Ägypten: Journalismus mit revolutionärer Agenda

Stefan Binder
26. September 2012, 05:30
  • Das Logo von Rassd: "Rakib, Sawwar, Dawwan" bedeutet "Beobachten, Fotografieren, Bloggen".
    screenshot/facebook-rassd

    Das Logo von Rassd: "Rakib, Sawwar, Dawwan" bedeutet "Beobachten, Fotografieren, Bloggen".

  • Journalistinnen der Revolution: Passant Mahmoud (links) und Iman Nabil (rechts) vom Rassd News Network.
    foto: binder/derstandard.at

    Journalistinnen der Revolution: Passant Mahmoud (links) und Iman Nabil (rechts) vom Rassd News Network.

Das Rassd News Network gilt als eines der erfolgreichsten Beispiele für Bürgerjournalismus. Seine Agenda: Die Revolution

Mehr als zwei Millionen Facebook-Fans, 60.000 Abonnenten, zehn Milliarden Pageviews - die Zahlen stammen nicht von CNN, BBC oder einer Webseite eines multinationalen Großkonzerns. Es sind die Daten des Rassd News Network (RNN) - einer im Westen großteils unbekannten Nachrichtenwebseite aus Ägypten.

Gegründet wurde das Projekt vor den ägyptischen Parlamentswahlen 2010 als "Einheit zur Beobachtung der Parlamentswahlen", die dazu aufrief Fotos und Bilder von Wahlfälschungen und Unregelmäßigkeiten einzuschicken, um sie zu veröffentlichen. "Es waren gefälschte Wahlen. Deswegen entschlossen wir uns den Betrug zu dokumentieren", sagt Iman Nabil, die vergangene Woche gemeinsam mit ihrer Kollegin Passant Mahmoud Wien anlässlich einer Studienreise einen Besuch abstattete.

Die Anzahl der eingelangten Information, die sie während der Wahl zugeschickt bekamen, war eindrucksvoll: Von den 700 täglich eingehenden Berichten wurden 400 veröffentlicht, 1500 Videos und Bilder wurden eingeschickt, 80.000 Menschen wurden Fans der Facebook-Seite. Das Projekt wuchs und wuchs.

Beobachten, Fotografieren, Bloggen

Während der Revolution änderten sie schließlich ihren Namen auf "Rassd", wie Nabil im Gespräch mit derStandard.at erklärt. Die Buchstaben des Namens stehen für "Rakib, Sawwar, Dawwan" (Beobachten, Fotografieren, Bloggen) und Rassd gilt seither als eines der erfolgreichsten Projekte für Bürgerjournalismus weltweit.

Mittlerweile schicken hunderte von Bürgerjournalisten ihre Informationen tagtäglich an Rassd, auf Facebook hat das Projekt mehr als zwei Millionen Fans. Auf die eigenen Leistungen sind sie stolz, wie Mahmoud betont: "40 Prozent der Nachrichten auf unsere Webseite bekommen wir von Nachrichtenagenturen und anderen Medien, 60 Prozent werden jedoch von unseren Korrespondenten produziert. Wir haben Mitarbeiter in ganz Ägypten, auch in anderen Ländern wie Marokko, Tunesien, Libyen, Palästina, Jemen, Syrien, USA, Russland und Frankreich."

Die Arbeit verrichten die meisten gratis. Nur rund 30 Mitarbeiter, darunter Iman und Passant, die in der Zentrale in Kairo arbeiten, werden bezahlt. Rekrutiert werden die vielen Freiwilligen unter anderem durch Werbespots auf Youtube.

Video: Youtube-Promotion von Rassd, um neue Bürgerjournalisten anzuwerben

Aufstieg

Den Aufstieg und die Bekanntheit hat Rassd allerdings vor allem der Revolution zu verdanken. "Wir waren eine der wichtigsten Nachrichtenquellen während der Revolution. Selbst als das Internet abgeschaltet wurde, waren wir online und versorgten die Menschen mit Nachrichten", sagt Mahmoud. Die technischen Details behält sie jedoch für sich.

Die Arbeit war nicht ungefährlich, Repressionen standen an der Tagesordnung, wie Nabil sagt: "Unsere Gründer wurden während der Revolution am Flughafen in Katar festgenommen. Viele wurden von der Polizei und dem ägyptischen Geheimdienst überwacht - auch nach dem Sturz Mubaraks."

Große internationale Nachrichtenagenturen griffen während der Revolution auf die Informationen von Rassd genauso zurück wie die Sender CNN, BBC oder Al-Jazeera. Ihr Erfolgsgeheimnis verraten die beiden Journalistinnen in wenigen Sätzen: "Wir veröffentlichen nur, was richtig ist. Wir kennen unsere Korrespondenten. Gerüchte sind tabu. Wenn wir uns nicht sicher sind, dass die Information richtig ist, geben wir sie nicht auf die Seite."

Erfolg

Ägyptens Politiker nehmen das Netzwerk mittlerweile ernst, auch internationale Einrichtungen wie die Deutsche Welle oder der staatliche französische Sender France 24 helfen Rassd mit Journalismus-Trainings. Unterstützung, die das Projekt nötig hat. Mahmoud: "Wir sind Jugendliche, daher haben wir auch kaum Geldmittel oder Geldgeber."

