Entspannung statt Zorn um Mohamed

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Von der Bühne wurde gepredigt, während die Demonstranten
entspannt auf den Stühlen sitzen.
    foto: derstandard.at/hackl

    Von der Bühne wurde gepredigt, während die Demonstranten entspannt auf den Stühlen sitzen.

  • Kinder halten ein Transparent mit der Aufschrift "Prophet Gottes".
    foto: derstandard.at/hackl

    Kinder halten ein Transparent mit der Aufschrift "Prophet Gottes".

  • Kurzzeitig wurde auch getanzt, zur Musik eines religiösen Männerchors.
    foto: derstandard.at/hackl

    Kurzzeitig wurde auch getanzt, zur Musik eines religiösen Männerchors.

  • Viel früher als geplant war der Protest wieder vorbei.
    foto: derstandard.at/hackl

    Viel früher als geplant war der Protest wieder vorbei.

Nicht nur in Ramallah hatten die Menschen andere Probleme als die Ehre des Propheten

"Muslime sammeln sich zum Protest", titelte Die Zeit am Freitagmorgen. Anderswo wurde schon im Vorfeld ein Tag des Zorns der muslimischen Welt prophezeit. Massenproteste würden sich in vielen muslimischen Ländern gegen den Westen und das Mohamed-Video richten. Doch außer in Pakistan, wo es bei Protesten zu Toten kam, sah der Tag des Zorns mehr nach einem Tag der Entspannung aus. So als ob sich die angeblich erzürnten 1.6 Milliarden Muslime der Welt bewusst dazu entschieden hätten, den Prophezeiungen der Protesthungrigen Medienöffentlichkeit zu widersetzen. Gestresst wirkten nur die amerikanischen und französischen Botschaften und die Scharen an Sicherheitskräften, die sie bewacht haben.

Sitzprotest in Ramallah

Entspannung war am Freitag auch in Ramallah zu spüren, wo ein groß aufgezogener offizieller Tag zur Unterstützung des Propheten Mohamed mehr einer Gartenparty als einem Protest gleichkam. Bei Predigten und einem religiösen Männerchor haben dort wenige hundert Gläubige die Ehre des Propheten sitzend verteidigt und hin und wieder Fahnen mit dem Schriftzug des Propheten Gottes geschwungen. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) hat den als Festival beworbenen Protest unterstützt und damit versucht beim Thema Islam - das ansonsten eine Angelegenheit ist, die sich Islamisten auf die Fahnen heften - bei der Bevölkerung zu punkten. Dass nur wenige Leute gekommen sind zeigt in Ramallah und auch in Kairo - wo Karim el-Gawhary ganze 20 Demonstranten zählte - vor allem eines: die Leute haben andere Probleme.

Für immer mehr junge Palästinenser in Ramallah ist eines dieser Probleme die eigene Regierung und deren Unterstützung durch die Europäische Union und anderer Geldgeber, und die anhaltende israelische Besatzung von großen Teilen des Westjordanlandes, die durch diese Regierung indirekt mitgetragen wird, weil sie eng mit Israel zusammenarbeitet. Dass dutzende Aktivisten am Mohamed-Tag in Ramallah gegen die jüngste Aufwertung von EU-Handelsbeziehungen mit Israel und gegen die anhaltende EU-Unterstützung der Autonomiebehörde demonstriert haben, wurde am "Tag des Zorns" genauso von Mohamed-Berichten überschattet wie wahrscheinlich viele andere Nachrichten in der muslimischen Welt.

Muslime über den Kamm geschert

Die Rage in der sich die muslimische Welt nach dem Mohamed-Video befunden haben soll erscheint rückblickend vielmehr in den Köpfen der nicht-muslimischen Welt in Europa und den USA entstanden zu sein als auf den Straßen von Kairo und Tripoli. Mehr als drei Jahrzehnte nach Edward Saids einflussreichem Buch Orientalismus, sollten nicht nur wir Journalisten uns immer wieder an folgenden Satz aus dem Buch erinnern, wenn wieder Mal "Muslime" ihren Zorn gegen den "Westen" richten:

"Die entsetzlichen reduzierten Konflikte die Menschen unter vermeintlich einenden Überschriften wie "Amerika", "Westen", oder "Islam" zusammenwerfen, und kollektive Identitäten für eine große Zahl an Individuen schaffen, die eigentlich sehr unterschiedlich sind, müssen abgelehnt werden, und ihre mörderische Effektivität der Beeinflussung und Mobilisierung muss erheblich reduziert werden." (Andreas Hackl/derStandard.at, 23.9.2012)

Tipp: Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Meinungen unter Muslimen weltweit lohnt ein Blick auf die Umfrage des Pew Research Centers mit dem Titel "Die Muslime der Welt: Einheit und Diversität" (engl.)

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