"Final Cut": Gerechtigkeit für "Heaven's Gate"

Karl Gedlicka
10. Oktober 2012, 13:43

Michael Ciminos berühmt-berüchtigter Spätwestern kommt in einer restaurierten Fassung heraus. Eine sehenswerte Doku zum Film ist im Netz verfügbar

"An unqualified disaster." Das vernichtende Urteil, mit dem Vincent Canby, enorm einflussreicher "Make-or-break"-Kritiker der "New York Times", Michael Ciminos Film "Heaven's Gate" bei seiner desaströsen New Yorker Premiere im November 1980 bedachte, gehört längst wie viele andere Superlative zum medialen Mythos dieses berühmt-berüchtigten Spätwesterns. Als einer der "größten Flops der Filmgeschichte", der das Filmstudio United Artists in den Untergang getrieben und das Ende der Ära des New Hollywood besiegelt habe, wurde die Produktion wiederholt bezeichnet. Statt ursprünglich geplanter elf soll sie rund 44 Millionen Dollar verschlungen haben.

Gefährliches Land

Dass dem Film, anders als in Europa, in den USA bis heute wenig Wertschätzung zuteilwurde, mag nicht nur am seinerzeit vorrangig thematisierten Produktionsdebakel liegen. Mit seiner melancholischen Erzählung vor dem Hintergrund des Johnson County War, in dem Großgrundbesitzer versuchten, osteuropäische Einwanderer gewaltsam zu vertreiben, musste sich der Film zwangsläufig wie ein Störfaktor in der beginnenden Reagan-Ära ausnehmen. "It's getting dangerous to be poor in this country", sagt jemand im Film. "It always was", lautet die ungemütliche Antwort.

Die wohl differenzierteste Darstellung der Produktionsgeschichte von "Heaven's Gate" stammt mit Steven Bach ausgerechnet von jemandem, der wegen des Films als Senior Vice-President von United Artists gefeuert wurde: Mit seinem 1985 erschienenen, ebenso spannenden wie aufschlussreichen Buch "Final Cut: Art, Money, and Ego in the Making of Heaven's Gate, the Film That Sank United Artists" lieferte er auch die Vorlage für die 2004 gedrehte Doku "Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven's Gate".

Das abendfüllende Making-of, für das Filmemacher Michael Epstein mit Hauptdarsteller Kris Kristofferson einen vehementen Verteidiger von "Heaven's Gate" vor die Kamera bat, kann als Indiz für eine ansatzweise Neueinschätzung auch in den USA gesehen werden. Mittlerweile gibt es eine Facebook-Seite, die sich für eine Rehabilitierung von "Heaven's Gate" starkmacht. Und im November erscheint in den USA nun eine vom Edel-DVD-Label Criterion und Regisseur Cimino restaurierte und autorisierte Fassung auf DVD und Blu-ray. Epsteins sehenswerte "Final Cut"-Doku wird darauf zwar nicht zu finden sein, kann aber in acht Teilen im Netz abgerufen werden.

Festivalerfolg

Gezeigt wurde die restaurierte Fassung von "Heaven's Gate" in Anwesenheit Ciminos unter anderem bereits bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig. Dort machte der Regisseur, dessen Karriere nach "Heaven's Gate" ins Stocken geriet, kein Hehl aus der traumatischen Erfahrung, die sein dritter Spielfilm für ihn bedeutete:  "I've had enough rejection for 33 years. I don't need more. Being infamous is not fun. It becomes a weird kind of occupation in and of itself."

Bei der Vorführung vor wenigen Tagen am New York Film Festival war neben Cimino auch Kristofferson im Publikum. Gegenüber der "New York Times", die den Film einst in Grund und Boden stampfte, wies der Schauspieler erneut auf Ablehnungsgründe jenseits des Einspielergebnisses hin. Immerhin konnte der damals am Filmgeschäft bereits desinteressierte Mutterkonzern von United Artists den "Heaven's Gate"-Flop innerhalb weniger Tage ohne gravierende Folgen abschreiben. Ronald Reagans Justizminister William French Smith hatte indessen die Losung ausgegeben: "There should be no more pictures made with a negative view of American history." Für Kristofferson ist das "Heaven's Gate"-Debakel denn auch ein klarer Fall: "It was a political assassination." (Karl Gedlicka, derStandard.at, 10.10.2012)

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20 Postings
Wir knien

Nach einer lieblosen DVD Veröffentlichung macht die Mutterfirma der grossen DVDS(Criterion) ernst.Als stolzer Besitzer kann ich nur sagen:Grossartiges Bild,guter Ton und tollle Specials.
Das ideale X-mas Geschenk-aber Vorsicht nur für Code Free Blu Ray Player oder DVD Player.

Großartig!

Ich kannte diese FIlmreihe vorher nicht. Finde sie wunderbar. Aber scheinbar liefert Criterion nicht nach Österreich. Woher also nehmen und nicht stehlen?? Für Hilfe wär ich dankbar!

Ein großer Film

Ich persönlich halte ihn für einen der Höhepunkte des amerikanischen Kinos: eine epische und erbarmungslose Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, eine bittere Abrechnung mit dem Selbstbild des Anmerikaner und der Mythologie des Westerns. Dazu kommen die ungewöhnlich genauen sprachlichen Nuancen, das slawische Element mit dem die Grenzen zwischen WASPs und Osteuropäern in den Prärien von Montana gezogen werden, der unterschwellige Antisemitismus usw.
So dunkel und düster, wie man heutzutage nur noch Momente in "Breaking Bad" erlebt.
Cimino hat den Film gemacht, den er machen wollte, in den USA kann man diese Kritik wahrscheinlich erst heute verkraften.

