Heilsversprechen mit Haken

Kommentar |

Die von Experten geforderte Pensionsreform hat einen blinden Fleck

Pensionsguru Bernd Marin hat recht: Man will das alles nicht mehr hören. Seit Jahrzehnten warnen Experten vor dem Kollaps der Altersversorgung. Also stoppeln Regierungen mühselig mehr oder minder große Reformen zusammen - doch am Ende ist alles wieder nichts wert. Der Ruf nach der Rettung der Pensionen ertönt genauso laut wie zuvor.

Nun soll mit dem Herumeiern Schluss sein. Eine Gruppe von Wirtschaftsweisen verheißt die ultimative Pensionsreform: Wagt die Regierung einen radikalen Schnitt, könne sie das System ein für alle Mal sanieren.

Die Argumente dafür sind altbekannt. Weil die Lebenserwartung steigt, müssen die Erwerbstätigen immer mehr Pensionisten erhalten. Die Versicherungsbeiträge reichen dafür längst nicht aus - Jahr für Jahr muss der Staat mehr Steuergeld zuschießen. Dass die Österreicher deshalb länger arbeiten sollten, hat sich sogar bis in die Gewerkschaft herumgesprochen. Immerhin hat die Regierung in den letzten Sparpaketen versucht, Wege in die Frühpension zu versperren.

Den Experten reicht das nicht. Sie fordern ein Modell, dessen simple Grundidee bestechend klingt: Jeder Versicherte bekommt nur noch so viel Pension, wie er in seinem Arbeitsleben eingezahlt hat, wobei die Beiträge entsprechend der Wirtschaftsleistung verzinst werden. Das Antrittsalter kann nach eigenem Gutdünken gewählt werden - nur muss ein Frühpensionist die finanziellen Folgen in Form einer niedrigen Rente selbst tragen.

Hacklerregelung adé

Teure Frühpensionsvarianten auf Kosten der Allgemeinheit wie die mittlerweile abgespeckte Hacklerregelung wären damit passé. Der Staat soll nur mehr Geld zuschießen, um eine Mindestpension zu garantieren und die Versicherung für besondere Ausfallzeiten wie etwa Kindererziehung oder Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Entscheidender Effekt: Um aufs gleiche Pensionsniveau zu kommen, müssen die Leute künftig um Jahre länger arbeiten als bisher.

Nur leider - und das ist der Haken - können sich das viele Werktätige in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit nicht aussuchen. So manches Unternehmen drängt gezielt betagte und damit teure Bedienstete in den Ruhestand, tut nichts für Weiterbildung und altersadäquate Arbeitsplätze. Es wäre deshalb unfair, den Arbeitnehmern allein die Kosten für die Frühpension aufzuladen. Dringend nötig sind Pönalen für die schwarzen Schafe unter den Firmen. Eine Reform, die Menschen für jedes frühe Pensionsjahr bestraft, obwohl diese keine echte Wahl haben, wäre nichts anderes als eine kaltschnäuzige Leistungskürzung.

Auf einen grünen Zweig kamen die Kapazunder in dieser Frage nicht - auch Experten garantieren eben keine allgemeingültige, ideologisch neutrale Meinung. Einseitig an einer Schraube zu drehen, reicht aber nicht: Um ältere Leute im Job zu halten, braucht es vielfältige Reformen - von Erleichterungen für Berufsumsteiger bis zur Abflachung der Verdienstkurve, die gealterte Arbeitnehmer zu teuer macht.

Ein erfreulicher Konsens hat jedoch Gestalt angenommen. Wollten einstige Reformer Pensionisten in spe an die Börse schicken, spielt die private Vorsorge am Kapitalmarkt im neuen Expertenkonzept keine Rolle mehr - und das zu Recht: Die Krise hat diese Form der Altersversorgung als notdürftig abgesichertes Glücksspiel enttarnt. Ziel sollte eine Renaissance des staatlichen Systems sein, das - wie Marin feststellt - zu Unrecht totgesagt wurde: "Natürlich ist es finanzierbar."  (Gerald John, DER STANDARD, 25.9.2012)

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