.

"Ein Umbau bei laufendem Betrieb ist nie einfach", meint Krischek. "Einerseits muss man als Hotelier ständig ins Produkt investieren, andererseits darf der Gast von alledem nichts merken." Je nach Zimmerauslastung und je nach Farbe des Materials müssen manche Stoffe und Teppiche alle paar Jahre ausgetauscht werden. Für helle Textilien ist im Hotelbereich nach spätestens fünf Jahren Schluss.

Geduldige Städtetouristen

Wie stark die regelmäßigen Investitionen in FF&E - die Abkürzung steht für "Furniture, Fixtures & Equipment" - zu Buche schlagen, lässt sich anhand empirischer Werte leicht belegen. "Wenn man für die Refurbishments vier Prozent des Jahresnettoumsatzes beiseitelegt, ist man gut dabei", meint Bristol-Chef Krischek. Das ist der gängige Schnitt bei Stadthotels - unabhängig von der Kategorie. "Freizeit- und Spa-Hotels unterliegen jedoch einem stärkeren Investitionsdruck", weiß Widmann von PKF Hotelexperts. "Die Leute wollen im Urlaub Abwechslung. Da muss man für ein ordentliches Refurbishment mit fünf, manchmal mit sechs Prozent des Jahresumsatzes rechnen."

Nicht immer ist es die Materialermüdung oder der sich ändernde Geschmack der Kunden, der die Hoteliers zu einem Refurbishment zwingt. Auch ein Betreiberwechsel kann die inneren Werte eines Hotel auf den Kopf stellen. Beim neuen Ritz-Carlton Vienna am Schubertring, das ursprünglich für den Betreiber Shangri-La saniert und ausgebaut wurde, sollen nach Auskunft der neuen Eigentümer drei bis vier Millionen Euro allein ins Refurbishment der Immobilie geflossen sein. Blümchentapeten wurden von den Wänden gerissen, Polstermöbel neu bezogen, Artworks ausgetauscht.

"Es gibt zwar keine eindeutigen Vorgaben, wie ein Ritz-Carlton auszusehen hat, aber ein gewisser Stil und eine gewisse Rücksicht auf die Traditionen des jeweiligen Ortes sollten dennoch bewahrt bleiben", erklärt die zuständige Marketingleiterin Silvia Kahler. "Wir haben einige Änderungen vorgenommen und haben das Interieur unseren Bedürfnissen angepasst." Insgesamt hat die Verwandlung von Shangri-La zu Ritz-Carlton rund sechs Monate gedauert. Vor zwei Wochen wurde feierlich eröffnet. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 22./23.9.2012)

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