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In den 1980ern eröffnete sie eine ganze Reihe an Geschäften in Europa und den USA, 1999 erwarb schließlich die PPR-Gruppe einen Großteil der Anteile. Heute ist Sergio Rossi im Alleinbesitz von PPR. Seit 2008 ist der Italiener Francesco Russo, der zuvor für Miu Miu, Costume National und Yves Saint Laurent arbeitete, Kreativdirektor der Marke.
Nicht unweit von Rimini, in dem kleinen Örtchen San Mauro Pascoli, befindet sich seit 1966 die Fabrik des Schuhhauses Sergio Rossi. Hier wird von Hand zugeschnitten, Maschinen hämmern, es wird genäht und geklebt. Ungefähr eine Stunde dauert es, bis aus einem Lederlappen ein Stiletto-Schuh entsteht. Kreativdirektor dieser Produktionsstätte von Luxusschuhen ist Francesco Russo. Sein Atelier ist überfüllt mit extravaganten Schuhmodellen, die wie Spielzeuge auf Regalen herumstehen. Er streckt mir die Hand entgegen, scannt mich von oben bis unten und bleibt bei meinen Schuhen haften.
STANDARD: Sie haben jetzt sehr genau auf meine Schuhe geschaut. Wollen Sie etwas dazu sagen?
Russo: Sie sehen bequem aus. Gutes Leder.
STANDARD: Machen Sie das immer so, dass Sie zuerst einmal - nicht ganz unauffällig - die Schuhe Ihres Gegenübers betrachten?
Russo: Es tut mir leid, aber das ist zu einer Berufskrankheit geworden. Wer welche Schuhe trägt, fasziniert mich.
STANDARD: Dabei studierten Sie doch zuerst Mode?
Russo: Ja, ich studierte auf dem Marangoni-Institut in Mailand, aber mir wurde bald klar, dass mir Mode zu kurzlebig ist. Ich wollte lieber Schuhdesigner werden. Hohe Schuhe waren immer schon meine Leidenschaft. Sie sind mein Fetisch. Und ich trage sie auch gerne selbst.
STANDARD: Da sind Sie nicht der Einzige. Sogar der Fotograf Helmut Newton porträtierte sich mit Stöckelschuhen. Können Sie mir die Obsession für hohe Absätze erklären?
Russo: Das kann niemand erklären. Es muss irgendetwas mit der rechten Gehirnhälfte zu tun haben, da Schuhe stark an Gefühle gekoppelt sind. Wenn man hohe Schuhe trägt, fühlt man sich gleichzeitig mächtiger, aber auch zerbrechlicher. Allein dieses Gefühl ist sexy.
STANDARD: Was macht einen guten Schuh aus?
Russo: Da kommen viele Aspekte hinzu: vom Schnitt, der Silhouette des Absatzes über die Form des Fußbettes und die Qualität des Leders und des Innenfutters bis hin zu dem richtigen Klebstoff, der verwendet wird. Ein billiger Klebstoff, und Füße beginnen zu stinken.
STANDARD: Diese Schuhe hier schauen gefährlich hoch aus. Wie kann man damit überhaupt gehen?
Russo: Ein guter Schuh ist ein architektonisches Meisterwerk. Diese sind sehr bequem. Das Wichtigste bei Schuhen mit hohen Absätzen ist ein gutes Fußbett.
STANDARD: Wieso das?
Russo: Bei schlecht gearbeiteten Schuhen rutscht man sofort von den Fußballen auf die Zehen. Das gesamte Gewicht verlagert sich dorthin. Gehen und Stehen werden spätestens nach einer halben Stunde schmerzhaft. Ein gutes Fußbett ist so designt, dass sich das gesamte Körpergewicht gleichmäßig darauf verteilt - auf jedem Zentimeter liegen quasi die Kilos, nicht nur auf den Zehen.
STANDARD: Kommt es nicht auch auf die Stabilität und Höhe des Absatzes an?
Russo: Natürlich. Der Absatz muss den richtigen Winkel haben, das ist alles.
STANDARD: Wie hoch sind denn diese Hacken hier?
Russo: Zehn Zentimeter. Die meisten Schuhe in meinen Kollektionen sind nicht höher als zehneinhalb Zentimeter, und ich versuche sie auch nicht höher zu designen, da es bei elf, elfeinhalb oder zwölf Zentimetern wirklich schwierig wird, in den Schuhen zu gehen. Allerdings werden für Modeschauen Schuhe mit 15 Zentimeter hohen Absätzen hergestellt. Diese Prototypen kommen aber meist nicht in den Verkauf.
STANDARD: Die Mittelhöhe ist so gut wie verschwunden. Wie kommt es, dass Absätze so hoch wie noch nie sind?
