S&P: Schweiz verschärft die Euro-Krise

  • Artikelbild
    vergrößern 900x627
    grafik: der standard
  • Anleger flüchten mit ihrem Kapital aus Europas Peripherie in die Schweiz, und 
die SNB "recycelt" diese Euros in die Kernländer Europas.
    foto: apa/patrick seeger

    Anleger flüchten mit ihrem Kapital aus Europas Peripherie in die Schweiz, und die SNB "recycelt" diese Euros in die Kernländer Europas.

Die Nationalbank hält den Franken niedrig. Sie verhilft Österreich so zu niedrigen Zinsen, verschärft aber die Ungleichgewichte in der Eurozone, so eine Studie

Wien/Zürich - Die Schweizerische Nationalbank (SNB) verschärft die Ungleichgewichte in der Eurokrise. Zu diesem Schluss kommen die Analysten der US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) in einer Studie. Das Problem: Anleger flüchten mit ihrem Kapital aus Europas Peripherie in die Schweiz, und die SNB "recycelt" diese Euros in die Kernländer Europas. Das nützt Ländern wie Österreich, und schadet etwa Spanien.

Konkret schätzt S&P, dass die Schweizer in den ersten sieben Monaten des Jahres 80 Milliarden Euro in Anleihen aus Österreich, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Finnland ("Kerneuropa") investiert haben. "Die SNB bewegt mit ihrem großen Volumen die Anleihenmärkte in Kerneuropa", sagt Moritz Kraemer, Europa-Chefanalyst von S&P dem Standard. Der Kauf von 80 Mrd. Euro an Staatsanleihen entspricht 48 Prozent des Budgetdefizits dieser Länder für 2013.

Stabiler Franken

Hintergrund der Käufe: Seit einem Jahr kauft die SNB Devisen, um den Schweizer Franken bei einem Wechselkurs von 1,2 gegen den Euro zu stabilisieren. Die rasche Aufwertung des Franken wegen des Kapitalzuflusses aus der Eurozone würde ansonsten die Wirtschaft der Schweiz, insbesondere die Exporteure, hart treffen.

Damit hilft die Schweiz auch Österreich, sich zu rekordtiefen Zinsen Geld am Kapitalmarkt zu leihen. Die Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen in Österreich sind massiv gefallen, seitdem die massive Kapitalflucht in Südeuropa die SNB dazu gezwungen hat, Euros am europäischen Anleihenmärkten zu "recyceln". Im August hat die SNB bereits mehr als 418 Milliarden Franken (348 Mrd. Euro) an Devisenreserven gehalten, 60 Prozent davon sind in Euro-Anlagen investiert. Die Oesterreichische Bundesfinanzierungsagentur (OeBFA), die für die Aufnahme der Schulden der Republik verantwortlich ist, freut sich über das Interesse. OeBFA-Chefin Martha Oberndorfer: "Die starke Nachfrage seitens internationaler Zentralbanken ist ein Zeichen für das hohe Ansehen der Republik Österreich bei sicherheitsorientierten Anlegern."

Ganz ähnlich profitierte auch Frankreich an den Anleihenmärkten. Als im Mai innerhalb von wenigen Wochen die Zinsen von drei auf 2,35 Prozent für zehnjährige Papiere gepurzelt sind, hatte die SNB angefangen, französische Papiere zu kaufen, zitiert die Financial Times einen Banker.

Der AAA-Faktor

In welche Anleihen genau die SNB investiert, ist unklar, weil die SNB dazu keine Daten veröffentlicht. Allerdings zwingen ihre Anlagerichtlinien die Nationalbank, ihre Devisen nur in Staaten mit hoher Bonität zu investieren. Deshalb sei es umso wichtiger, dass Österreich seine beiden AAA-Ratings (bei den Ratingagenturen Fitch und Moody's hat die Republik noch die Höchstnote, nur S&P hat heruntergestuft) auch behält. "Wenn ein Land wie Österreich ein zweites AAA-Rating verliert, müsste die SNB nach ihren Anlagerichtlinien ihre Positionen verkaufen", warnt Kraemer.

Dabei würden sich die Schweizer damit keinen Gefallen machen, glaubt Kraemer, weil sie ihre Devisenreserven auf noch weniger Länder konzentrieren müssten. Dann hätte sie eine noch größere Marktmacht. Stattdessen könnte die SNB ihre Anlagerichtlinien ändern. Daran glaubt aber Jan-Egbert Sturm, Ökonom an der ETH Zürich, nicht: "Das würde der Tradition der SNB widersprechen. Man muss es mit dem Risiko auch nicht übertreiben."

Dabei sollten sich die Länder in Kerneuropa nicht auf den Lorbeeren niedriger Zinsen ausruhen. Denn sollten die jüngsten Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (Stichwort: unbegrenzte Staatsanleihenkäufe) greifen, könnte das paradoxerweise bei Ländern in Kerneuropa die Anleihen drücken: "Wenn der Druck auf den Schweizer Franken nachlässt, muss man davon ausgehen, dass die Zinsen in Kerneuropa auch wieder rasch ansteigen können," sagt S&P-Analyst Kraemer. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 26.9.2012)

Share if you care