Femen in Graz: "Wir benutzen unsere Körper als Poster"

  • Ausziehen bringt Aufmerksamkeit: "Sonst liest niemand unsere Botschaft", so Inna Schewtschenko.
    foto: reuters/jacky naegelen

    Ausziehen bringt Aufmerksamkeit: "Sonst liest niemand unsere Botschaft", so Inna Schewtschenko.

  • Sascha und Inna Schewtschenko sprachen unter anderen mit Hausherrin Hermi Grabner de Luca, Monika Klengel und Autorin Olga Flor (v. li.).
    foto: johannes gellner

    Sascha und Inna Schewtschenko sprachen unter anderen mit Hausherrin Hermi Grabner de Luca, Monika Klengel und Autorin Olga Flor (v. li.).

Die jungen Femen-Aktivistinnen trafen ältere Feministinnen aus Graz zum Frühstück

Graz - Die Sterne standen noch klar am Himmel, als sich rund 50 Menschen - zum größeren Teil Frauen - am Dienstag um fünf Uhr morgens im Marathon-Camp des Steirischen Herbstes in der Thalia trafen, um gemeinsam einen Spaziergang zu machen. Beim vierten "Daybreak into the City", zu dem das Theater im Bahnhof beim Festival verschiedene Aktivisten einlädt, waren auch zwei verschlafene, freundliche junge Frauen aus der Ukraine dabei. Unscheinbar in Jeans, Hemden und Westen. Sascha (22) und Inna (24) Schewtschenko (zufällige Namensgleichheit) sind zwei der vier Hauptakteurinnen der feministischen Gruppe Femen aus der Ukraine.

Innas Bild ging vor einigen Wochen um die Welt, als sie aus Protest gegen die Verurteilung von drei Frauen von Pussy Riot ein Holzkreuz mit einer Motorsäge fällte. (Dass das Kreuz ein Denkmal für Stalin-Opfer war, sei nicht wahr.) Seit 2010 sorgt die Gruppe für Aufsehen, weil sie barbusig für Frauenrechte und gegen Zwangsprostitution kämpft.

"Es fällt keiner leicht, sich auszuziehen"

"Warum oben ohne?", werden die beiden Akademikerinnen beim gemeinsamen Frühstück im Haus einer Grazer Feministin gefragt. "Wir haben schon seit 2008 protestiert, Demos mit 20.000 Menschen und rosa Ballons organisiert. Aber sie haben uns ignoriert", erzählt Inna. Dann zogen sie sich aus. "Wir benutzen unsere Körper als Poster, sonst liest niemand unsere Botschaft", so Inna - und man fühlt sich an die Performance "Verschwinden" über die Marginalisierung von Frauen im Alter, die Monika Klengel vor dem Frühstück zeigte, erinnert.

Sascha setzt nach: "Es fällt keiner von uns leicht, sich auszuziehen, aber so benutzen wir die Massenmedien." In ihrem Land werden sie dafür gehasst. "Unsere Körper gehören nicht uns", meint Sascha. "Es ist scheinbar okay, wenn wir damit für Bier oder Autos werben, aber niemals für unsere Rechte."

Femen baut Außenstelle in Paris auf

Inna lebt seit dem gefällten Kreuz im Exil in Paris, wo man eine Femen-Außenstelle aufbaut. Der Geheimdienst verfolgt sie. Doch ihnen und einigen ihrer 50 "topless activists" passierte schon Ärgeres. Etwa im Wahlkampf in Weißrussland. Eine 120 Kilo schwere Femen-Aktivistin parodierte dort Alexander Lukaschenko. "Zuerst hat man alle Journalisten weggebracht und uns gelassen", erzählt Inna. Doch dann, als sich die Frauen schon in Sicherheit wähnten, habe der Geheimdienst zugeschlagen. "Sie haben uns Telefone und Pässe weggenommen, uns stundenlang verhört, uns Masken aufgesetzt, sodass wir nichts sehen konnten". Danach sei man noch lange herumgefahren, habe ihnen immer wieder gesagt, man werde sie töten, aber vorher noch "Spaß haben".

In einem Wald "hatten sie dann Spaß mit uns", sagt Inna, und ihre Stimme zittert. Die Frauen wurden gedemütigt und gefilmt und schließlich ohne Kleidung ausgesetzt. Am Ende ist Innas Stimme wieder stolz: "Selbst wenn ich dabei sterbe, weiß ich, dass ich das Richtige tue." Alle Aktivisten aus dem Festival-Camp wollen am Mittwoch um 16 Uhr aus Solidarität mit dem Streik in Griechenland durch Graz marschieren. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 26.9.2012)

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