Russo: Im 16. Jahrhundert in Venedig waren sie noch höher! Damals waren es 40 Zentimeter hohe Plateauschuhe, und die Damen hatten Gehgeräte oder mussten sich auf ihre Dienerinnen stützen. Aber ja, heute ist die Nachfrage nach hohen Schuhen wieder enorm. Es ist ein Trend, der vor zehn, 15 Jahren begann. Frauen wollen groß sein. Wer größer ist, hat längere Beine und schaut schlanker aus. Und um groß zu sein, muss man sich keiner plastischen Chirurgie unterziehen, sondern man kann einfach zu Sergio Rossi gehen und sich ein Paar Schuhe kaufen.
STANDARD: Waren Sie nicht zu einem großen Teil für diesen Trend mitverantwortlich?
Russo: Als ich von 2000 bis 2008 für das Modehaus Yves Saint Laurent arbeitete, war eine meiner ersten Schuhkollektionen ein Tribut an die "Chaussures des putes" (Anm.: Prostituiertenschuhe). Sie waren hoch, sexy und aus Lack. Und sie verkauften sich wie verrückt.
STANDARD: Dass Schuhe und Taschen mehr Geld als Kleidung einbringen, ist ja nichts Neues.
Russo: Miuccia Prada war eine der Ersten, die eine eigene Designabteilung für Schuhe aufbauten. Viele Modehäuser zogen nach und wurden zu großen Konkurrenten von traditionellen Schuhhäusern. Da ich eine Zeitlang auch für Miu Miu Schuhe designte, konnte ich das sehr gut beobachten. Es interessiert mich wesentlich mehr, für ein etabliertes Schuhhaus zu entwerfen als für Modedesigner.
STANDARD: Seit 2008 sind Sie nun Kreativdirektor für Sergio Rossi.
Russo: Als ich für Yves Saint Laurent arbeitete, wurden die Schuhkollektionen bei Sergio Rossi produziert. Ich gehe hier nun schon seit zwölf Jahren ein und aus, daher war es für mich ein unkomplizierter und organischer Übergang. Ich hatte auch die Möglichkeit, Herrn Rossi persönlich kennenzulernen und mit ihm Ideen auszutauschen.
STANDARD: Hier stehen zwei Ihrer Kollektionen, genannt "Memphis" und "Bugatti". Ist Ihr Ausgangspunkt immer eine Reverenz an Italien?
Russo: Nein, da kenne ich keine Grenzen. Ich nehme mir die Freiheit, aus allem, was mich umgibt, Inspiration zu ziehen. Aus Musik, Architektur, Film, Farben oder Blumen. Das könnten auch Sie sein, und morgen mache ich eine Cordula-Kollektion.
STANDARD: Ihnen steht ein großes Archiv zur Verfügung. Wie sehr lassen Sie sich davon beeinflussen?
Russo: Nicht allzu sehr. Ich will keine Retrokollektionen designen; die Idee der Wiederholung langweilt mich. In Fellinis Film La Dolce Vita trägt Anita Ekberg Schuhe von Sergio Rossi. Diese würde ich nie imitieren wollen, doch der Film könnte mich dazu inspirieren, einen neuen, ganz anderen Schuh zu designen.
STANDARD: Was ist wichtiger, ein bequemer oder ein schöner Schuh?
Russo: Für mich ist das ein und dasselbe. Bequeme Schuhe, die den Fuß und damit die Frau hässlich machen, kann ich nicht akzeptieren. Genauso wenig wie schöne Schuhe, auf denen Frauen jämmerlich herumwackeln, weil sie damit nicht gehen können.
STANDARD: Heute kann man billige Schuhe kaufen, die sehr gut ausschauen. Wie groß ist die Konkurrenz?
Russo: Viele Frauen, die Sergio-Rossi-Schuhe kaufen, haben diese für zehn, 20 Jahre. Das Konzept ist gut, die Qualität ist gut. Das halte ich für wahren Luxus. Ich sehe sofort, ob jemand billige oder teure Schuhe trägt. Und glauben Sie mir, die Frau die diese Schuhe trägt, fühlt es. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 28.9.2012)
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"Im 16. Jahrhundert in Venedig waren sie noch höher!"
Ja, das hatte aber auch den Sinn, nicht im Matsch auf der Straße auszurutschen. Das waren quasi in den Gatsch aus Exkrementen und Schneematsch getriebene Pflöcke. Die wurden über den normalen Schuhen getragen. Oder ist hier was anderes gemeint?
Guter Ansatz! - Jeder Schuhdesigner sollte seine eigenen Kreationen auch selbst tragen (müssen!), dann wären Schuhe sicher generell deutlich bequemer. Auch Männer, die Damenschuhe entwerfen und umgekehrt. Dem Designer (bzw. vermute ich inzwischen, der misanthropen Designerin) meines letzten Paares, das ich leichtsinnigerweise nahe der Fontana di Trevi gekauft habe, würde ich das jedenfalls wünschen - mindestens eine Woche und nicht weniger als zehn Stunden pro Tag. Und ja, das wär durchaus eine angemessene Rache...
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