"Man muss halt die Zähne zusammenbeißen"

Reportage |

In den Appalachen, dem Armenhaus der USA, stellen sich Patienten in aller Früh an, um sich in einer Zeltpraxis Zähne ziehen zu lassen. Die Gesundheitsreform Obamas ist hier nicht angekommen

Michael Oberdecks Markenzeichen ist die Kunst der Selbstironie. Man kann sich den Mann mit dem verschmitzten, selten ersterbenden Lächeln gut in den Studios der Comedy-Talker vorstellen, bei Jon Stewart oder Dave Letterman. Dabei hat er sich die Nacht auf einem Wiesenparkplatz um die Ohren geschlagen, in einem alten Chevy. Müde schält er sich aus einer grauen Decke, sein fahles Gesicht hat nicht viel mehr Farbe als das Lammfell, unter dem seine Freundin Layla immer noch schlummert. Unrasiert ist er und nicht gewaschen, und jetzt steht da auch noch ein Reporter mit Notizblock herum. Wo andere vielleicht "Hau ab!" brummen würden, reibt sich Oberdeck schalkhaft theatralisch die Augen und sagt mit schuldbewusstem Grinsen: "Hab mal wieder verschlafen, was?"

Fünf Minuten später steht der Dreißigjährige vor einem robusten Holztor, wo ein Mann mit der kerzengeraden Haltung eines Paradesoldaten gerade so etwas wie einen Zählappell versucht. In khakifarbener Uniform, die Ärmel bis zu den Oberarmen aufgekrempelt, steht Stan Brock auf einem Stuhl und schreit Fragen ins Dunkel. "Wer von euch braucht Zahnbehandlung?" Fast alle Hände fliegen nach oben, später sagt Brock, dass er 782 Wartenummern vergeben hat. "Wer von euch kommt wegen der Augen?" 639-mal Brille, wird er irgendwann notieren. Sie hat etwas Gespenstisches, die Szene um fünf Uhr am Morgen. Ringsum liegen die Wälder Virginias in tiefstem Dunkel. Bei der Anfahrt glaubt man, sich verirrt zu haben, so abgelegen ist das Gelände der County Fair, wo sonst an ein paar Tagen im Sommer die besten Gäule vorgeführt werden.

Praxisgebühr verhindert Arztbesuche

Urplötzlich, hinter einer Kuppe, erhellen Strahler ein provisorisches Gebirgscamp, als wären Außerirdische in der Einöde gelandet. Die wichtigste Devise ist frühes Aufstehen. Wer sich um vier nicht eingereiht hat in die Schlange nachtmüder Menschen, die oft von weither angereist sind, kommt heute nicht mehr dran.

Mit Rural Area Medical, RAM, einer Freiwilligenorganisation von Medizinern, tourt Stan Brock quer durch Amerika, nach Kalifornien, nach Texas, in die Indianerreservate South Dakotas. Für drei Tage macht er in Hurricane Station, mitten im "Coal Country" der Appalachen, das trotz seiner reichen Kohleflöze immer ein Armenhaus geblieben ist. Eine Zeltplane überdacht 96 Zahnarztstühle, komplett mit Bohrern, Absauggeräten und schlanken Halogenstrahlern. Im zweitgrößten Zelt haben sie ein Optikerlabor eingerichtet, um alte Brillengläser, gesprungene oder zu schwache, gegen neue zu ersetzen.

Der Mann mit dem durchgedrückten Kreuz macht das seit zwanzig Jahren. Als er anfing, hieß der Präsident noch George H. W. Bush. 2010 setzte Barack Obama die Pflicht zur Krankenversicherung durch; 2014 treten alle Regeln der Novelle in Kraft. Für Brock hat sich bisher dennoch nichts geändert, und er glaubt auch nicht, dass Amerika in Zukunft ohne Nothelfer wie ihn auskommen wird. Schon wegen der Praxisgebühr, die beim Arztbesuch fällig wird, in aller Regel dreißig Dollar, "verdammt viel Geld".

Und wer bei größeren Zahnarztsachen nicht tief in die Tasche greifen will, muss weiterhin eine teure Extraversicherung abschließen. Unbezahlbarer Luxus im Hacklermilieu der Hillbillys, wie die Bewohner der Appalachen im Rest der USA gern verspottet werden als vermeintliche Hinterwäldler. "Wir kommen noch lange", prophezeit Brock mit dem Stoizismus eines Welterfahrenen, der das Leben oft genug von seiner Schattenseite kennengelernt hat.

