Occupy: Keine Lust mehr auf Empörung

Ein Jahr nach ihrer Entstehung in New York hat die Occupy-Wall-Street-Bewegung deutlich an Schwung verloren

Ein Jahr nach ihrer Entstehung in New York hat die Occupy-Wall-Street-Bewegung deutlich an Schwung verloren. Zum Jahrestag gab es gerade einmal etwas mehr als hundert Festnahmen. Viele Kritiker werfen den Occupisten vor, den Fokus verloren zu haben.

 

Wo sind sie geblieben, die 99 Prozent? Am Zuccotti Park in Lower Manhattan, an der Trinity Church und an der Ecke Broadway/Wall Street, quasi ihrem natürlichen Habitat, sind sie kaum noch zu finden. Als dieser Tage das einjährige Jubiläum der Occupy-Wall-Street-Bewegung begangen wurde, war dort nur noch wenig zu spüren von der Leidenschaft, mit der Tausende vor einem Jahr gegen jenes eine Prozent der Gesellschaft aufbegehrt hatten, das ihrer Ansicht nach Vermögenswerte und Finanzsystem absolut kontrolliert.

Nur etwa 1000 Empörte kamen zu den Gedenkprotesten. Und selbst die harten Kerle vom New Yorker Police Department, die sich im Herbst 2011 wilde Straßenschlachten mit den Occupy-Leuten geliefert hatten, schienen keine rechte Lust mehr darauf zu haben, das Gebäude der New Yorker Börse in der Wall Street mit harter Hand zu verteidigen. Es gab nur ein paar kleinere Rangeleien und 146 Festnahmen. Immerhin. Vergangenen Oktober waren es allein 700 Verhaftungen bei einer Aktion, mit der Demonstranten die Brooklyn Bridge blockierten.

"Dass mehr als 100 Menschen festgenommen wurden zeigt, dass Occupy noch immer ein Teil der Debatte ist", sagte einer der Demonstranten, der 24-jährige Caleb Maupin, zur Nachrichtenagentur Reuters. "Wir sind ausgeschlossen. Menschen in meinem Alter haben kaum eine Chance, einen Job zu bekommen. Wir müssen etwas unternehmen, um Aufmerksamkeit zu bekommen."

Resignation in den USA

An der bedauernswerten Situation vieler jungen Leute in den Vereinigten Staaten hat sich seit Herbst 2011 in der Tat kaum etwas geändert. Die Arbeitslosigkeit ist mit einer Quote von mehr als acht Prozent für US-Verhältnisse sehr hoch. Und viele scheinen in dieser Statistik gar nicht mehr auf, weil sie schon lange aufgegeben haben, einen Job zu suchen.

Aber im Gegensatz zu ihren Alters- und Leidensgenossen in Griechenland oder den Indignados in Spanien bringen sie kaum mehr politisches Gewicht auf die Waage. Dort ist der Protest gegen sozialen Abstieg und mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft noch ein Massenphänomen. In den USA, wo alles vor einem Jahr begann, herrscht inzwischen so etwas wie Resignation.

Dafür sei der mangelnde ideologische Fokus, die inhaltliche Beliebigkeit der Occupisten verantwortlich meinen ihre Kritiker. Die Vermischung von Boykottaufrufen gegen Banken, der Forderung nach Abschaffung von Verzinsung und Geld ("Überwinden wir das Geld, bevor es uns überwindet") sowie der Ablöse des Kapitalismus als Gesellschaftsmodell mit Kritik an der israelischen Siedlungspolitik und naiven Sympathien für den Arabischen Frühling, können offenbar immer weniger Menschen nachvollziehen. Die Lust auf Empörung verflüchtigt sich.

"Ekstatische Konfusion"

Occupy selber beschwört in einem Statement zum Jahrestag ("What is Occupy morphing into?") reichlich diffus "eine ekstatische Konfusion, die auf einen seismischen Sprung" im Weltsystem hindeute. Von einer Erschütterung des politischen Kompasses wie seit 1968 ist nicht mehr die Rede. Die Banker freilich, das Hassobjekt der Bewegung, streifen weiter ihre Boni ein - nicht mehr so üppig wie noch vor ein paar Jahren, aber doch so viel, dass sich noch ein Sportwagen pro Saison ausgeht. Erschüttert sind sie nicht. Erschüttert ist auch das politische Establishment nicht.

"We are the 99 Percent" - völlig wirkungslos mag der Slogan der Bewegung dennoch nicht geblieben sein. Denn er lässt sich - jenseits aller disparater Forderungen - schlicht auch als Aufforderung zu mehr bürgerlichem Engagement verstehen. Als berechtigten Verdacht gegen eine repräsentative Demokratie, die sich von Großkonzernen wennschon nicht kaufen, aber doch wesentlich beeinflussen lässt. Wenn dieses generelle Misstrauen dazu führt, dass sich Politiker wieder den Bürgern und nicht den Märkten als Souverän verpflichtet fühlen, dann hätte die Occupy-Wall-Street-Bewegung das ihre geleistet.

Danach allerdings sieht es nach all den Krisenentscheidungen in Brüssel, Washington und anderswo nicht aus. Wir zahlen nicht für eure Krise? Das Gegenteil ist der Fall. Private Verluste werden weiter fröhlich sozialisiert. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 22.9.2012)

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