Vor lauter Schrott das All nicht sehen

Tanja Traxler
25. September 2012, 19:01
  • Eine Simulation zeigt, wie intakte Satelliten und anderer Schrott in einer Höhe von 36.000 Kilometern einen dichten Reifen um die Erde bilden.
 
    foto: esa

    Eine Simulation zeigt, wie intakte Satelliten und anderer Schrott in einer Höhe von 36.000 Kilometern einen dichten Reifen um die Erde bilden.

     

  • ESPI-Präsident Hulsroj: Weltraumausgaben lohnen sich vielfach.
    foto: corn

    ESPI-Präsident Hulsroj: Weltraumausgaben lohnen sich vielfach.

Finanzkrise könnte zu Kürzungen beim Raumfahrtbudget führen - einige Projekte wären aber dringend notwendig

Die Raumfahrt ist einer der Forschungsbereiche, der großteils staatlich finanziert ist. Das macht sie besonders anfällig für konjunkturbedingte Kürzungen. Daher hat das in Wien ansässige European Space Policy Institute (ESPI) seine Herbsttagung vergangene Woche dem Thema "Weltraum in Zeiten der Finanzkrise" gewidmet.

Während US-Präsident Barack Obama Anfang des Jahres ankündigte, die Budgets für die US-Raumfahrt wegen der Krise zu kürzen, ist die europäische Weltraumforschung bisher noch weitgehend von Einsparungen verschont worden.

Aufgrund der langfristigen Investitionszyklen sind die Weltraumbudgets in Europa derzeit noch nicht akut von der Finanzkrise betroffen, betonte ESPI- Direktor Peter Hulsroj. Die EU- Ministerkonferenz im November werde eine Entscheidung über die weitere Vorgangsweise fällen. Üblicherweise wird dort das Budget für die nächsten drei Jahre fixiert - und damit steht oder fällt eine Vielzahl von Projekten.

Manche davon sind dringend notwendig: Zum Beispiel wird die zunehmende Anzahl an Schrottteilen im Weltraum zum akuten Problem. Nach Angaben der US Airforce kreisen deutlich mehr als 20.000 Bruchstücke von Satelliten oder Raketen um die Erde. Allein 14 Prozent davon sollen 2007 entstanden sein, als China einen seiner Wettersatelliten zerstörte.

Müll gefährdet Raumfahrt

Angesichts der enormen Geschwindigkeiten, mit denen sich der Müll bei seiner Rotation um die Erde bewegt, zersplittert der Schrott immer mehr. Doch selbst wenn die Teile kleiner werden, heißt das nicht, dass sie dadurch unschädlich werden. Im Extremfall kann bei einer Kollision mit einem Satelliten selbst ein Kleinteil wie eine Schraube diesen außer Funktion setzen.

Der dadurch jährlich verursachte Schaden liegt im dreistelligen Millionenbereich. Wenn das Müllproblem nicht gelöst wird, werden Weltraumprojekte aller Art langfristig gefährdet: Der Schrottring 36.000 Kilometer über der Erde ist für Raumfahrtstationen gleichermaßen ein Problem wie für Navigations-, TV- oder Wettersatelliten.

Daher ist in Deutschland eine Art Müllabfuhr für den Weltraum angedacht, im Alleingang kann sie aber nicht realisiert werden. In Krisenzeiten gestaltet sich die Suche nach Partnern aber schwierig.

Die USA lehnten Anfang des Jahres einen Vorschlag von Europa ab, der einen Verhaltenskodex für die Weltraumnutzung festgeschrieben und auch den Müll betroffen hätte. Die Weltraummacht hatte Sorge, etwaige militärische Aktivitäten im Weltraum könnten dadurch nicht mehr möglich sein. Bei einem Treffen im Oktober in New York will man sich in dieser Frage annähern.

Andere Investitionsprojekte der Raumfahrt sind weniger dringlich, versprechen dafür aber, besonders lukrativ zu sein. Etwa sind Navigationssysteme und Wettervorhersagen über Satelliten ein Milliardenmarkt. Aus Telekommunikation, Katastrophenmanagement und Verkehr ist moderne Weltraumtechnik ebenfalls nicht mehr wegzudenken. Diese Systeme sind für Harald Posch, Leiter der Agentur für Luft- und Raumfahrt in der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), ein Beweis dafür, dass "die Nutzung weltraumbasierter Systeme längst Eingang in unser tägliches Leben gefunden hat". Sie seien die Bausteine der "modernen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts".

Wert der Weltraumforschung

Was die langfristige Sicherstellung der Budgets aus staatlicher Hand erschwert, ist, dass es kaum Datenmaterial gibt, das den wirtschaftlichen und sozialen Wert der Weltraumforschung für die Gesellschaft beziffert. Auch gebe es dafür keine einheitliche Methodik, stellte Jean Bruston, der sich innerhalb der ESA mit diesem Thema beschäftigt, bei der ESPI-Tagung fest. Damit unterscheide sich die Raumfahrt von anderen Sektoren, die sich ebenfalls um staatliches Budget bewerben.

Mehrere Faktoren verkomplizieren die Berechnungen des Nutzens der Raumfahrt, sagte der ehemalige Astronaut Gerhard Thiele. derzeit Resident Fellow am ESPI. Meist sind die positiven Effekte, die Weltraumaktivitäten für die Gesellschaft haben, Langzeiteffekte. Sehr oft sind sie nicht geplant, und meist lassen sie sich nicht auf ein singuläres Projekt zurückführen, meinte Thiele.

Während es also für die Weltraumforschung gesamt derzeit nicht möglich ist, ihren Nutzen zu beziffern, kann zumindest die Wertschöpfung von einzelnen Projekten berechnet werden. Etwa hat das ESPI erhoben, dass in einem globalen Satellitenmonitoring für Umwelt und Sicherheit ein investierter Euro vier bis 10,5 Euro - je nach Rechnung und Zeitraum - zurückfließen lässt.

Robert Husband, der in der Wettervorhersage für das Unternehmen MSYS tätig ist, sagte bei der ESPI-Konferenz, dass ein Drittel der Wirtschaftsleistung in Europa wetterabhängig wäre, entsprechend groß sei das Interesse an präzisen Vorhersagen. Obwohl diese Bereiche für die Wirtschaft von Interesse sein könnten, wird die Weltraumforschung immer noch großteils staatlich finanziert; das österreichische Weltraumprogramm etwa wird vom Verkehrsministerium getragen.

Hulsroj will die Krise nicht nur als Bedrohung verstanden wissen, sondern als "Gelegenheit Neues auszuprobieren". Auch Posch meint, dass trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten Investitionen in den Weltraum gerechtfertigt seien - als Modernisierungsschub und um neue Jobs zu schaffen. (Tanja Traxler, DER STANDARD, 26.9.2012)

Share if you care
1 Posting
Der orbitale Schrott ist eine gute Analogie zu unsrem Umgang mit "Müll" auf der Erde

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.