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Graz - Am Sonntag zu Mittag durfte man sich im Marathon-Camp Truth is concrete (siehe vorhergehende Seite) des Steirischen Herbstes stärken. Und zwar spirituell. Der ehrenwerte Reverend Billy und drei Mitglieder seiner Church of Stop Shopping hatten die "Gemeinde", die dicht gedrängt auf Erlösung hoffte, binnen Minuten aufgewärmt.
Mit dem Occupy-Motto "We are the 99 Percent" zogen zwei Sängerinnen und ein Sänger in den Black Cube ein. Dann folgte der Reverend. Und wie es sich für eine Gospel-Messe gehört, wurde bald geklatscht, mitgesungen (" Free Speech! Free Press! Free People!"), und hin und wieder ein affirmatives "Amen!" auf die Bühne geschmettert.
Reverend Billy, der sich kurz vor seinem Auftritt in der Herrentoilette noch einmal eine Ladung Haarspray in die Frisur geknallt hatte, sprach von der Apokalypse. Genau wie das auch "rechtsradikale Prediger machen, die sich so anziehen wie ich". Doch statt den Menschen Angst zu machen, wolle er ihnen Hoffnung und Mut zur Veränderung geben. "Changelujah" und " Occupylujah!" rufen Erleuchtete rundum.
Und diese Veränderung sei dringend nötig, denn das mit der Apokalypse stimme ja wirklich, sagt der Reverend und wechselte auf seiner virtuos gespielten Klaviatur vom Protest gegen den Konsumismus, der sogar das Ende der Welt noch vermarktet, zum Umweltschutz. "Diese Diskussion über globale Erwärmung sei etwas altmodisch", da der Klimawandel doch längst stattfindet. Es gehe tatsächlich schon ums Eingemachte, und er fürchte sich ganz konkret um die Zukunft seiner zweijährigen Tochter.
Dann kriegt die Ölindustrie ihr Fett ab, und man singt gegen eine Ölpipeline unter dem Hudson River in seiner Heimatstadt New York an. Dort hat Billy Talen, der hinter der Kunstfigur des Reverend steckt, sein Handwerk beeindruckend gelernt. Er ist witzig, eloquent, unterhaltsam und bringt mit seinen stimmgewaltigen Sängerinnen seine Botschaft leidenschaftlich rüber - ganz im Ernst. Dabei spielt er nicht nur herrlich mit der Dramaturgie manipulativer Prediger, während er diese entlarvt, er bringt auch den Staat an seine Grenzen.
So wurde er einmal verhaftet, weil er das "erste Gebot in belästigender Weise und zu laut" gerufen habe, wie er auf der Bühne erzählt. In Handschellen habe er sich zum Polizisten, der ihn abführte, umgedreht und gesagt: "Das ist Ironie! Kapieren Sie's nicht?" Die Camp-Teilnehmer kapierten es. Tosender Applaus. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 24.9.2012)
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