Lovely To Look At

12. August 2003, 20:13
posten

Stärke, Verletzbarkeit, Verwirrung, Rebellion: "Dress Code" erzählt "unter Sternen" vom besonderen Verhältnis von Kleidung und Film

Geschichten von Stärke und Verletzbarkeit, Verwirrung und Rebellion: Mit neun ausgewählten Beispielen widmet sich die Reihe "Dress Code" bei "Kino unter Sternen" jenen Kinoerzählungen, die über das besondere Verhältnis von Kleidung und Film berichten.


Das Verhältnis zwischen Kino und Kleidung war immer schon eine Frage der Perspektive. Dass sich also vor allem zwischen Kino und Mode bald ein beinahe parasitäres Verhältnis herausbilden sollte, verwundert kaum - denn beider Absicht war es von Anbeginn, die Schaulust seines Publikums zu befriedigen, sich selbst auszustellen, den Blick des Zuschauers zu lenken und zu bannen.

Einzig konnte man im Laufe der Zeit manchmal rätseln, wer von beiden diesmal einen Schritt voraus gewesen war. Die großen Manieristen des Kinos setzten dabei oft alles auf eine Karte - und gewannen fast immer: Wenn Anita Ekberg in La dolce vita mit wehendem, schwarz-weißem Cape dem Flugzeug entsteigt, um später in ihrer wallenden Robe im Trevi-Brunnen zu tanzen, dann hat Fellini das nicht zuletzt seinem Kostümbildner Piero Gherardi zu verdanken.

Wenn Audrey Hepburn in Stanley Donens Funny Face im roten, schulterfreien Kostüm dahinschreitet oder sich in Breakfast at Tiffany's im stilbildenden kleinen Schwarzen die Brille nach oben schiebt, dann hat der Modeschöpfer Hubert de Givenchy persönlich Hand angelegt.

Die Allianz zwischen dem Kino und der hohen Schnittkunst hat bis heute so manche legendären Bündnisse gezeitigt: Hepburn und Givenchy, Deneuve und Yves Saint Laurent, aber auch Monroe und Travilla, der - wie etwa auch die großartige Irene Lentz - erst nach seiner Karriere als Filmkostümbildner seine Kreationen auf den Laufsteg brachte.

Kein Selbstzweck

Orry-Kelly, Adrian (dessen letzte Filmarbeit bezeichnenderweise jene zu Mervyn LeRoys und Vincente Minnellis Lovely To Look At war), Travilla - Namen, die natürlich auch bei "Dress Code" auftauchen - zeichneten als Schöpfer der Mode für die Kostüme von Filmen wie Jezebel (William Wyler), The Women (George Cukor) oder The Seven Year Itch (Billy Wilder) verantwortlich.

Doch "Dress Code" will die Leinwand nicht als Laufsteg verstanden wissen, denn Mode im Kino ist mehr als die ausgestellte Schönheit von Haute Couture. Sie ist vor allem im klassischen Hollywoodkino bestenfalls unmittelbarer und unscheinbarer Teil der Inszenierung, stellt sich den Figuren auf der Leinwand wie eine zweite Haut zur Verfügung.

Sie zeugt von Stärke und Kraft, von Verwirrung und Widerstand, von Verletzbarkeit und Demut. Wenn sich Joan Crawford in Nicholas Rays Johnny Guitar ihren lynchenden Verfolgern ergibt, dann tut sie das im weißen Kleid, das einsam aus dem Schwarz der Nacht herausleuchtet - um am Ende ihre Widersacher im schreiend gelben Hemd und mit knallrotem Halstuch zu empfangen.

Von der narrativen Funktion des Filmkostüms zum ikonografischen Zeichensystem ist es oft nur eine Ärmellänge. Denn Kleidung im Film ist stets Ausdruck individueller Befindlichkeit, und gerade deshalb wohnt ihr immer das Potenzial inne, über diese hinauszuwachsen, ja manchmal gar zum reinen Selbstzweck zu werden.

Kleidung im Film kann wie eine zweite Textur gelesen werden, sie stellt nicht die Frage nach ihrer Interpretation, sondern ist, wie es Frieda Grafe einmal formulierte, "die Sache selbst". So wie Bette Davis in Jezebel auf dem Ball der Südstaaten-Gesellschaft nicht das obligatorische Weiß, sondern leuchtendes Rot trägt.

Und wenn schon 135 Frauen in George Cukors The Women durch diverse Schönheitssalons schwirren und spätestens dort - ganz im Gegensatz zu Davis - ununterscheidbar werden, dann müssen sie wenigstens an ihrer entsprechenden Vorliebe zum Glamour auseinander gehalten werden können.

Was auf der Leinwand zur Schau getragen wird, entspringt natürlich dem Geist der Zeit, auch und vor allem dann, wenn diese zur Variablen wird, wie etwa in Roger Vadims Kostümklassiker Barbarella oder Todd Haynes' Glamrock-Hommage Velvet Goldmine. Und keinesfalls dem guten Geschmack. Denn diesen "Dress Code" zu überschreiten galt es schon immer, und daran hat sich bis heute nichts geändert. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2003)

Von
Michael Pekler

Service

Kino unter Sternen, Wien 2., Augarten, Schlüsselwiese, Eingang Gaußplatz,
, 0800/66 40 40.
Beginnzeit jeweils 21.30

Filmliste

Jezebel (11. 7.),
Velvet Goldmine (18. 7.),
The Women (22. 7.),
Cleopatra Jones (26. 7.),
Heißer Sommer (29. 7.),
Faster, Pussycat! Kill! Kill! (1. 8.),
The Seven Year Itch (4. 8.),
Glen or Glenda (11. 8),
Belle de jour (15. 8.)

Link

kinountersternen.at

  • Drei von 135 gut gekleideten Frauen aus George Cukors böser Gesellschaftssatire "The Women", in der sich in Schönheitssalons und anderen männerfreien Zonen doch alles um die Männer dreht
    foto: kino unter sternen

    Drei von 135 gut gekleideten Frauen aus George Cukors böser Gesellschaftssatire "The Women", in der sich in Schönheitssalons und anderen männerfreien Zonen doch alles um die Männer dreht

Share if you care.