Macht aber nichts, der Film ist ein Meisterwerk.

"Macht aber nichts, der Film ist ein Meisterwerk."

Sehe ich auch so. Ich habe den Film nur einmal und das vor ewig langer Zeit gesehen, aber die Bilder von Michael Cimino und der Aufbau des Films sind absolut meisterhaft. Interessanterweise kann ich mich an einzelne Schauspieler und -innen dagegen fast gar nicht mehr erinnern. Isabelle Hubert war zB beim ungefähr ein Jahr später herausgekommenen Film "Der Saustall" viel präsenter. Aber ich vermute mal, die Zurücknahme ausgezeichneter Schauspieler- und -innen war vom Regisseur so intentiert.

Für mich ist "Heaven's Gate" ein Klassiker. Großartige Bilder, eine ganz eigene Atmosphäre, gute Schauspieler, interessantes Thema.
Dass die Amis den Film so verrissen, konnte ich mir nur mit einer kollektiven Blödheit erklären.

Heaven's Gate

ist zweifellos ein guter Film. Aber er ist für mich definitiv kein großer Film. Ich fürchte, das wird auch diese restaurierte Fassung nicht dramatisch nach oben verbessern.

Natürlich völlig zu Unrecht verrissen, aber, dass man ihn jetzt so hochjubelt verstehe ich nur zum Teil.

Aber man muss ja nicht alles verstehen

großer film, der aber unter der fehlbesetzung isabelle huppert und entsprechend kitschigen liebesszenen leidet (die kristofferson/huppert-szene am fluss z.b. ist ganz übel).

Ich finde den Film gut.

Es blieb mir aber immer ein Rätsel wo genau die 44 Mio Dollar verbraucht wurden. Man nehme zum Beispiel das Epos 1900. Das kostete 8 Mio. Da sind 44 Mio für den Film völlig unvorstellbar.

Zum Beispiel musste das Städtchen in dem Film komplett auf einem Holzboden errichtet werden, der nachher wieder abgebaut wurde, weil die Dreharbeiten in einem Naturschutzgebiet stattfanden und keine Spuren hinterlassen durften. Und wenn ich mich nicht täusche, war auch die ganze Logistik (weil sehr viel im Gebirge und nicht im Studio gedreht wurde) sauteuer.

Aber aus heutiger Sicht sind 44 Millionen Dollar eh ein Schnäppchen. ;-)

Wahnsinnsfilm

Wie die reich gewordenenen Nachfahren von Einwanderern die neuen (armen) Einwanderer abknallen lassen. Keine Wunder, dass diese Nuance des Wild West - Mythos in den USA nicht gern gesehen wurde/wird.

Kann ich nur zustimmen. Ich habe ihn seinerzeit im (Wr. Künstlerhaus-)Kino gesehen und muss sagen, dass nicht wenige Szenen des Films bis heute in meinem Kopf herumgeistern. Die spinnen, die Amis.

Ein sehr lesenswerter, hervorragend geschriebener und recherchierter Artikel über Michael Cimino:

http://www.vanityfair.com/hollywood... cut-200203
So sieht professioneller, intelligenter Journalismus aus. Klug geschrieben, sensibel, zugleich mutig und investigativ, aber ohne jegliche Häme oder Verachtung (wie leider alpenrepublikanisch typisch sind).

Ein Meisterwerk …

… wie man es nur selten im Kino erleben darf. Meiner Meinung nach in einer Liga mit Viscontis "Leopard".

Teilweise ist der Effekt etwas überspannt, aber o.k. das ist er ja bei so gut wie allen heutiegn Filmen a la Transformers etc., und finden die Leute das ganz super.

Mit kleineren Filmen wie McCabe und Mrs. Miller von Altman (nenne ich wegen der gemeinsamen Kapitalismusschelte) kann er sich nicht recht messen. Gut ist er trotzdem.

ich mag den film.

zufällig letzte woche versucht anzusehn...

3 1/2 stunden druchhaltevermögen.

in einer Welt, die meint, sich per Twitter

und Facebook am laufenden zu halten, wird man geneigt sein, auch Tolstois Krieg und Frieden in einer Twitterkurzfassung lesen zu wollen.

Nun, wer sich diesem Werk lesend nähert und dann auch noch Ciminos Heavens Gate, der wird merken, dass es mehr gibt als das "auf den Punkt kommen".

Beide Werke stehen in ihrer Qualität nebeneinander, aber zumindest Tolstoi hatte in seiner Zeit die entsprechende Anerkennung. Auch heute noch, denn es ist nun mal Weltliteratur.

Heavens Gate kam einfach zur falschen Zeit. Disko war angesagt, Grease und Saturday Night fever - obschon Letzteres gar nicht so schlecht - traf eben den Zeitgeist.

Und man musste nicht denken, auch nicht Stellung beziehen. Das muss man bei Heavens Gate.

Disco, 1980?

Darf ich Falco zitieren:

'Brot und spiele sind gefragt
No future" extrem angesagt
New wave, new wave
New wave, new wave
New wave, new wave'

Richtig, denn als "Heaven's Gate" herauskam, lag schon Reagan in der Luft.

Und ein völliger Trendwechsel. Die Seventies waren vorbei, das Vietnam-Trauma wurde einfach verdrängt, es ging wieder um Stärke und Machtgebaren.
Zugleich war New Hollywood am Ende. Die Blockbuster-Zukunft mit Leuten wie Spielberg oder Lucas hatte längst begonnen.

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