"Vor Big Data kann man sich nicht verstecken"

Soziale Netze, Websuche, Verkehrsinfos in Echtzeit: In der digitalen Welt fallen immer mehr Daten an

Der Mensch hat den Ruf als Jäger und Sammler. Das Jagdfieber heizt sich heutzutage zwar meist nur zu Gesellschaftszwecken auf, dafür kann in einer digitalen Welt rund um die Uhr gesammelt und vorrätig gehalten werden: Daten.

Kapazität von rund 60 Milliarden Tabletcomputern

Allein heuer werden Daten gesammelt, zu deren Speicherung man umgerechnet die Kapazität von rund 60 Milliarden Tabletcomputern wie dem Apple-iPad oder dem Samsung-Galaxy-Tab benötigen würde. Aufeinandergestapelt ergäben diese Geräte eine Wand mit einer Höhe von 31 Metern und einer Länge von 4000 Kilometern. Das ist immerhin die Hälfte der chinesischen Mauer.

Eine Menge, die sich laut Martin Hammerschmid in der nächsten Dekade verfünfzigfachen wird. Was ihm als Geschäftsführer von EMC Österreich, einem Unternehmen, das mit Datenspeichern und -Lösungen sein Geld verdient, dabei nicht gefällt: 80 bis 90 Prozent aller digital erfassten Informationen, die wir mit E-Mails, in sozialen Netzen, beim Einkaufen an der Kasse erzeugen oder die von der Kommunikation zwischen Endgeräten (Internet der Dinge) stammen, seien nicht in klassischen Datenbanken abgelegt. Und lassen sich damit nicht aus- und zu Geld verwerten. Noch.

Trash nach dem Treasure

Das Zauberwort heißt Big Data und soll nach Cloud-Computing das nächste große Ding der Informationsgesellschaft werden. Mit neuen Technologien soll die Datenflut gebändigt werden, Unternehmen durch ihre Analyse Wettbewerbsvorteile und neue Geschäftsmodelle lukrieren, die Wissenschaft automatisiert Hypothesen bilden können. Für Hammerschmid steht jetzt schon fest: "Davor kann man nicht wegrennen oder sich verstecken." Für ihn ist es Ziel von Big Data, "in all dem zu suchen, um damit das Leben der Menschen einfacher zu machen und ihnen innovative Produkte zu bescheren."

Zur Anschauung nennt der EMC-Manager folgendes Beispiel: Marktforscher arbeiteten heute noch großteils mit dem Uralt-Paradigma der Befragung. Erst würden Leute wochenlang befragt und die erhobenen Informationen dann zeitaufwändig analysiert. "Das ist Vergangenheit: Mit Big Data können Meinungen, Interessen genauer und gezielter erforscht werden, indem etwa Daten aus Twitter, Facebook und Medien zeitnäher untersucht werden - und das zu geringeren Preisen."
Riesenchance ...

Wer mit Big Data richtig umgeht, kann davon profitieren, wollen auch die Experten von McKinsey herausgefunden haben: Der amerikanische Gesundheitssektor könnte seine Effizienz deutlich verbessern. Das Volumen wird auf 300 Milliarden Dollar pro Jahr beziffert. Handelsunternehmen wären in der Lage, ihre operative Marge um bis zu 60 Prozent zu verbessern. Europäische Behörden könnten durch effizientere Prozesse jährlich bis zu 250 Milliarden Euro einsparen. Mithilfe von Lokalisierungsdaten ließen sich weltweit jährlich rund 100 Milliarden Dollar mehr Umsatz erzielen. EMC versucht daher, ebenso wie die Konkurrenz von IBM, Hewlett-Packard, Hitachi und Netapp, daraus ein veritables Geschäftsmodell zu machen.
... oder Riesenrisiko

Was der Traum der Big-Data-Industrie und ihrer potenziellen Kunden ist, ist der Albtraum für Datenschützer. Die meisten Daten des neuen Rohstoffs der Informationsgesellschaft stammen von Individuen. Natürlich müsse das Ganze auch demokratisch legitimiert sein, meint dazu Arno Scharl, Professor für New Media Technology an der Wiener Privatuni Modul. In Österreich sei klar geregelt, was man mit Nutzerdaten tun dürfe. Klar sei auch mit Big Data eine "business-ethische Frage" verbunden, meint EMC-Manager Hammerschmid: ob man Big-Data-Tools zum Kundenwohl oder als bloße Abzocke nutze. Gleich wie: Anbieter wie EMC sehen sich ohnehin nur als "Helfer", die Daten auszuwerten. (Karin Tzschentke, 25.09. 2012)

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