Algerien: Der geplatzte Scoop

  • Protest gegen "Innocence of Muslims", Algier, 14. September 2012
    foto: reuters/louafi larbi

    Protest gegen "Innocence of Muslims", Algier, 14. September 2012

Verschwörungstheorie über Christopher Stevens, Bernard-Henry Levy und "Sam Bacile"

Was wäre Algerien ohne Verschwörungstheorien. Die für ihren Sensationsjournalismus bekannte und gern gelesene Tageszeitung Ennahar wartete vergangenen Woche mit einem Scoop ganz besonderer Art auf. Der in Libyen ermordete US-Diplomat Christopher Stevens habe Sam Bacile, den Produzenten des Mohammed-Films, der überall in der islamischen Welt für teils gewalttätige Proteste sorgte, persönlich gekannt.

Der Beweis: ein Foto auf dem Stevens zusammen mit dem "pro-israelischen", "zionistischen" Philosophen Bernard-Henry Levy aus Frankreich, sowie einem Mann mit weißem Haar zu sehen ist. Bei diesem handle es sich um Sam Bacile, oder besser gesagt um Nakoula oder Basseley oder wie immer der Macher der Streifens "Innocence of Muslims" wohl tatsächlich heißt. "Das Bild wurde auf Internetseiten und bei Facebook gefunden", erklärte die Ennahar-Redaktion.

Die Antwort der USA ließ nicht lange auf sich warten. Am Foto sei "herumgedoktort" worden, lautete die Reaktion der amerikanischen Botschaft in Algier. Der Artikel sei völlig "erfunden". Die Botschaft forderte die Zeitung Ennahar auf, den Artikel sowie das Foto von der Webseite zu löschen und "keine weiteren Gerüchte zu streuen, die zu Missverständnissen und gewalttätigen Reaktionen führen können".

Ennahar blieb hart - erst einmal. "Wir müssen keine Fotos fälschen, um den Propheten und den Islam zu verteidigen", hieß es. Das Anliegen sei es gewesen, "zu informieren und nicht das Andenken von Botschafter Christopher Stevens zu schädigen, der das Opfer eines feigen Mordanschlages war, den die Zeitung verurteilt".

Am Donnerstag dann kam die unerwartete Auflösung der Affäre. Ennahar gab kleinlaut bekannt, dass der Scoop keiner war. Beide Seiten - Redaktion und US-Botschaft - lagen falsch. Das Foto der drei Männer beim Frühstück war tatsächlich echt. Und es zeigt tatsächlich Botschafter Christopher Stevens und Bernard-Henry Levy. Aber bei der dritten Person am Tisch handelt es sich nicht um Sam Bacile. Es ist ein Reporter der französischen Tageszeitung Liberation. Ennahar nahm den umstrittenen Artikel und das Foto von der Webseite.

Das Foto gibt es hier zu sehen: http://www.leparisien.fr/images/2012/09/21/2174845_bhl-bacile-ambassadeur_640x280.jpg (Reiner Wandler, derStandard.at, 24.9.2012)

 

 

 

 

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