"Beste Tage des Lebens"

Thomas Cooke und Wallace Huff prüfen noch schnell die provisorisch verlegten Elektrokabel, bevor ihre Zwölf-Stunden-Schicht beginnt. Beide nehmen keinen Cent für ihren Einsatz, und als Huff schwärmt, "dies sind die besten drei Tage meines Jahres", kann Cooke nur zustimmend nicken: "Du hattest Erfolg und gibst etwas zurück, ein schönes Gefühl." Kopfschüttelnd schimpfen die Dentisten auf Mountain Dew, den "Bergtau", eine Billiglimonade, die im Laden weniger kostet als Mineralwasser. Das Zeug kann die Zähne zu Kariesruinen degradieren. Ironischerweise zählt der Hersteller von Mountain Dew zu den größten Sponsoren des Medizinercamps.

Hilfe für die Ärmsten

Brock hat fürs Fernsehen Tierfilme gedreht, mit einer Brillanz, wie es wohl nur Engländer können. Fünfzehn Jahre lebte er in den Regenwäldern Guyanas bei den Wapishana-Indianern, wo er sich vornahm, für Menschen in den entlegensten Gebieten der Erde medizinische Hilfe zu organisieren. 1985 hob er RAM aus der Taufe. Heute, sagt er mit feinem Lächeln, hat er nirgends mehr zu tun als in den Vereinigten Staaten.

Und die Gesundheitsreform? Packt sie das Übel an der Wurzel? Joshua Lane, Student der Elektrotechnik, legt seine Stirn in Falten. "Tja, ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann." Bei ihm ist das Wort Steuer hängengeblieben, wenn es um die Reform geht. Und das Wort Zwang. "Du musst eine Versicherung kaufen, auch wenn du kaum über die Runden kommst" , fasst er das Gehörte zusammen. So ähnlich denken sie alle, die Patienten des Wiesencamps. Michael Oberdeck antwortet ausnahmsweise nicht mit einem Witz. "Einen freien Menschen zu irgendwas verdonnern? No way."

Bis 2009 war Oberdeck fest angestellt bei John Deere, dem Landmaschinenhersteller. In der Flaute wurde er entlassen und bald darauf erneut angeheuert, mit Zeitvertrag und ohne die Krankenversicherung, die John Deere zuvor noch getragen hatte. Jetzt schraubt er nur noch von April bis Oktober in Greeneville in Tennessee Rasentraktoren zusammen, während er von November bis März Arbeitslosengeld bezieht.

"Wird schon wieder"

"Wird schon wieder", macht sich Oberdeck Mut. Wird die Versicherung obligatorisch, will er darauf verzichten, als Zeitarbeiter müsste er sie selber berappen. Lieber zahlt er die fällige Strafe. Er glaubt, dass sei billiger. Sonst hilft das Prinzip Hoffnung. "Zum Doktor gehe ich nicht, ich fühl mich doch gut. Und wenn mal was ist, musst du halt die Zähne zusammenbeißen." Da ist sie wieder, Oberdecks feine Selbstironie. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 26.9.2012)


Ein Blick hinter den amerikanischen Wahlkampf

Im Konfetti-Regen der Parteitage, im Rhythmus der Nachrichtensender und im täglichen Grabenkampf zwischen Kapitol und Weißem Haus macht sich nichts so gut wie Geschichten einfacher Leuten. Kaum etwas bringen hartgesottene Spindoktoren lieber unter die Wähler, mit wenig anderem lassen sich komplizierte politische Sachverhalte anschaulicher erzählen. Dabei wird es aber meist so simpel, dass all die alleinerziehenden Mütter, kriegsversehrten Soldaten und "Average Joe"-Installateure wie lächerliche Karikaturen wirken, die absolut nichts mehr mit dem Leben außerhalb der TV-Kanäle zu tun haben.

Wie aber tickt das richtige Amerika? Was tut sich jenseits von Klischees und vorgefertigten Nachrichten in den Vereinigten Staaten? Welchen Herausforderungen haben sich echte Bürger, echte Wähler zu stellen?

der Standard versucht dem in einer Reportagenserie, die sechs Wochen vor der Wahl mit einem Besuch in West Virginia beginnt, nachzugehen. Die " Reise durch Amerika" wird durch das ganze Land führen, durch Milieus, Problemlagen und Verhältnisse, die sich viele in Europa nur schwer vorstellen können. (red)

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