Duve: Gedankenlosigkeit macht Massentierhaltung erst möglich

Interview |
  • "Auf diese Art darf Fleisch nicht mehr hergestellt werden", fordert Autorin Karen Duve.
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    foto: © thomas müller

    "Auf diese Art darf Fleisch nicht mehr hergestellt werden", fordert Autorin Karen Duve.

Die deutsche Autorin über Täuschungsmanöver der Fleischindustrie und den Schmerz des Verzichts

Als Konsequenz blieb Karen Duve Vegetarierin: Für ihr Buch "Anständig essen" beschäftigte sich sie ein Jahr lang intensiv mit dem Thema Fleischessen. Menschen, die nicht völlig auf Fleisch verzichten wollen, verurteilt sie trotzdem nicht: "Mitgefühl und Moral sind ein Ideal. Aber jede Annäherung ist eine gute Richtung." Zudem werde der Konsument durch Produzenten und Politiker zu wenig informiert, wie Fleisch wirklich produziert wird. derStandard.at traf die Autorin am Rande des Philosophicums Lech, das unter dem Thema "Tiere: Der Mensch und seine Natur" Tierethik aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtete.

derStandard.at: "Gedankenlosigkeit macht Massentierhaltung erst möglich", schreiben Sie in "Anständig essen". Wie blenden die Menschen beim Essen aus, wie Fleisch produziert wird?

Duve: Weit mehr als 80 Prozent der Menschen wollen nicht, dass Tiere in Massentierhaltung leben müssen. Das geht aus vielen Umfragen hervor. Das hindert aber genau diese Menschen nicht daran, Fleisch aus Massentierhaltung zu kaufen. Es herrscht zwar ein Konsens in der Gesellschaft, dass Tiere nicht gequält werden dürfen. Aber gleichzeitig würden wir gerne so weiterleben wie bisher. Wir mögen keine Lösungen, die Verzicht beinhalten.

Was man isst, hat aber nicht nur mit Respekt gegenüber Tieren zu tun. Es geht auch um Selbstrespekt. Für die meisten Menschen ist es sehr wichtig, welches Handy sie haben und welchen Status es ihnen verleiht. Beim Essen wird plötzlich nicht mehr darauf geachtet. Da darf es das Billigste sein.

derStandard.at: Wenn Massentierhaltung den meisten Menschen nicht egal ist, setzt dann ein Verdrängungsmechanismus ein?

Duve: Bei so einfach Dingen wie Kochen oder Einkaufen schalten wir kaum den Verstand ein. Das meiste erledigen wir intuitiv. Wir sehen abgepacktes Fleisch und stellen keinen Zusammenhang her, dass dafür jedes Mal ein Tier leiden und sterben musste. Bunte Aufdrucke geben uns außerdem den Eindruck, dass alles in Ordnung ist. Auf der Eierpackung ist zum Beispiel ein Huhn abgebildet, das auf einem Strohballen sitzt. Wenn man aber eine Umfrage machen würde, ob die Leute wirklich glauben, dass das Tier so gehalten wurde, würden das die meisten verneinen.

derStandard.at: Soll der Konsument mehr Verantwortung übernehmen?

Duve: Wenn etwas zu wissen gleichzeitig bedeutet, darauf zu verzichten, dann verzichten die Menschen lieber darauf, es zu wissen. Der Konsum ist aber einer der wenigen Bereiche, in denen wir direkte Macht haben. Das hat man beim Boykott von Shell beobachten können, die eine Ölgewinnungsplattform versenken wollten. Als die Verbraucher begannen, Shell zu boykottieren, ist das Unternehmen schnell zurückgerudert. Es gibt eine direkte Konsumentenmacht, die man nicht unterschätzen soll.

derStandard.at: Ein Beispiel für die Macht des Konsumenten ist die Legebatterie. Hier gab es Verbesserungen für die Tiere. Aber wie Sie in Ihrem Buch schreiben, wird jedes dritte Ei in Deutschland verarbeitet verkauft, etwa in Keksen, Kuchen oder Nudeln. Hier fehlt die Kennzeichnung. Wie kann man bei all diesen Hintertüren im Supermarkt die Übersicht behalten?

Duve: Ich habe mich für relativ gut informiert gehalten, als ich den Selbstversuch gestartet habe. Aber ich war immer wieder schockiert und überrascht, wie schlimm es in der Massentierhaltung tatsächlich ist. Wenn es in Deutschland oder Österreich keine Legehennenbatterien mehr gibt, haben die Großhändler noch immer die Möglichkeit, diese Eier aus dem Ausland zu importieren.

Wenn die Branche schon keinen Respekt vor den Tieren hat, sollte sie wenigstens die Bedürfnisse der Konsumenten respektieren. Sie versuchen aber, nur den Eindruck zu erwecken, dass sie darauf eingehen würden. Das ist für mich ein Täuschungsmanöver.

derStandard.at: Viele Menschen betonen im Gespräch, dass sie nur noch Biofleisch essen. Was haben Sie bei Ihrer Recherche darüber herausgefunden? Steht man damit als fleischessender Konsument auf der sicheren Seite?

