Von Waldnymphen und Holzbauten

Das 13. Sibelius Festival im finnischen Lahti

Dass sich das Musikleben eines Landes nicht auf die Hauptstadt beschränkt, versteht sich von selbst. Aber dass es einer nicht sonderlich attraktiven Provinzstadt gelingt, einer ganzen Nation den wichtigsten Komponisten quasi zu "entführen", in dem es das einzige (!) nur ihm allein gewidmete Festival veranstaltet, ist schon ein einzigartiger Umstand. Vor allem, wenn besagtes Nestchen nicht einmal irgendeinen biografischen Bezog zum allseits verehrten Meister (geboren wurde er in Hämeenlinna, studiert hat er in Helsinki und gelebt in Ainola) aufzuweisen hat.

So geschehen in Lahti, einer sonst (bis auf die Skischanzen und die Langlaufturniere) nicht weiter erwähnenswerten, 100.000 Einwohner zählenden, (ehemaligen) Industriestadt, 100 Kilometer nördlich von Helsinki. Wo soeben das mittlerweile schon 13. Sibelus Festival stattfand.

Finnischer Komponist schlechthin

Janne (Jean) Sibelius (1865 - 1957), ist ja der finnische Komponist schlechthin, weil man mit seinem Namen, seinem Engagement, seinen archaischen Themen (Kalevala etc.) gewidmeten Werken den gewonnenen Kampf um die kulturelle Unabhängigkeit von Schweden und Russland verbindet.

Ein Nationalheld. Ein Synonym für Finnland. Ein Name, den jedes Kind kennt. Ein Name, den man auf der ganzen Welt kennt. Ein Begriff. Eine Marke. Ein Gott. So bekannt und beliebt, dass seine Kammermusik gelegentlich sogar in normalen finnischen Haushalten nach dem wöchentlichen Saunabesuch erklingt.

Umso erstaunlicher also, dass in der Hauptstadt Helsinki niemand auf die Idee gekommen war, für dieses populäre "monstre sacré" ein eigenes Festival zu gründen.

Lahti erkannte klug diese Lücke und fährt seither gut damit. Man hat dafür sogar in ein desolates Industriegebiet (das aber an einem sehr schönen See liegt) eine neue Konzerthalle (mit toller Akustik) hingestellt. Dem genius loci (der früher hier ansässigen Betriebe) entsprechend ganz aus Holz und Glas. Und gleich auch noch einige der weltberühmtesten Architekten (Renzo Piano, Peter Zumthor, Kengo Kuma, Richard Leplastrier, Bijoy Jain,etc. ) angestiftet, drumherum einen kleinen, feinen, ständig wachsenden Architekturpark zum Baumaterial Holz (einen Cafépavillon, eine Bushaltestelle, eine Skulptur, eine Aussichtsterrase, ein Openairtheater,etc.) zu errichten.

Sibelius als Change-Agent, als Gentrifizierungs-Pate, als Stadtplanungs-Vorwand. Eine durchaus beeindruckende Entwicklung, die es aus einer selbst für Lahtianer unbetretbaren Sperrzone ein nunmehr beliebtes Naherholungsgebiet gemacht hat.

Patriot und Mystiker

Das heurige Festival stand unter dem Motto "Sibelius - Patriot und Mystiker". Das Lahti Symphony Orchestra unter seinem neuen Chefdirgenten Okko Kamu brachte dabei, wie es sich für ein monografisches Festival gehört (und was den Charme und das Verdienst solcher Veranstaltungen ausmacht) nicht nur Renner wie "Tapiola" und die "Karelia-Suite" zur Aufführung, sondern hauptsächlich weniger bekannte Werke.

In die Kategorie "Patriot" fielen dabei in erster Linie die selbst für Sibelius-Fans sehr gewöhnungsbedürftigen Kompositionen für Männerchor und Orchester mit den schon auf dem Papier sehr seltsam klingenden Titeln wie "Die Bräute der Stromschnellen-Fahrer" sowie die "Historischen Szenen I und II" und der "Marsch für das Finnische Jägerbataillon".

In die Kategorie "Mystiker" fiel hingegen außer "Pan und Echo" und "Schwanenweiß" die absolut sensationelle (mit langen, minimalistischen Klangfeldern durchsetzte) Ton-Dichtung "Die Waldnymphe ", ein kühnes, zentrales Jugend-Werk, dessen Wiederentdeckung nach jahrzehntelanger Vernachlässigung 1996 den Ruhm des Lahti Symphony Orchesters begründet hat.

Nächstes Jahr wird man sich Sibelius' Theatermusiken vornehmen. Und bis zum großen Sibelius-Jahr 2015 (150.Geburtstag) werden sämtliche Symphonien ein zweites Mal für das schwedische Label Bis eingespielt sein. Einen kleinen Vorgeschmack davon wird man beim Gastspiel des Lahti Symphony Orchetras im Mai im Wiener Konzerthaus (2.Symphonie) erhalten. (Robert Quitta, derStandard.at, 24.9.2012)

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