Um die Mitarbeiter und technische Infrastruktur zu bezahlen, wurde ein SMS-Service geschaffen. Zwei bis drei Redakteure schicken mehrmals täglich SMS mit den wichtigsten Nachrichten aus. "Schneller und besser als professionelle Nachrichtenorganisationen", wie Nabil stolz sagt. Auch hier sind die Dimension atemberaubend: 60.000 Ägypter haben nach Angaben von Rassd das bezahlpflichtige SMS-Service abonniert.

Wachstum

Trotzdem ist die finanzielle Lage nicht mit jenen der etablierten Medien in Ägypten zu vergleichen. Budget für Reisen gibt es nicht, diese werden aus der eigenen Tasche finanziert. Den Expansionsbestrebungen hat das keinen Abbruch getan: Mittlerweile gibt es ähnlich organisierte Rassd-Seiten in Libyen, Tunesien, Algerien und weitere sind geplant. Nabil: "Wir erklären den Aktivisten vor Ort die Technik und wie sie Nachrichten veröffentlichen, den Rest machen sie selbst vor Ort."

Rassd ist aber nicht gänzlich unumstritten. Wie genau die Eigentümerstruktur aussieht ist nicht bekannt. Mahmoud will dazu nur soviel sagen: "Wir sind nur eine Gruppe von Jugendlichen, die die Seite betreibt."

Auch ihr journalistisches Selbstverständnis unterscheidet sich von traditionellen Medien. Dass Rassd eine politische Agenda hat, daraus machen die beiden Journalistinnen keinen Hehl. Die Frage, ob sie sich mehr als Aktivisten denn als Journalisten sehen, verwirrt anfänglich. Mahmoud: "Wir sind beides, das sind nicht zwei gegensätzliche Dinge. Man kann ja an der Revolution teilnehmen und gleichzeitig Fotos und Videos machen." Nabil: "Journalisten, die in traditionellen Medien arbeiten, müssen unabhängig sein und nur berichten, was passiert. Doch unsere Initiative ist aus der Revolution geboren. Wir sind unabhängig, aber unser Statut besagt, dass wir die Revolution unterstützen." Widersprüche sehen die beiden Journalistinnen darin nicht. Auf die Frage, ob Rassd denn dann nach der Revolution überhaupt noch eine Existenzberechtigung habe, antwortet Nabil: "Die Revolution dauert noch immer an." (Stefan Binder, derStandard.at, 26.9.2012)

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8 Postings
assia zeidan

Wenn mann richtig beobachtet Es gibt große unterschied zwischen Rassd Facebook Seite in Arabisch und in Englisch. ich habe mir gerade die Seite in arabisch angeschaut ich war total schockiert, die beschreiben die Terroristen ob die Engeln und Helden sind Die Unterstützen Al Gehad und Selbstmord Prinzipes im namens Gottes, Abo el fetoh President Kandidat er ist eine von moslembrüder obwohl er das jetzt verneint war oft in Österreich genau so in Deutschland und Natürlich London , diese radikalen haben da in Europa große Einfluss auf die Ägyptische Moslime da, diese Terroristen nutzen Toleranz und Freiheit in Europa aus, Sie arbeiten gemeinsam mit salafiten und al Gehad Groppen Teilen die gleichen Ziele, bilden die islamische Nation!

Ich poste hier nur dem Stefan Binder zuliebe.

shabakat rasd masr steht der muslimbruderschaft sehr nahe. das war während bzw. eine zeit lang nach der revolution sofort deutlich zu erkennen, ist jetzt aber mehr als offensichtlich. das network arbeitet professionell, so wie der ganze medienapparat der ikhwan gut geölt ist. ist eigentlich allgememeinwissen, wenn man sich mit der region beschäftigt.

ach, von denen haben wir das wissen, das der arabische fruehling aus liberalen, demokratischen, twitternden, bloggenden, facebookenden, menschenrechtelnden jugendlichen besteht.

Jedenfalls stehen die genau dafür! Sind liberale, twitternde, bloggende Menschen mit prinzipiellem Verständnis für die Menschenrechte denn in Österreich die prominente Mehrheit?

Ein paar Jahre (bzw. Generationen), um ihre vergangenheit zu überwinden, wird man auch diesen Staaten zubilligen müssen, war ja in Österreich nach 1945 nicht anders (und sogar hier sind einige noch nicht angekommen)...

wenn man in die richtige richtung geht kommt man irgendwann an. und welche richtung die richtige ist, das weiss nur der harte kern der politisch korrekten.
und die geschichte bewegt sich in zyklen, wir leben seit ein paar jahren wieder in einer zeit, in der faschismus eine sinnvolle weltanschauung ist.
das alles ist aber kein grund, dass unsere medien so einen schmarrn ueber all die sachen geschrieben haben.

erinnert mich ein wenig an indymedia, nur erfolgreicher

Mia ham die KRONENZEITUNG!

;-)

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