Die Reise in die Ohnmacht

Sabina Zwitter
24. September 2012, 18:17
  • Die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation wird vor Augen geführt: Agnes Hausmann in der "Winterreise" am Klagenfurter Stadttheater.
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    foto: johannes puch

    Die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation wird vor Augen geführt: Agnes Hausmann in der "Winterreise" am Klagenfurter Stadttheater.

Mit fünf jungen, grandios agierenden Schauspielern brachte Marco Storman Elfriede Jelineks "Winterreise" zur intensiven Aufführung

Klagenfurt - Ein junger Mann tritt im grellen Probenlicht auf die Bühne, öffnet ein Buch und beginnt einen Text vorzutragen. Nach ein paar Augenblicken mutiert der Schauspieler im Theaterspot zum eindrucksvollen Wanderer in Elfriede Jelineks Winterreise. Nicht personifiziert, aber als unverwechselbarer Suchender führt er im Stadttheater Klagenfurt durch den von Franz Schubert inspirierten Text der österreichischen Nobelpreisträgerin.

Eine Winterreise, die wieder ins Bewusstsein ruft, dass Elfriede Jelinek nicht Literatur um ihrer selbst willen schafft, sondern dass sie mit ihrer unvergleichlichen sprachlichen Kraft gesellschaftliche Entgleisungen anprangert und wie selbstverständlich Partei für die Sprachlosen und Ohnmächtigen ergreift. Der junge deutsche Regisseur Marco Storman hat das Stück als eine Parabel mit fünf grandios agierenden Schauspielern (Claudio Gatzke, Katarina Hartmann, Agnes Hausmann, Katharina Schmölzer und Markus Schöttl) auf die Überforderung und Machtlosigkeit der heutigen Jugend inszeniert.

Jelineks Winterreise, 2011 entstanden, führt den Protagonisten anfänglich nach Kärnten, wo die Braut "Hypo" aufgemascherlt und verkauft wird. Der Text, der ätzend die Finger auf Kärntner Wunden legt, wurde von der Realität mittlerweile überholt und wirkt, ob der kriminellen Entgleisungen im Süden von Österreich, jetzt schon fast harmlos.

Nächste Station der Winterreise ist ein virtueller Besuch bei der befreiten Natascha Kampusch, die den von Neid durchtränkten Durchschnittsbürgern die Show stiehlt und deren Leid aus diesem Grund schamlos verharmlost und infrage gestellt wird. Neid, dessen Wurzeln in der Vereinsamung und der Sehnsucht nach Anerkennung liegen. Nie besser inszeniert und von den Schauspielern betörend schön gesungene Kärntnerlieder beklagen die tragischen Realitäten im Land.

Storman, der in Deutschland als Kind eines slowenischen Migranten aufwuchs, setzt Elemente aus der Traditionsschachtel derart perfekt ein (Perchtentrachten), dass man annehmen möchte, dass hier ein Hiesiger das Regieszepter in der Hand hatte. Doch da entrollt die Crew das Transparent mit dem Text "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus".

Absterben der Sinne

Die Globalisierung als Gegenbewegung zu nationalen Gebärden ist gescheitert. Menschen, die sich abschotten und das Fremde zum lustvoll inszenierten Abgrenzungsdiskurs stilisieren. Geräuschcollagen, Wortfetzen aus Funk und Fernsehen konterkarieren den Text Jelineks und rücken zugleich diese Geräuschkulisse, der niemand mehr entfliehen kann, ins Bewusstsein. Das Absterben der Sinne - befördert durch die endlosen Möglichkeiten im Internet. Der ohnmächtige Mensch, der überall mithalten und gefallen möchte und zeitgleich an der Konstruktion der eigenen Identität scheitert.

Die jungen Darsteller führen durch ihre treffende, authentische Interpretation des Jelinek-Textes die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation vor Augen. Jugendliche, die allem gewachsen sein sollen und damit vollkommen alleine gelassen werden. Stormann hat sich gegen den autobiografischen Strang im Text entschieden. Und trotzdem ist die Klagenfurter Winterreise eine intensive, unterhaltsame und aufrüttelnde Verbeugung vor der Dichtung Jelineks.   (Sabina Zwitter, DER STANDARD, 25.9.2012)

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