Duve: Ich möchte betonen, dass es für mich kein Kritikpunkt ist, wenn sich jemand Mühe gibt. Mitgefühl und Moral sind ein Ideal. Aber jede Annäherung ist eine gute Richtung. Ich finde es auch gut, wenn jemand sagt, dass er erst einmal nur weniger Fleisch ist. Verzicht tut weh, gerade bei einer so persönlichen Sache wie Essen.

Biofleisch ist aber leider oft nicht das, was man sich darunter vorstellt. In Wahrheit bedeutet es nur einen halben Quadratmeter mehr Platz. Die Rechnung ist einfach: Je billiger das Fleisch, umso mehr Qual steckt dahinter. Ein derart aufwendiges Lebensmittel wie Fleisch kann nicht so billig hergestellt werden, wie es bei uns im Supermarkt landet. Irgendwer muss zahlen: die Tiere oder die Arbeiter in den Schlachthöfen.

derStandard.at: Wir haben bisher nur von den Konsumenten gesprochen. Was erwarten Sie von der Politik?

Duve: Der Politiker ist aufgefordert, das durchzusetzen, was der Konsument will. Der Verbraucher müsste Verhaltensforscher, Biologe, Ehtikphilosoph sein und sich auch noch mit Hygienevorschriften auskennen, um moralisch und ethisch einwandfrei einkaufen gehen zu können. Denn: Was braucht ein Tier? Braucht es Auslauf, braucht es Tageslicht, braucht es Sexualität? Ist es für ein Tier nicht genug, wenn es drei Wochen lebt?

derStandard.at: Es gibt den Konsumenten, die Politik, aber auch den Hersteller. Bei der Auftaktdiskussion zum Philosophicum Lech sind Sie mit Clemens Tönnies am Podium gesessen. Er ist Geschäftsführer von Tönnies Fleischwerk, einem der größten Schlachtbetriebe in Deutschland. Sie haben von ihm mehr Verantwortung und ethisches Handeln gefordert. Was verlangen Sie außerdem von Herstellern wie Herrn Tönnies?

Duve: Auf diese Art darf Fleisch nicht mehr hergestellt werden. So ein Qualfleisch darf gar nicht erst in den Handel kommen. Es ist natürlich supernaiv, eine solch grundsätzliche Forderung zu stellen. Darum würde ich es erst gar nicht auf diese Art versuchen. Ich würde von den Menschen, die diese ganze Maschinerie des Leidens und des Todes am Laufen halten, Folgendes fordern: Gebt zu, dass es nicht so ist, wie ihr es darstellt.

Es werden derzeit zwei Seiten konstruiert und gegeneinander ausgespielt: die vernünftigen Verbraucher und die hysterischen Veganer. Doch es gibt in der Gesellschaft mittlerweile einen breiten Konsens: Wir ächten diese Art, Tiere zu behandeln. Die Hersteller stehen vielleicht noch juristisch auf der sicheren Seite. Aber moralisch stehen sie außerhalb der Gesellschaft.

derStandard.at: Im Gegenzug wird Vegetarismus immer mehr akzeptiert. Die "Zeit" etwa hat ihn zum Lifestyle der Intelligenz ausgerufen. Auch die Teilnehmer des Philosophicums Lech diskutierten dieses Jahr tierethische Fragen. Erfolgt schon ein Richtungswechsel zugunsten der Tiere?

Duve: Es gibt dieses Umdenken. Andere Vegetarier haben mir erzählt, dass die Reaktionen früher anders waren. Die Menschen haben sofort gefragt: Was isst du? Ist das nicht ungesund? Heute behauptet kein seriöser Arzt mehr, dass die vegetarische Lebensweise ungesund wäre. Heute fällt die Reaktion meiner Erfahrung nach anders aus. Die Menschen kommen ganz schnell in eine Defensive und sagen: "Ich esse auch schon viel weniger Fleisch."

derStandard.at: Den Menschen ist es schon klar, dass es nicht gut ist, so viel Fleisch zu essen.

Duve: Wir haben eine Entwicklung durchgemacht. Die Menschen haben lange gebraucht, um zu begreifen, dass wir nur eine Kultur unter vielen sind. Und jetzt bricht schön langsam durch, dass wir nur eine unter vielen Spezies sind. Und dass Lebewesen, die uns so ähnlich sind, unser Mitgefühl verdienen. Wir müssen uns ihnen gegenüber solidarisch und anständig verhalten. Es ist unwürdig für eine zivilisierte Gesellschaft, so mit Tieren umzugehen. Es ist barbarisch und grausam. (Julia Schilly, derStandard.at, 27.9.2012)

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